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CD-Besprechung

Ballades

Jae-Hyuck Cho plays Chopin

Orchid Classics ORC100193

1 CD • 66min • 2019

19.05.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Der südkoreanische Pianist und Organist Jae-Hyuck Cho, der bisher vorwiegend in den USA und in seiner Heimat auftrat, wählte für sein CD-Debüt am Flügel die vier Balladen und die h-Moll-Sonate op. 58 von Fréderic Chopin. Damit setzt er sich selbstbewusst härtester Konkurrenz aus. Die Zusammenstellung bot sich wohl vor allem deshalb an, da er dieses Programm gerade auf seiner Tournee zu Gehör bringt. Den Rezensenten erfreut eine solche Zusammenstellung zumeist deshalb weniger, weil sie zur Einordnung zahlreiche Vergleiche erfordert.

Chopins Erfindung: Die Langversion des lyrischen Klavierstücks

Chopin schuf mit seinen vier Balladen eine eigene Gattung und löste damit das Problem, wie man ein lyrisches Stück von 10 Minuten Dauer überzeugend gestaltet. Interessanterweise stehen alle Werke im Sechsertakt. Dieser bietet nämlich die größte Variabilität in der Gestaltung der zu erzählenden Geschichte. Möglicherweise spielt der Komponist hier auch auf den Ursprung des Begriffs „Ballata“ – von „ballare“ = tanzen, also „etwas Tanzbares“ – an. Denn Geschichten hier werden erzählt.

Ob bestimmte Balladen des polnischen Poeten Adam Mickiewicz (sprich: Mitzkjewitsch), der das Pariser Exil mit Chopin teilte, als direkte Vorlage dienten, oder ob es sich einfach um eine Erweiterung des „Liedes ohne Worte“ aufs größere Format der „Ballade ohne Worte“ handelte, ist bisher unentschieden. Wie die literarische Ballade, die alle lyrischen Formen (Erzählen, Betrachten, Stimmungen malen) als „Ur-Ei“ (Goethe) in sich vereint, sind auch Chopins Balladen Mischformen. Man kann sie durchaus als Sonatensätze mit extrem kontrastierenden Themen betrachten, die ein Erbe des Rondos sind. Doch spielt auch das Prinzip der „entwickelnden Variation“ eine bedeutende Rolle, da es wesentliches Gestaltungsmerkmal der unglaublich subtilen Übergänge ist, in denen sich die Themen gleichsam in ihr Gegenthema verwandeln. Vom Pianisten erfordern die Balladen, die zu den anspruchsvollsten Werken Chopins gehören, zunächst einmal eine virtuose Spieltechnik – der Schluss der f-Moll-Ballade gehört zu den unangenehmsten Stellen der Klavierliteratur – vereint mit der Fähigkeit, ein Kaleidoskop an Klangfarben zu generieren.

Die h-moll-Sonate ist das klassischere Pendant zum kapriziösen Schwesterwerk in b-Moll.

Alle Werke fordern die subtile Beachtung der Details – Chopin notiert außerordentlich genau – ohne den Blick auf das große Ganze der zu erzählenden Geschichte zu verlieren.

Schnappschuss eines „Works in progress“

Jae-Hyuck Cho bezeichnet seine Einspielung im Booklet selbst als Schnappschuss eines „Works in progress“. Er beherrscht die spieltechnischen Parameter durchaus, ist aber (noch) nicht in der Lage, in den Balladen wirklich spannende Geschichten zu erzählen, wie es Murray Perahia, Krystian Zimerman oder Leif Ole Andsnes perfekt gelingt. Er versteht es nicht, wie Perahia die Generalpausen als Spannungsgeneratoren zu nutzen. Sein Rubato ist noch nicht raffiniert genug, um den Sog zu schaffen, der den Hörer auf die Stuhlkante zwingt. Die Sonate ist gekonnt musiziert, hat jedoch nicht die Poesie Michail Pletnevs oder gar die brutale Brillanz der Referenz, die die junge Martha Argerich einst in die schwarzen Rillen bannte.

Die Klangtechnik ist in der CD-Version etwas wattig geraten. Deshalb bietet es sich an, auf die hochaufgelöste Version per Streaming zuzugreifen. Der Booklet-Text liegt ausschließlich auf Englisch vor, informiert den Sprachkundigen jedoch ausführlich. Trotzdem gibt dies Punktabzug beim Gesamteindruck.

Fazit: Kein wirklicher Meilenstein in der Chopin-Diskographie, jedoch als Konzerterinnerung durchaus geeignet. Jae-Hyuck Cho hätte vielleicht besser daran getan, statt der Sonate Balladen der Chopin-Nachfolge (Hans v. Bronsart, Joachim Raff, Gabriel Fauré etc.) einzuspielen.

Thomas Baack [19.05.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 00:09:40
2Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38 00:07:07
3Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 00:07:32
4Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52 Nr. 4 00:11:41
5Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58 00:29:47

Interpreten der Einspielung

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