75. ARD-Musikwettbewerb – Schlagzeug
Semifinale
Es hat bisweilen etwas Floskelhaftes, die hohe Leistungsdichte im Teilnehmerfeld beim ARD-Musikwettbewerb zu beschwören. Aber beim Schlagzeug-Semifinale des diesjährigen Wettbewerbs hatte man als Außenstehender auf jeden Fall das Gefühl, dass hier ausnahmslos starke Persönlichkeiten um den Einzug in die letzte Runde spielten. Auch deshalb stellte sich überhaupt keine Langeweile ein, wenn man insgesamt sechsmal Béla Bártoks Sonate für 2 Klaviere und Schlagzeug von 1937 im Arrangement von Martin Grubinger sen. erlebte. In dieser Fassung sind nur ein Klavier und zwei Marimbas zu hören, von denen die Semifinalisten die erste Stimme zu übernehmen und die entsprechenden Herausforderungen im Ensemblespiel, nicht zuletzt in der Klangbalance zu meistern hatten. Hervorragende Partner hatten sie dafür alle mit Per Rundberg am Klavier, Jürgen Leitner an der Marimba 2 sowie Jochen Schorer und Vincent Vogel am Schlagzeug.
Dreimal Xenakis
Vor dem Ensemblestück konnten die Halbfinalteilnehmer aus sechs ca. 10-minütigen Stücken je eines zum Set-Up wählen. Gespielt wurden insgesamt nur vier aus dieser Auswahl, da sich drei Teilnehmer für Psappha von Iannis Xennakis aus dem Jahr 1975 entschieden. Neben den klaren rhythmischen Strukturen und Zäsuren ist an diesem Stück für die Interpreten wie auch für das Publikum die Option reizvoll, die sechs Instrumentengruppen aus Fell und/oder Holz sowie Metall individuell zusammenstellen zu können.
Die ersten Teilnehmer
Mariia Shmeleva war als erste an der Reihe, vermied klangliche Extreme und führte zwischen den Materialgruppen gleichsam ein regelmäßiges Frage-Antwort-Spiel auf, was auch zur sapphischen Dichtung passt, auf die im Werktitel angespielt wird. Auch für ihre Interpretation der ersten Marimba-Stimme in Bartóks Sonate schien maßgeblich, sich in den musikalischen Fluss einzufügen, ohne zu dominieren. Mit den „Rücken an Rücken“ stehenden Marimbas und im beharrlichen Augenkontakt mit Jürgen Leitner war im besten Wortsinn sorgfältig dargebotene Kammermusik zu erleben.
Die Herangehensweise von Leon Lorenz war dagegen schon mit der Wahl von Thirteen Drums for Percussion solo (1985) von Maki Ishii eine ganz andere. In der reinen Membranophon-Besetzung machte sich Lorenz nach dem Prinzip der ständigen Klangballung und -entladung auch körperlich für den Bartók-Part bereit, bei dem er seine Marimba als einziger so drehen ließ, dass er frontal zum Publikum agierte. Blickwechsel und eine gute Koordination mit Leitner gab es dennoch, allerdings ging die größere klangliche Brillanz ein wenig zulasten des Gleichgewichts der Stimmen.
Besondere Individualität im Mittelteil des Semifinales
Bei Seongyeon Kong zu Beginn des zweiten Halbfinales, ebenfalls mit Xenakis‘ Psappha als Auftakt, stellte sich sogar eine Nähe zur Performance-Kunst ein. Nach kraftvollem Beginn gestaltete Kong die Pausen im Mittelteil beinahe mit einem körperlichen Einfrieren, um den codahaften Schlussteil schließlich als regelrechte Bruitage auszulegen – eindrucksvoll wie am Rande mechanischen Lärms. Eine solche Zuspitzung blieb in der Bartók-Sonate aber aus. Erkennbar war nur wiederum die Neigung, Abschnitte wie die Bach-Anleihen als Basis und die tänzerischen Passagen deutlich voneinander abzugrenzen.
Danach führte Yuan Xia noch einmal Psappha auf – seinerseits sofort schwungvoll und federnd, die Pausen im Mittelteil zum Atemholen nutzend und schließlich wie unter Starkstrom und nur mit dem Bruchteil einer Schrecksekunde bei einem Schlägelwechsel gegen Ende. Für Bartók gelang Xia indes beinahe die Quadratur des Kreises: Sein Spiel war glasklar, ohne jegliche verwischte Skalen oder Akzente, und auch das Wechselspiel mit seinen Partnern gelang durchgehend.
Zweimal Mut im letzten Halbfinale
Besser wurde es nicht mehr, aber noch einmal abwechslungsreicher. Gabriel Michaud stellte sich mit Bone Alphabet (1991) von Brian Ferneyhough einer vom Set-Up her minimalistischen, von der Notation her jedoch ebenso variantenreichen wie komplexen Aufgabe. Allein was Michaud in diesem Stück an dynamischen Abstufungen präsentierte, war eine Meisterleistung. Bei Bartók erwies er sich vollends als Klangzauberer, der gerade in leisen Momenten noch leuchtende und schillernde Töne hervorbringen kann.
Für Anna Fiveiska war die ohnehin nicht dankbare Aufgabe, zum Abschluss eines langen Halbfinaltages aufs Podium zu müssen, so wahrscheinlich noch schwerer. Mit Interieur I von Helmut Lachenmann (1966) und damit der Erkundung, welche Abstufungen und Schattierungen in der Metallgruppe möglich sind, begann Fiveiska beinahe meditativ. Auch bei Bartók konnte sie ihre Stärke beim Abdämpfen von Tönen im Sinne der Deutlichkeit gewinnbringend ausspielen. Beim Schlussapplaus wirkte sie indes selbst nicht ganz glücklich, nachdem auch kleine Unsicherheiten wie beim Nachjustieren der Notenblätter im Mittelsatz offensichtlich gewesen waren. Ein Sonderlob sei an dieser Stelle noch einmal dem Schlagwerk-Ensemble für Bartók ausgesprochen, das mit allen Halbfinalisten konzentriert und flexibel musiziert hatte.
Nur Zwei Finalisten
Am Ende gibt es mit Yuan Xia und Gabriel Michaud nur zwei Finalisten. Das kann man hart finden, aber in der Summe erscheint es durchaus plausibel.
Dr. Sebastian Stauss (11.09.2026)

