Igor Markevitch
Concerto for Piano and Orchestra | Cinema Overture | Cantique d'Amour | Lorenzo il Magnifico
Sarah Maria Sun | Jonathan Powell | Rundfunksinfonieorchester Berlin | Johannes Kalitzke
eda records 056
1 CD • 58min • 2025
30.07.2026
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Klassik Heute
Empfehlung
Igor Markevitch (1912–1983) kennt man mit gut 250 überlieferten Aufnahmen vor allem als stilbildenden Dirigenten, der – selbst von Hermann Scherchen ausgebildet – später Künstler wie Daniel Barenboim oder Herbert Blomstedt entscheidend prägte. Dabei begann seine Karriere sehr früh als aufsehenerregender Komponist. Das von Diaghilev in Auftrag gegebene Klavierkonzert hob der Cortot-Schüler einen Tag nach seinem 17. Geburtstag in London aus der Taufe. Angesichts der wirklich erstaunlichen Qualitäten und der trotz spürbarer Einflüsse Nadia Boulangers und seiner Vorbilder Strawinsky und Hindemith bemerkenswerten Eigenständigkeit seiner Musik eigentlich unverständlich, gab der Maestro das Komponieren vor Ende des Zweiten Weltkriegs, gerade mal 30-jährig, jedoch abrupt auf. Kein Wunder, dass es seine Werke so nie ins Repertoire schafften.
Eine der letzten Aufnahmen Jonathan Powells
Das knappe, neo-klassizistische Klavierkonzert greift auf barocke Traditionen des Concerto grosso mit einem gehörigen Schuss Strawinsky zurück. Wir erleben dabei eine der letzten Aufnahmen des leider Ende 2025 mit nur 56 Jahren verstorbenen Pianisten Jonathan Powell, der sich für extrem virtuose Literatur wie Sorabji und zuletzt für die Wiederentdeckung Hans Winterbergs eingesetzt hatte. Wie auch die übrigen Stücke dieser CD kommt das Konzert mit seiner nicht nur in den Außensätzen unerbittlichen Rhythmik hier durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Johannes Kalitzke weitaus federnder und differenzierter zur Geltung als in den zumindest vom Orchester aus Arnheim etwas pauschal dargebotenen Aufnahmen auf Marco Polo (später bei Naxos wiederveröffentlicht). Und unter den Händen Powells wirkt diese Musik um einiges lebendiger als die ein wenig sture Mechanik Martijn van den Hoeks – nicht etwa wegen flotterer Tempi.
Zwei ganz unterschiedliche Charakterstücke
Die Cinéma Ouverture, ursprünglich für ein Filmprojekt von 1931 geschrieben, wo Markevitchs Musik dann allerdings doch nicht zum Einsatz kam, erinnert an manches aus den „Roaring Twenties“: akrobatisch flinke, hochenergetische, dabei im Detail konsequent logisch angelegte Metamorphosen immer derselben Keimzelle mit glitzernder, teils gewagt provokativer Instrumentation. Cymbalom, Sirenen und Autohupen liegen hier bereits näher an Ligetis Le Grand Macabre als noch an Gershwins An American in Paris. Ganz anders dann Cantique d’amour, entstanden 1936 im Umfeld von Markevitchs Hochzeit mit Vaclav Nijinskis erster Tochter Kyra. Die sehr leidenschaftliche, zugleich nächtlich-unheimliche Musik begibt sich klanglich in die Welt von Ravels Daphnis et Chloë; die fantastische Instrumentation ist freilich bereits weitaus elaborierter. Das noch verkannte, achtminütige Meisterwerk scheint auch das Berliner Orchester begeistert zu haben, dessen Musiker hier mit ergreifender Delikatesse ans Werk gehen, wo hingegen der sicher sorgfältig vorbereitete Christopher Lyndon-Gee in Arnheim den Funken nicht wirklich zum Überspringen bringen konnte.
Ein Konzert für Stimme und Orchester: Lorenzo il Magnifico
Lorenzo il Magnifico (1940) ist bereits Markevitchs letztes Stück mit Orchester. Lorenzo de’ Medicis Liebeslyrik aus dem Quattrocento wird als viersätziges Konzert für Stimme und Orchester vertont. Insgesamt erneut äußerst farbig orchestriert, ranken sich vier vokale Abschnitte um einen rein instrumentalen Streichersatz mit dem Titel Contemplazione della bellezza. Die in moderner Musik erfahrene Sopranistin Sarah Maria Sun mit ihrem nach wie vor jugendlich-hellen Timbre und der hier schon akustisch erforderlichen, überschwänglich-opernhaften, aber immer klaren Diktion erweist sich für Markevitchs überaus hörenswertes Werk als ideale Interpretin. Sie weiß genau um den richtigen Tonfall, dosiert die Emotionen präzise und glaubwürdig – ein faszinierendes Erlebnis mit Tiefgang, der einigen früheren Kompositionen Markevitchs vielleicht noch ein wenig fehlte. Als Komponist verdient er endlich mehr Beachtung. Da sowohl Booklet wie auch die Aufnahmetechnik des Deutschlandfunk Kultur ebenfalls keine Wünsche offenlassen, gibt es für diese Veröffentlichung von eda records eine klare Empfehlung.
Vergleichsaufnahmen: Arnhem Philharmonic Orchestra, Christopher Lyndon-Gee [Klavierkonzert (Martijn van den Hoek) – Marco Polo 8.225076, 1998]; [Cinéma Ouverture – Marco Polo 8.223653, 1995]; [Cantique d’amour – Marco Polo 8.223666, 1995]; [Lorenzo il Magnifico (Lucy Shelton) – Marco Polo 8.223882, 1996].
Martin Blaumeiser [30.07.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Igor Markevitch | ||
| 1 | Klavierkonzert (Piano Concerto, 1929) | 00:15:07 |
| 4 | Cinema Overture | 00:08:00 |
| 5 | Cantique d'Amour | 00:09:23 |
| 6 | Lorenzo Magnifico (Sinfonia concertante für Sopran und Orchester) | 00:24:39 |
Interpreten der Einspielung
- Jonathan Powell (Klavier)
- Sarah Maria Sun (Sopran)
- Rundfunk Sinfonieorchester Berlin (Orchester)
- Johannes Kalitzke (Dirigent)

