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CD-Besprechung

Naxos 8.551246

1 CD • 67min • 2005

14.07.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 1
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 4

Das kompositorische Schaffen Thomas Schmidt-Kowalskis stellt die Kritik vor ein großes Problem. Deren naheliegendstes Urteil: daß Schmidt-Kowalski nämlich künstlich die kompositionstechnischen Entwicklungen der letzten 100 Jahre ignoriert, und komponiert, als wäre er nicht 1949, sondern irgendwann vor 1874 geboren, und daß er damit wenigstens etwas sehr Seltsames tut, ahnt der Komponist natürlich voraus. Er wird sich, wenn er ein solches Urteil empfängt, in seinem Mut bestätigt fühlen und provokativ fragen, ob man denn heute nicht mehr „romantisch“ oder gar „schön“ komponieren dürfe. In einer Umgebung, welche die Tonalität nur noch unter verfremdenden, problematischen Vorzeichen zuläßt, würde Schmidt-Kowalski damit unversehens zum Avantgardisten.

Dies ist jedoch ein Denkfehler. Das sachliche, kompositorische Problem ist nicht, ob man heute noch tonal komponieren darf – man darf nämlich. Leider können die heutigen Komponisten jedoch nicht mehr ungebrochen tonal komponieren, weil die klassische Komposition vor mittlerweile ja auch schon wieder 80, 90 Jahren von einer bis dato intakten, sich immer organisch weiterentwickelten Tradition abgeschnitten wurde. „Tonalität“ war ja nie ein statisches Regelsystem, sondern ein Bezugsrahmen, den die Komponisten nur dann erfüllten, wenn sie ihn weiterentwickelten. Haydn und Mozart hatten die Tonalität an Grenzen geführt, die vor ihnen undenkbar waren. Und eben dies ist nicht mehr möglich, weil die Komponisten heute nicht mehr in einer lebendigen Tradition stehen, sondern „die“ Tonalität nur noch unter der Vitrine besichtigen können wie schöne, aufgespießte Schmetterlinge.

Um es deutlich zu sagen: Auch Schmidt-Kowalski kann heute nicht mehr tonal komponieren. Freilich kann er, wie ein Improvisator, generisches traditionales und tonales Material verdauen und wiedergeben, nur dass Schmidt-Kowalski nicht bloß ein Tasteninstrument, sondern eben ein großes Sinfonieorchester für seine Reproduktionen zur Verfügung hat. Das Adagio des ersten Satzes seiner 4. Sinfonie C-Dur op. 96 steht exemplarisch dafür: Das Adagio von Bruckners 6. Sinfonie oder das Finale von Brahms’ 1. Sinfonie lassen grüßen. Wenn dann jedoch der Komponist Schmidt-Kowalski übernimmt, kommt er über die uneigentliche Kopie nicht hinaus. Ohne daß dem Rezensenten eine Partitur vorgelegen hätte, lassen sich dem Orchestersatz doch einige ungeschickte, etwa parallele Stimmführungen abhören oder Stimmen, die nicht sauber zu Ende geführt werden, sondern im Ungefähr versanden. Das aber wäre den Gewährsmännern Schmidt-Kowalskis, von Bruckner bis Rachmaninow, nie passiert. Anders als diese Komponisten kann Schmidt-Kowalski mit der selbstgewählten Tonalität eben nicht mehr problemfrei umgehen.

Dazu kommt, daß Schmidt-Kowalski im Kopfsatz der Sinfonie, und auch im Violinkonzert Nr. 2 h-moll op. 100 mehr oder weniger nur einen einzigen Gestus anzitiert, nämlich diejenige feierlich-resümierende Musik, die Bruckner für die Schlußentwicklungen seiner großen Sätze reserviert hatte. Selbst wenn Schmidt-Kowalski heute noch tonal komponieren könnte – wenn er etwa als eine Art moderner Kaspar Hauser tatsächlich sämtliche Entwicklungen versäumt hätte und nun, von diesem Wissen unbeleckt, naiv komponieren würde –, hätte er einen ungleich größeren Reichtum an Situationen erschaffen müssen, um seinen Vorbildern auch nur annähernd gleichzukommen. So jedoch wird nur die Musik reproduziert, die Schmidt-Kowalski offenkundig am besten gefällt, und das ist eben die feierlich-resignative.

Das SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern unter der Leitung Manfred Neumanns klingt sehr gut, ebenso der Geigensolist Gernot Süßmuth, und man kann den Orchestrationen nicht absprechen, daß sie ordentlich gemacht sind; aber auch das Orchester schafft es nicht, die längst vergangenen Floskeln, die vom Komponisten der Vergangenheit abkopiert wurden und in einen neuen, nicht tragfähigen Kontext versetzt wurden, mit demjenigen artikulatorischen Sinn zu erfüllen, den sie im originalen Kontext hatten. So zeigt Schmidt-Kowalski mit beträchtlichem Aufwand und nicht zuletzt mit Herzblut, welchen Reichtum wir innerhalb der letzten 100 Jahre verloren haben. Diese Produktion ist also im Gesamteindruck ein interessantes Experiment, das freilich dazu verdammt war zu scheitern – ohne, wohlgemerkt, den Komponisten selbst damit auch nur entfernt zum Märtyrer zu machen.

Dr. Michael B. Weiß [14.07.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Thomas Schmidt-Kowalski
1Sinfonie Nr. 4 C-Dur op. 96
2Violinkonzert Nr. 2 H-Dur op. 100

Interpreten der Einspielung

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