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CD-Besprechung

Heinz Winbeck

The Complete Symphonies

Heinz Winbeck

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 08.10.19

Klassik Heute
Empfehlung

TYXart TXA17091

5 CD • 4h 52min • 1985, 2001, 1991, 1993, 2017

Heinz Winbeck verweigerte sich dem großen Medienrummel und Festivalzirkus, denn wohlfeile Vermarktung war seine Sache nicht. Das künstlerische Anliegen des in der Nähe von Regensburg lebenden und im März dieses Jahres verstorbenen Komponisten hat schon etwas von einer tiefen Reinheit: Ging es ihm doch darum, fern von Erwartungsdruck und Auftragsarbeiten „gnadenlos alles von sich zu geben“, ebenso „alles aus uns, dem Orchester, Dirigent, Publikum“ heraus zu holen. So beschreibt Dennis Russell Davis in den Linernotes zur neuen Gesamtedition mit Winbecks fünf Sinfonien den hohen Anspruch an Ausführende und Zuhörer gleichermaßen.

Der Komponist offenbart sich hier – und darauf deutet allein schon das favorisierte kolossale sinfonische Format hin – als Gegenwartskomponist, der sich weder in einen neutönerisch-akademischen Elfenbeinturm verschanzt, noch sich durch Rückwärtsgewandtheit beim Publikum anbiedert. Stattdessen geht er aufs Ganze, fordert heraus, kehrt das Innerste nach außen. Die Orchester des Bayerischen Rundfunkts (Leitung: Muhai Tang), des ORF Radiosinfonieorchesters (Leitung: Dennis Russel Davis), das Deutsche Sinfonieorchester Berlin (Leitung: Mathias Husman) und das Beethoven Orchester Bonn (Dennis Russel Davis) überbieten sich auf den fünf CDs darin, all dies mit aller zur Verfügung stehenden expressiven Wucht nach außen dringen zu lassen.

Die Sinfonien bauen in einer Entwicklungslogik aufeinander auf: Die erste Sinfonie definiert Winbecks Ton- und Klangsprache in einer klaren, vorwärtsdrängenden Diktion, die vor allem auf repetitive Strukturen und perkussive Wucht setzt. Ein gnadenloses Debut dieses Sinfonikers, das bei den Donaueschinger Musiktagen durchaus bestürzte. Sinfonie Nr. 2, zupackend umgesetzt vom ORF Radiosinfonieorchester Wien, differenziert diese Richtung weiter aus, arbeitet raffiniert mit Zitaten aus der Romantik, um schließlich einen breit aufgefächerten Choral mit Einflüssen aus der frankoflämischen Epoche in die Zielgerade zu führen. Die Dritte Sinfonie verfolgt ein gänzlich anderes, tief persönliches Anliegen, wenn sie die expressionistische Lyrik Georg Trakls ins Zentrum stellt. Christel Borchers eindringlicher Altstimme kommt hier die zentrale Rolle zu – in einer komplexen Aufarbeitung ganz im Dienst der deklamatorischen Sache.

Die Sinfonie Nr. 4 beleuchtet den religiösen Aspekt in Winbecks Denken und Schaffen. Das 80minütige Mammutwerk zieht Elemente aus dem lateinischen heran, transformiert dessen Textbotschaften und Choräle in die Ästhetik einer harschen, manchmal gespenstischen Klangexpression, in der dann auch wieder die Worte Georg Trakls aufblitzen. Vor allem der reibungsvolle Parforceritt eines hochvirtuosen Gesangsensembles verblüfft hier.

Seine letzte Sinfonie hat Winbeck „Jetzt und in der Stunde des Todes“ hat betitelt. Bewältigt scheint die Phase der aufbegehrenden, alles in die Welt hinaus schreienden Expression. In einem weiten spätromantisch gefärbten Bogen bekennt der Komponist seine Seelenverwandtschaft zu Anton Bruckner, um schließlich dessen Finale aus der 9. Sinfonie aufzugreifen. Ein Lebensfazit?

Man kann kaum anders, als alle fünf Sinfonien chronologisch hintereinander zu hören. Die kühnen sinfonischen Mittel, die berstende Spannung und kompromisslose Klangwelt, die vielfach pochende Motorik der Rhythmen, die verstörenden Passagen mit Trakls Textlyrik und schließlich das völlige Abtauchen in eine spätromantische Abgeklärtheit erzeugen dank der eindringlichen Spielkultur sämtlicher Orchester eine Sogwirkung, die nicht mehr loslässt.

Dass Winbeck überhaupt große, abendfüllende Sinfonien schrieb, zeugt von seiner kompromisslosen Haltung, die sich vor allem der Absage an die Nischenkultur des üblichen Konzertbetriebs verweigert, wo in der Regel zwischen zwei Werken aus dem 19. Jahrhundert vielleicht mal eine moderne Kostprobe vorsichtig „verabreicht“ wird.

Diese CD-Edition, die Winbecks kostbares Vermächtnis bewahren hilft, ist ein Appell, tiefer zu blicken. Und sollte auch eine Anregung für weitere Orchester sein, dieses beispiellose Œuvre immer wieder vor Publikum aufzuführen – denn das dürfte für viele Hörer die Potenziale eines entfesseten sinfonischen Apparats neu definieren!

Stefan Pieper [08.10.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H. Winbeck Sinfonie Nr. 1 (Tu Solus) 00:39:00
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sinfonie Nr. 2 00:57:00
CD 3
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sinfonie Nr. 3 (Grodek, nach Texten von Georg Trakl) 00:53:45
CD 4
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sinfonie Nr. 4 (De Profundis, nach Texten des lateinischen Requiems, Texten von Georg Trakl und einem Anonymus des 19. Jahrhunderts) 01:21:05
CD 5
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sinfonie Nr. 5 (Jetzt und in der Stunde des Todes, Drei Fragmente unter Verwendung von Motiven insbesondere des Finales des IX. Sinfonie von Anton Bruckner) 01:01:00

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Bruce Weinberger Saxophon
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Orchester
Muhai Tang Dirigent
ORF Radio-Symphonieorchester Wien Orchester
Dennis Russell Davies Dirigent
Christel Borchers Alt
Udo Samel Rezitation
Deutsches Sinfonieorchester Berlin Orchester
Mathias Husmann Dirigent
Christel Borchers Alt
Günter Binge Bariton
Werner Buchin Countertenor
Wolf Euba Rezitation
Konzertchor Darmstadt Chor
Beethoven Orchester Bonn Orchester
Dennis Russell Davies Dirigent
Deutsches Sinfonieorchester Berlin Orchester
Dennis Russell Davies Dirigent
 
TXA17091;4250702800910

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