Winbeck – Lütge – Schneid
Chamber Music
Neos 1215-16
2 CD • 1h 31min • 2025
01.07.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Heinz Winbeck war ein Künstler, der nur durch sein Werk zu den Menschen sprechen wollte und sich einem Kult um die eigene Person entzog. Er komponierte ausschließlich aus innerem Bedürfnis, mied den Musikbetrieb weitgehend und lebte zurückgezogen auf einem niederbayerischen Pfarrhof. Bis zu einem gewissen Grade ist es also verständlich, dass der durchaus international erfolgreiche und mehrfach preisgekrönte Winbeck bis zu seinem Tod 2019 ein „Geheimtipp“ blieb. Mit umso größerer Genugtuung stellt man fest, dass seinem Schaffen mittlerweile die diskographische Aufmerksamkeit zuteil wurde, die es schon zu seinen Lebzeiten verdient hätte: Noch in seinem Todesjahr erschien eine Edition aller seiner fünf Symphonien. Es folgte die Gesamteinspielung seiner drei Streichquartette. Anlässlich seines 80. Geburtstags, kam nun bei NEOS ein Doppelalbum heraus, das drei Kammermusikwerke Winbecks mit zwei Kompositionen aus seinem Schülerkreis vereint.
Reduktion und Exzess
Das früheste der hier versammelten Stücke ist Poco a poco für Klavier und Streichtrio von 1974 – wahrscheinlich bewusst nicht als Klavierquartett bezeichnet, da das Klavier sich kaum mit den Streichern mischt: Es spielt über weite Strecken nur einzelne Töne oder aphoristische Oktavkaskaden, während sich die Streicher in Repetitionen kurzer, starrer Motive ergehen, die wie klangliche Platten übereinander geschichtet werden und dissonant knirschen. Winbeck lässt die Musik immer weiter hochkochen, dann löst sich die Spannung und mündet zum Schluss, als hätte man darauf gewartet, in ein Zitat aus der Stretta von Schuberts d-Moll-Quartett.
Auch das Streichquintett mit zwei Celli Blick in den Strom entfaltet seine Wirkung durch die obsessive Verarbeitung sehr einfachen Materials. Man erwarte keine freundlich dahinplätschernde Wassermusik. Stattdessen wird das Stück über 14 Minuten lang durch unerbittlich tickende Ostinati geprägt, die von einem Instrument zum anderen wandern – eher liegt der Gedanke an einen Zeitstrom nahe als an ein Gewässer. In der Coda tritt uns plötzlich eine völlig andere Musik entgegen: eine vier Minuten lange, langsame Unisono-Linie, in deren Verlauf aber die Klangfarben ständig wechseln. Die Reduktion ist für Winbeck letztlich genauso charakteristisch wie der Exzess.
Dichten statt Dichtung
Die Lyrik Georg Trakls hat Winbeck gleich zu mehreren Werken angeregt. In Heiter... Einsam... Leise... für tiefe Frauenstimme und Streichquartett stellte der Komponist den Text aus Entwürfen zu Trakls Helian zusammen. Indem Winbeck keine fertige Dichtung Trakls vertonte, machte er den Prozess des Dichtens zum Thema seines Stückes. Die Singstimme hat hier ein breites Spektrum an Aufgaben zu bewältigen: vom gewöhnlichen Gesang über den Sprechgesang bis zur Rezitation. Eine eigentümlich weit gezackte Stimmführung über langen, gläsernen Flageolett-Tönen kehrt mehrfach als Verdeutlichung des Wahnsinns wieder. Nach wilden, alptraumhaften Szenen steht am Ende eine gedehnte Gesangsmelodie über gleichmäßig pulsierender, ruhiger Begleitung. Ein weiteres Beispiel für Winbecks Fähigkeit, phantastisch-entrückte Schlüsse zu komponieren, in denen die Musik wie geläutert erscheint.
Musik über Musik: fragmentiert und organisch
Winbeck, der immer wieder Zitate aus Musik früherer Komponisten in seine Werke einwob, komponierte in seinem Spätwerk schließlich nur noch „Musik über Musik“. Ein solches Konzept liegt auch dem für die gleiche Besetzung wie die Helian-Fragmente komponierten Torso – Fragment – Kommentar seines Schülers Tobias PM Schneid zugrunde. Schneid verarbeitet hier größere und kleinere Bruchstücke aus Liedern Robert Schumanns und Franz Schuberts, wobei der Fokus auf Naturbildern liegt. Die Texte bleiben an einzelnen Phrasen und Wörtern hängen, die originale Musik wird teils zitiert, teils verfremdet. Die Fragmentierung von Musik und Sprache der Romantiker wird zum Symbol der Naturzerstörung in unserer Zeit. Auch wenn es nicht die Binnenspannung und den unbedingten Ausdruckswillen vergleichbarer Werke Winbecks (etwa dessen Lebensstürme) erreicht, gelingt Schneid hier ein hörenswertes, geistreiches Stück.
Geniale Musik
Das kürzeste Werk des Albums scheint mir das interessanteste: das Streichquartett Beschriebene Blätter von Ines Lütge. Auch in diesem Stück, das die Komponistin zur Erinnerung an ihren Lehrer Winbeck 2019 schrieb, haben wir Musik über Musik vor uns, allerdings in ungleich organischerer Form. Das Werk speist sich aus den Fugenthemen von Beethovens op. 131 und Bachs BWV 869, die Lütge anfangs aus der Stille entstehen lässt, als wären es ihre eigenen Gedanken. Zwischen Zitat und eigenem Einfall besteht in diesem Stück keinerlei Bruch, alles fügt sich nahtlos zu einer dichtgedrängten Entwicklung von einer Konsequenz zusammen, die heute selten geworden ist. Ich sehe keinen Grund, mit dem Wort „genial“ im Bezug auf das Schaffen lebender Tonsetzer freigiebig umzugehen. Aber Ines Lütges Beschriebene Blätter gehören zu den Fällen, in denen man es getrost gebrauchen sollte: Diese achteinhalb Minuten sind geniale Musik!
Exzellente Ausführung
In den Händen des Leopold Mozart Quartetts, das in einzelnen der Werke durch die Cellistin Susanne Gutfleisch und den Pianisten Andreas Kirpal ergänzt wird, sind diese Stücke, bei denen es sich sämtlich um Ersteinspielungen handelt, sehr gut aufgehoben. Für die Vokalkompositionen stand mit Luise von Garnier eine hervorragende Mezzosopranistin zur Verfügung, die auf der ganzen Bandbreite des Ausdrucks, vom klassischen Liedgesang bis zur Rezitation bei Winbeck und zu absichtlich hässlichen Tönen bei Schneid, exzelliert.
Norbert Florian Schuck [01.07.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Heinz Winbeck | ||
| 1 | Blick in den Strom für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli | 00:18:42 |
| Ines Lütge | ||
| 2 | Beschriebene Blätter für Streichquartett | 00:08:21 |
| Heinz Winbeck | ||
| 3 | Poco a poco ... für Klavier und Streichtrio | 00:13:51 |
| CD/SACD 2 | ||
| Tobias PM Schneid | ||
| 1 | Torso – Fragment – Kommentar für Streichquartett und tiefe Frauenstimme (komponierte Interpretationen zu Liedern von R. Schumann und F. Schubert) | 00:26:03 |
| Heinz Winbeck | ||
| 6 | Heiter ... Einsam ... Leise ... für tiefe Frauenstimme und Streichquartett (Helian-Fragmente nach Entwürfen zu Helian von Georg Trakl) | 00:24:44 |
Interpreten der Einspielung
- Mariko Umae (Violine)
- Aleksandra Manic (Violine)
- Christian Döring (Viola)
- Johannes Gutfleisch (Violoncello)
- Susanne Gutfleisch (Violoncello)
- Leopold Mozart String Quartet (Streichquartett)
- Andreas Kirpal (Klavier)
- Luise Garnier (Mezzosopran)
