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CD-Besprechung

Tudor 7116

1 CD • 68min • 2004

11.01.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Mit dem im schweizerischen Lachen am Zürichsee geborenen Joseph Joachim Raff (1822–1882) widmet sich das ebenfalls in der westlichen Alpenrepublik beheimatete Label Tudor seit einiger Zeit einem Komponisten, dem das Schicksal vieler seiner Zeitgenossen zuteil wurde: Er wurde weitgehend vergessen. Ob es wirklich gelingt, ihn dieser versickernden Vergangenheit zu entreißen und in ein konkretes historisches Licht zu rücken, wird sich in Zukunft zeigen. Was jedoch feststeht ist, dass Raff zu seinen Lebzeiten ein anerkannter, geschätzter und nicht zuletzt sehr viel gespielter Komponist war.

Die vorliegende CD mit dem seit 1985 bestehenden Quartetto di Milano präsentiert bereits die zweite Aufnahme, die sich dem acht Werke umfassenden Streichquartettschaffen Raffs widmet. Das hier vorliegende op. 90, als zweites geschriebenes Quartett 1857 entstanden, und op. 192/1, komponiert 1874, gehören laut Booklet zu den Werken, in denen Raff „das ausgeklügelte Spiel mit konservativen musikalischen Formen liebt. (Anne Friedrich)“ So besteht das A-Dur-Quartett aus einem typisch viersätzigen Aufbau, das c-Moll-Quartett widmet sich hingegen barocken Formen; freilich aus der Brille der Romantik betrachtet.

Die Interpretationen sind nicht minder unterschiedlich. Gelingt es den Musikern bei op. 192, die fünf Sätze mit formeller Strenge, aber in sich stimmig wiederzugeben, so leidet die Interpretation von op. 90 unter verschiedenen Defiziten. Der etwas unvermittelte Beginn des Kopfsatzes weicht bald emotional aufgeladenen, schwärmerischen Momenten, die jedoch zu gleichförmig gespielt werden, um wirklich zu überzeugen. Dynamischen Nuancen werden weitgehend negiert, innere Spannungsmerkmale kaum herausgearbeitet. Da nützt gegen Ende auch die flott gespielte Stretta nichts mehr, der Satz hat sein Ziel bereits verfehlt.

Flott, aber zu zahm galoppiert der zweite Satz einher, auch hier mit der Last der fehlenden Spannungsdynamik am Bein. Der einem Andante gleiche langsame Satz ist rhythmisch und agogisch zu starr, um zu überzeugen, ein bei 4’40 stattfindender musikalisch-emotionaler Ausbruch wirkt durch die mangelnde Vorarbeit unlogisch und fremd. Um hier kein Missverständnis zu erwecken: Raffs Schaffen besitzt natürlich nicht die Qualität etwa der großen C-Dur-Sinfonie von Schubert, dessen langsamer Satz ebenfalls unaufhaltsam in die Katastrophe wandert. Hinsichtlich der Interpretation müssen also andere Maßstäbe angesetzt werden. Dennoch benutzen sowohl Schubert als auch Raff die gleiche musikalische Sprache, und diese wird vom Quartetto di Milano hier nur mittelmäßig gesprochen. Im letzten Satz schließt sich der Kreis dieser enttäuschenden Interpretation, eckig und ohne echte Spannung endet auch das Finale.

Warum die Interpretation des c-Moll Quartettes, der „Suite in alter Form“ mit der Satzfolge Präludium und Fuge – Menuett – Gavotte und Musette – Arie – Gigue – Finale um so viel besser gelang, darüber kann nur spekuliert werden. Nicht etwa, dass ein völlig neuer Interpretationsansatz gewählt worden wäre, auch hier dominiert – zu Recht – ein ganz der Klangkultur des 19. Jahrhunderts verpflichteter Tonfall, doch geht es weniger um Entwicklungen als um statische Formen. Breit, aber stimmig zeigt sich der Beginn des Präludiums, gefolgt von einer Fuge mit transparent gemachter Stimmführung. Insgesamt formell etwas steif, aber dadurch auch den barocken Charakter (so wie ihn die Romantik sah) betonend, zeigen sich Menuett, Gavotte und Musette. Nicht zuletzt durch die Originalklangbewegung klingt diese Interpretation hier besonders interessant. Niemand dürfte heute Barockmusik wohl so spielen; es sei denn, sie wurde im 19. Jahrhundert komponiert. Kantabel und schlichtweg schön dann die Arie, gefolgt von einem Finale, das in seiner strengen Haltung gleichsam einen Zaun ziehen möchte zwischen barocker Inspirationsquelle, romantischem Zeitgeist (besonders schön bei 1’05 herauszuhören, wo Schubert sich kurz zu Wort meldet) und gegenwärtiger Interpretation bzw. Rezeption.

So verschieden die Qualitäten der Interpretationen, so einheitlich gut ist die Klangqualität. Das Klangbild vermittelt die Instrumente sehr offen und klar, speziell in den polyphonen Passagen sind die Stimmen der einzelnen Instrumente ausgesprochen gut durchhörbar.

Robert Spoula [11.01.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Joachim Raff
1Streichquartett Nr. 6 c-Moll op. 192 Nr. 1 (Suite älterer Form)
2Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 90

Interpreten der Einspielung

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