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Besprechung CD

Johann Heinrich Rolle

Lukas-Passion

cpo 555 525-2

2 CD • 1h 31min • 2022

26.06.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Nur wer sich intensiver mit der deutschen Kirchenmusikgeschichte des 18. Jahrhunderts beschäftigt hat, wird auf den Namen des Magdeburger Musikdirektors Johann Heinrich Rolle (1716-1785) gestoßen sein. Seine Lukas-Passion entstand 1744 und weist deutliche Einflüsse der Berliner Schule um C.Ph.E. Bach, Karl Heinrich Graun und Georg Benda auf. Michael Alexander Willens, der mit seiner Kölner Akademie 2015 schon Rolles Matthäus-Passion von 1748 aufgenommen hat, liefert eine fulminante Ersteinspielung.

Ein weiteres Opfer romantischer Musikhistoriker

Johann Heinrich Rolle entstammt einer Musikerfamilie. Der Vater Christian Friedrich (1681-1751) war zunächst Organist in Quedlinburg wurde aber 1722 Musikdirektor in Magdeburg, nachdem er im Rennen um das Thomaskantorat von Christoph Graupner und Georg Philipp Telemann überrundet worden war. Rolle junior erhielt seine musikalische Ausbildung beim Vater, studierte Jura in Leipzig, was wahrscheinlich macht, dass er als Geiger oder Bratscher im von Johann Sebastian Bach geleiteten Collegium musicum mitwirkte, ging dann aber zunächst als Anwalt nach Berlin. Man entdeckte sein Talent und so wurde er Mitglied der berühmten Hofkapelle. Für das Jahr 1744 ist in Magdeburg die Aufführung einer Lukas-Passion belegt. Diese ist im Manuskript mit „di Sign. Rolle“ bezeichnet. Der Titel des Einbands aus dem 18. Jahrhundert schreibt sie zwar Johann Heinrich zu, auf einem der Vorsatzblätter findet sich jedoch die Notiz „Komp. nach einer von Dr. B. Engelke im Familienbesitz entdeckten Textbuch Christian Friedrich Rolle. Mitteilung vom 9. Sept. 1920“. Dies erklärt auch die Merkwürdigkeit , dass Johann Heinrich seine erste Magdeburger Stelle als Organist der St. Johannis-Kirche erst 1746 antrat. 1751 beerbte er den Vater als Musikdirektor und führte dort regelmäßige Konzertreihen ein. 1767 bewarb er sich um die Nachfolge Telemanns in Hamburg und unterlag mit nur einer Stimme seinem ehemaligen Berliner Kollegen C.Ph.E. Bach. Da die Musikgeschichtsschreibung die Zeit zwischen Bach und dem mittleren Mozart – besonders in der Kirchenmusik – als Niedergang betrachtet hat und die Komponisten des galanten Stils als „Kleinmeister der Vorklassik“ abtat, stehen uns hier wohl noch einige Entdeckungen bevor.

Eine galante Passion

Offensichtlich hat der Jahrgang 1681 neben Telemann einen weiteren Polystilisten hervorgebracht oder Vater und Sohn haben sich die Aufgabe geteilt. Rolle zeigt in seiner Lukas-Passion, dass ihm sowohl der galanten Schmelz einer Graun- oder Hasse-Arie zu Gebote steht, als auch die Beherrschung komplexer Kontrapunktik bis hin zur Doppelfuge. Da er die exzellenten Solisten der Hofoper im Ohr hatte, stellt er an die Solisten Anforderungen, die über Bach und Telemann um einiges hinausgehen. Ähnlich wie Telemann orchestriert er farbig und setzt je nach Affekt Traversen, Hörner und Fagotte zur Standardbesetzung von Streichern und Oboen. Wenngleich ihm die Bildhaftigkeit Telemanns und dessen Neigung zu Klangmalerei abgeht, gelingen ihm in den Arien – häufig als Doppelaffekt mit tempomäßig verändertem Einschüben gestaltet – viele anrührende Elemente (CD 1 Track 17, CD 2 Track 16). Die Rezitative sind teilweise arios gehalten, wie auch die Jesus-Worte durchweg als Ariosi vertont sind. Dass die Passion weniger dramatisch wirkt und teilweise recht freundlich-lyrisch daherkommt, liegt selbstverständlich auch an der eher episch-poetischen Erzählweise des Lukas-Evangeliums.

Wundervolles Musizieren

Michael Alexander Willens und seiner Kölner Akademie ist eine nahezu perfekte Ersteinspielung gelungen. Er rekonstruiert die originalen Aufführungsbedingungen mit kleiner Streicherbesetzung und einem 9-köpfigen Vokalensemble anstatt eines großen Chores, der vielleicht bei den – eher schlicht in Telemannischer Manier gesetzten Chorälen – höhere Emotionalität böte, aber bei den technisch teilweise höchst anspruchsvollen Turbae zu schwerfällig wäre. Die Solisten sind fast durchgehend ausgezeichnet. Markus Schäfer bietet einen involvierten jederzeit textverständlichen Evangelisten. Siri Karoline Thornhill meistert die fiesen hohen Direkteinsätze im großen Duett mit dem warm timbrierten Mezzo Elvira Bill (CD2/16) mit höchster Eleganz. Hugo Hymas gibt einen anrührenden Petrus. Matthias Vieweg muss in der hochvirtuosen Bariton-Arie „Nimm sich’rer Mensch“ (CD2/9) bei den heiklen schnellen Doppelschlagfiguren zu gelegentlichen Aspirationen greifen, bildet aber durchwegs elegante Triller. Thilo Dahlmann fällt als Jesus leider etwas ab, da er glaubt, in jedem Moment pastos und samtig klingen zu müssen und dadurch seine Stimme wesentlich zu schwer führt. Unter dem bei deutlichem Vibrato relativ langsamen Einschwingen leiden dann Textverständlichkeit und Intonation, die bei allen anderen Mitwirkenden höchst erfreulich ist. Alle Instrumentalisten phrasieren sinn- und affektgemäß. Den Oboisten gebührt ein Extra-Lob für die brillante Ausführung ihrer technisch höchst anspruchsvollen Partien.

An der Klangtechnik gibt es nichts auszusetzen. Das Booklet bietet einen Essay zur Einführung in Komponist und Werk sowie den vollständigen Text auf Deutsch und Englisch.

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Fazit: Warum nicht einmal eine stärker lyrisch-anakreontisch gefärbte Passion? Rolle gelingt ein höchst abwechslungsreiches Werk, das vielleicht der Düsternis des Geschehens etwas schuldig bleibt, aber trotzdem mit einer Fülle musikalischer Einfälle glänzt, die dem Ohr durchaus schmeicheln. Eigentlich müsste ich für die schlampige Zuschreibung einen Punkt abziehen. Wenn jedoch derart exzellent musiziert wird, führt das trotzdem zu voller Punktzahl und zu einer klaren Empfehlung.

Thomas Baack [26.06.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Heinrich Rolle
1Lukas-Passion

Interpreten der Einspielung

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