Alessandro Stradella
Tyrants and Heroes • Cantatas for Bass
Maruo Borgioni • Gruppo Cameristico Academia Montis Regalis
cpo 555 671-2
1 CD • 56min • 2023
06.05.2026
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Gesamteindruck:![]()
Wie im Fall von Gesualdo da Venosa basiert auch bei Alessandro Stradella (1643-1682) der Nachruhm mehr auf seiner abenteuerlichen Biographie, die Dichter und spätere Komponisten inspiriert hat, als auf seinem eigenen umfangreichen Werk. Von seinen einst erfolgreichen acht Opern wird keine mehr gespielt, von den Oratorien ist einzig San Giovanni Battista unter fortgeschrittenen Musikfreunden noch ein Begriff. Seine eigentliche Domäne war indes die Gattung der Kammerkantate, in der er an die 200 Stücke geschaffen hat, die meisten für Sopran- und Kastratenstimmen. Der Bass als Protagonist war damals eher eine Seltenheit. Vier Kompositionen für diese Stimmlage, ergänzt durch zwei Instrumental-Stücke, bilden das Programm des vorliegenden Recitals.
Geschichten aus dem alten Rom
Es geht in den Kantaten um vier reale Gestalten der römischen Antike, deren Schicksale im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche legendenhafte Verklärungen erfahren haben. Der Tod des Philosophen Seneca, der sich auf Befehl seines Schülers die Pulsadern aufschneidet, ist zuvor schon in Monteverdis Oper L’incoronazione di Poppea eindrucksvoll behandelt worden. Nero selbst, das Inbild eines psychopathischen Tyrannen, verfolgt in Sopra un’eccelsa torre mit Genugtuung das brennende Rom, das er selbst in Flammen gesetzt hat. Der siegreiche byzantinische General Flavius Belisarius, später Titelheld einer Oper von Donizetti (Belisario), wurde wegen angeblichen Hochverrats von Kaiser Iustinianus geblendet und zum Bettler gemacht (Privo delle sue luci). Das tragische Schicksal des römischen Feldherrn Marcus Antonius ist aus dem Drama Anthonie and Cleopatra von William Shakespeare bekannt. Bei Stradella erleben wir seinen ergreifenden Abschiedsgesang mit der bitteren Erkenntnis: „Jedes Gesetz ist veränderlich, nur das Gesetz des Sterbens ist unausweichbar“.
Kleine Monodramen
Musikalisch hat Stradella großen Wert auf eine differenzierte Ausgestaltung der dichterischen Texte gelegt und die Kantaten zu kleinen Monodramen entwickelt, in denen sich Rezitative und Arien abwechseln, wobei auch die Rezitative aus Gründen der dramatischen Steigerung ariose Elemente enthalten. Interessant ist bei Belisarius und Antonius, dass die Monologe der Protagonisten durch einen Erzähler eingeleitet und gelegentlich unterbrochen werden. Eine Form des epischen Theaters. Die beiden als Intermezzi fungierenden einsätzigen, aber mehrteiligen Sonaten für zwei Soloinstrumente (Violine + Cello, 2 Violinen) und Basso continuo sind auch nach dialogischen Prinzipien aufgebaut und erzählen im raschen Wechsel der Grundstimmungen kleine Geschichten ohne Worte.
Erstaunlicher Sänger
Die Kantaten verlangen durchweg einen Sänger, der über die Qualitäten eines basso profondo verfügt, wie er mit Seneca in Monteverdis Oper vorgeprägt ist. Ich habe bisher noch keinen Bariton gehört, dem solche Qualitäten nachzurühmen sind. Der fabelhafte Mauro Borgioni setzt mich deshalb in Erstaunen. Zwar bewegt er sich in der tiefsten Lage hörbar nicht in seiner Komfortzone, aber er klingt dort resonant genug und entwickelt dann in der Mittellage und noch in der Höhe beträchtlichen Glanz und Volumen. Ebenso bemerkenswert ist sein Vortragsstil, der die gesungenen Texte ohne jede Übertreibung mit äußerster Prägnanz umsetzt, gleichsam wie gemeißelt, und damit allen vier Gestalten eine natürliche heroische Statur vermittelt. Die ihn begleitenden vier Musiker der Gruppo Cameristico Academia Montis Regalis wiegen ein ganzes Kammerorchester auf und brillieren auch in den Instrumentalstücken: Es sind dies Laura Andriani (Violine), Alessandro Palmeri (Violoncello), Francesco Romano (Theorbe) und Lorenzo Feder (Cembalo). Der Booklet-Text von Giacomo Sciommeri ist präzise und hilfreich.
Ekkehard Pluta [06.05.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Alessandro Stradella | ||
| 1 | La morte di Seneca (Cantata) | 00:08:47 |
| 2 | Nero (Il Nerone, Cantata) | 00:11:18 |
| 3 | Sonata a violino solo e basso | 00:08:06 |
| 4 | La canzone di Belisario | 00:09:49 |
| 5 | Sinfonia a tre | 00:05:35 |
| 6 | Già le spade nemiche (Cantata) | 00:11:46 |
Interpreten der Einspielung
- Mauro Borgioni (Bariton)
- Gruppo Cameristico Academia Montis Regalis (Ensemble)
