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Besprechung CD

Frank Martin

Chamber Music

MDG 603 2388-2

1 CD • 61min • 2025

28.01.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der Schweizer Frank Martin (1890–1974) gehört zu den Komponisten, deren Musik niemals völlig in Vergessenheit geraten ist, ohne dass sein Schaffen wenigstens in der Totalen ein fester Bestandteil des Repertoires wäre. Dabei differiert die (diskographische) Situation von Werk zu Werk stark; manches – etwa aus dem Bereich der geistlichen Musik – ist relativ populär, anderes kaum beachtet. Eher in letzteren Regionen seines Œuvres bewegen sich die drei Kammermusikwerke, die das Utrechter Streichquartett unterstützt durch die Pianistin Ilona Timchenko auf der vorliegenden Neuerscheinung des Detmolder Labels MDG vorstellt, liegt doch von diesen Stücken jeweils kaum eine Handvoll Einspielungen vor. Insgesamt decken die drei Kompositionen einen Zeitraum von nicht weniger als 47 Jahren ab und repräsentieren jeweils unterschiedliche Perioden in Martins Schaffen.

Zwischen Bach und impressionistischen Farben

Das Klavierquintett, 1919/20 entstanden, zeigt den jungen Komponisten zwischen deutschen und französischen Einflüssen, hörbar fasziniert von der Polyphonie und Expressivität der Musik Bachs (speziell in den langsame(re)n Sätzen, mit einer Art Passionsmusik als 3. Satz, deren absteigenden kleinen Terzen zu Beginn etwas Magisch-Verinnerlichtes innewohnt), überhaupt barocken Formen Referenz erweisend, wobei eine feine Stilisierung wie das Tempo di Minuetto dann wiederum an Ravel denken lässt. Das Beiheft nennt nicht zu Unrecht auch César Franck als Einfluss, obwohl Martin insgesamt wesentlich transparenter, mit leiserer, zurückgenommenerer und am Ende bereits hier merklich individueller Stimme schreibt. Auffällig sind auch volkstümliche Einschläge, so etwa im Trio des Menuetts oder im Finale, dessen Frohsinn alsbald wieder relativiert wird und in einen ambivalenten Schluss mündet wie ein kurzes Aufleuchten, das sich sofort wieder eindunkelt.

Intensive Beschäftigung mit der Zwölftontechnik

Anfang der 1930er Jahre begann Martin sich intensiv mit Schönbergs Zwölftontechnik auseinanderzusetzen, und natürlich ist der Kontrast zwischen den letzten Takten des Quintetts und den zerfurchten, herb-dodekaphon auf und ab wandernden Vierteln im Cello, unterlegt von dissonierender Akkordik in Violine und Viola zu Beginn des folgenden Streichtrios (1935/36) erst einmal groß: hier befindet man sich hörbar in einem anderen Schaffensabschnitt. Dass Martin bei aller Beschäftigung mit Zwölftonreihen eine tonale Basis niemals preisgeben wollte, ist wenigstens im 1. Satz des Trios nicht ohne weiteres ersichtlich; eigentlich fixiert erst der Schluss den Zentralton cis wirklich, deutlicher dann im Finale, das sonst in vielerlei Hinsicht an den Kopfsatz anknüpft. Die Doppelgriffe in Violine und Viola haben hier passagenweise sogar eine leicht romantische Aura, doch insgesamt bleibt der Gestus auch dieses Satzes streng, ja trauervoll. Belebt, kontrastierend der schnelle Mittelsatz mit seinem Auf und Ab der Linien in Violine und Viola und den Pizzicato-Impulsen im Cello, und wenn man im Mittelteil wiederum einen (nun eher distanzierten) volkstümlichen Tonfall vernimmt, dann zeigt dies zusammen mit den neobarocken Anspielungen der Ecksätze, dass die Parallelen zum Quintett doch größer sind als es zunächst scheinen mag.

Souveräne Meisterschaft im späten Quartett

So harsch wie (wenigstens passagenweise) hier hat Martin nicht lange komponiert; schon bald fand er eher zu einer Synthese aus Zwölftonmusik und seinen langjährigen Idealen wie sie bereits im Klavierquintett ersichtlich sind. Auf dieser CD steht hierfür exemplarisch das späte Streichquartett (1966/67). Lebt der 1. Satz von der Dualität zwischen melismatischem Melos der Bratsche und einem unschuldigen, fast kessen zweiten Thema und erinnert das groteske, ein wenig brüske Scherzo mit seiner irregulären Rhythmik an den 2. Satz des Trios, so kann der 3. Satz als Hommage an Bachs berühmtes Air begriffen werden, allerdings herber, distanzierter, dunkler. Leichtigkeit prägt das Finale, einen grotesken Tanz, der am Schluss mit einer kleinen harmonischen Volte aufwartet, die den Weg zu einem resoluten Dur-Schluss ebnet.

In eher introvertierten, gedämpften Farben

Das Utrechter Streichquartett lässt diesen Werken überzeugende Interpretationen angedeihen, die in der Totalen eher die introvertierte, gedämpften Farben der Musik in den Vordergrund stellen. Dabei differenzieren die Musiker insofern, als dass sie das deutlich harschere Streichtrio entsprechend unverhüllter expressiv begreifen. Dem 2. Satz des Klavierquintetts geht ein wenig der Menuettcharakter ab, der freilich angesichts eines notwendig raschen Tempos a priori ein Drahtseilakt ist. Sehr überzeugend das Finale des Streichquartetts in seiner etwas distanzierten Emotionalität. Ein informativer Begleittext rundet eine weitere gelungene MDG-Produktion ab.

Holger Sambale [28.01.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frank Martin
1Quintett d-Moll op. 4 für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier (À ma femme) 00:25:11
5Streichtrio 00:14:49
8Streichquartett 00:20:36

Interpreten der Einspielung

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