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CD-Besprechung

Magnus Lindberg

Orchestral Music

Ondine ODE 1110-2Q

4 CD • 4h 18min • 1989-2005

31.03.2011

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die vorliegende große Retrospektive von Magnus Lindbergs Orchestermusik reicht von Tendenza von 1982 bis hin zu Sculpture von 2005. Wer es schafft, sie ganz durchzuhören, wird durchaus reich belohnt; es eröffnet sich ein beachtlicher Reichtum an Orchesterfarben und komponierten Ereignissen – in der Orchestermusik des 1958 geborenen Finnen gibt es immer genug zu hören. Der Booklet-Autor Kimmo Korhonen, beginnt denn auch seinen leider nur in Englisch und Finnisch vorliegenden Text mit der Beobachtung, dass Lindberg sich zwar weiterentwickelt habe, aber letztlich über all die Zeit doch der Gleiche geblieben sei.

Nun gilt eine solche Kontinuität von personaler Identität hoffentlich für jeden Menschen; schließlich will man ja kaum seine eigene Geschichte verlieren. Ziemlich hellsichtig hat jedoch der Kommentator dieser sehr bemerkenswerten CD-Box sowohl die Vorzüge des Lindbergschen Komponierens als auch deren Grenzen und Probleme beschrieben. Im chronologischen Kontext gehört, verlieren die einzelnen Stücke, die im Konzert aufgrund ihrer Fülle und Sonorität durchaus Eindruck machen, von ihrer Wirkung, weil nicht bei allen der insgesamt 15 Werke klar zu unterscheiden ist, was Personalstilistik ist und was Masche. Lindbergs Grundmaterial ist der Klang, meist gespeist aus komplexen, in sich bewegten Anhäufungen von Stimmen, die aber auf ein oder zwei durchaus hörbar auszumachende Zentren hinsteuern. Die häufig letztlich statischen Klänge werden durch rhythmische Muster animiert, oft durch das melodische Motiv der Wechselnote gebildet, und dienen gern als Folie für scheinbar spontane, expressive Instrumentalsoli.

Tendenza (1982) und Kraft (1985), die beiden ältesten Werke dieser Gesamtschau, zeigen diese Strukturen bereits in Reinkultur; in ihnen wird auch bereits manifest, dass die sehr eindringliche, nervöse, bisweilen hysterische Klangoberfläche letztlich – und dies als Widerspruch zum Eindruck der Aufgeregtheit – selten in differente Formteile führen, sondern meist eher als Zustand denn als Entwicklung begriffen werden können (vgl. etwa die Richard-Strauss-Allusionen am Ende von Arena II). So sind die Formen der einzelnen Stücke recht kontrastarm und einander auch recht ähnlich, weil zumeist von Anfang an sehr viel Klang existent ist und sich auch im Verlauf der Stücke hieran nicht mehr viel ändert, selbst wenn, wie in Kraft, Stationen angesteuert werden, die sich durch ihre Geräuschhaftigkeit von anderen Passagen abheben. Kraft ist in dieser Hinsicht vielleicht das avantgardistischste unter den vorgestellten Werken, aber auch hier gibt es keine Änderungen in der formalen Energiekurve, sondern nur Modifikationen des jeweiligen Materials.

Zwar kommen ab den 1990er Jahren tatsächlich auffällig sonore, quasi tonale Elemente neu in Lindbergs Komponieren hinein, doch ist dies nur eine Materialerweiterung, nicht eine Erweiterung der spezifischen Komponierhaltung, die sich auch zur Gestaltung der Form, zur Auffüllung der Zeit, äußern müsste. Auch bei divergierenden Inhalten bleibt bis 2005 gleich, dass sich in keinem der 15 Stücke – außer vielleicht dem kurzen Chorale (2002) – die Form mitteilt, sei es über die konzeptuelle Struktur, sei es über die Empirie der Wahrnehmung; Zeitverläufe werden, etwa in Kinetics (1989), nicht über motivische Arbeit und damit prozessuale Entwicklung, sondern meist über bloße Massierung, das Anschwellen des Apparates, initiiert.

Mit diesem Apparat, dem großen, von Strauss geerbten Orchester, kann Lindberg freilich gut umgehen. In keinem der Werke gibt es schlecht klingende Passagen, und die Orchester, darunter immerhin das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder das Finnische Radio-Symphonieorchester unter den drei Dirigenten Sakari Oramo, Esa-Pekka Salonen und Jukka-Pekka Saraste, können sich mit einer imponierenden Virtuosität und Volumenhaftigkeit präsentieren, die sich im Kontext vieler ärmlicher zeitgenössischer Stücke als sehr dankbar erweist. Lindbergs Werke ab den 1990er Jahre jedoch bringen auch den Erkenntnisgewinn mit sich, dass zwar alles ganz gut klingt, dass aber auch ein differentes Klangbild, etwa ein abstraktes, radikal reduziertes oder schmutziges, artifizielles, selbst der Möglichkeit nach widerständiges Klangbild nicht mehr existiert. Corrente (1992) ist dafür paradigmatisch: Nach einem interessanten Anfang, der aus den Wiederholungen eines lakonischen Tutti-Akkordes gebildet wird, zerfranst die Entwicklung sehr schnell wieder – die Chance auf eine nachvollziehbare, überschaubare Dramaturgie, vielleicht gar Dramatik, wird dadurch vertan. Die stets quasi naturhaft inszenierte Tonalität lässt künstlerische, wenn man so will, „geistige" Entwicklungen nicht zu.

Spätestens ab 1997, in Feria mit seinen zwischen Debussy und generischer Filmmusik angesiedelten Trompetensignalen, wird die Tonalität vollends zitathaft; und zitiert wird eine obsolete Materialschicht, weil Lindberg es versäumt – oder verweigert –, eine neue Form der Tonalität zu generieren wie etwa gleichzeitig bei Peter Kiesewetter oder auch skandinavischen Kollegen wie Pehr Hendrik Nordgren oder Anders Eliasson. Gran Duo von 2002 erinnert, mit vielen Pedaleffekten im Orchester, nicht nur von Ferne an Coplands Fanfare for the Common Man, überhaupt an den amerikanischen Klassizismus der 1930er und 1940 er Jahre, und es scheint nur folgerichtig, dass Lindberg in Chorale (2002) schließlich beim Choral „Es ist genug" ankommt, der für immer mit Alban Bergs Violinkonzert verbunden bleibt. Lindberg weiß das natürlich und scheint diese eigene Hingezogenheit hier offenzulegen; ob er etwas Neues und Eigenes hinzufügen kann, bleibt fraglich: Bergs Fülle kann nicht gesteigert werden, und die Anklänge an Stokowskis Bach-Orchestrationen bereichern weniger als dass sie verwässern. Auch in den beiden neuesten Werken, dem Concerto for Orchestra (2003) und Sculpture (2005) wird auffällig viel Material präsentiert, das wie Stilzitat aus Debussy, Ravel oder Strawinsky wirkt – anders gesagt, all dies klingt nicht mehr ganz frisch. Nicht diese tonale Restauration ist das Problem, sondern dass es keine andere Ebene mehr gibt, keine Kontraste, an denen sich die Restauration reiben, und keine konzeptuelle Rahmung, in welcher sie sich erklären könnte. Sollte sich Lindbergs Komponieren für Orchester als ein 25jähriger Weg herausstellen, der letztlich auf eine neue reine Tonalität hinzielt? Dann aber hat er diese bislang, bei aller unbestreitbaren Virtuosität, noch nicht gefunden; nur herbeizitiert.

Dr. Michael B. Weiß [31.03.2011]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Magnus Lindberg
1Tendenza 00:11:54
2Kraft 00:30:16
3Kinetics 00:22:39
CD/SACD 2
1Joy 00:26:39
2Corrente 00:20:48
3Corrente II 00:16:36
4Coyote Blues 00:11:54
CD/SACD 3
1Arena 00:15:03
2Arena 2 00:15:00
3Feria 00:17:04
4Soon the time of the white nights is past 00:19:23
CD/SACD 4
1Chorale 00:05:58
2Concerto for Orchestra 00:29:58
3Sculpture 00:22:56

Interpreten der Einspielung

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