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CD-Besprechung

Berlin Classics 0017952BC

1 CD • 79min • 2001

24.07.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

„Großes ist nie privat,” pflegte Günter Wand diplomatisch zu antworten, wenn er gefragt wurde, warum das Schaffen Gustav Mahlers in seinen Programmen so gar keine Rolle spielte. Andere sind da weniger diskret wie beispielsweise ein Kollege, der die Ansicht vertritt, der selbsternannte Heimatlose ließe einen sogar die „Gebrauchsspuren in der Leibwäsche” sehen – und fatalerweise hat sich ja auch so vieles um die ganz persönlichen Dinge dieses Mannes gedreht, daß es kaum mehr möglich scheint, ein Werk wie die neunte Sinfonie ohne das Privatprogramm von ungetreuer Ehefrau, Verlustängsten und Weltentsagung zu interpretieren und zu hören. Das mochte eine Zeitlang funktionieren, hat uns auch, die wir weniger drastisch – und vielleicht, wie der Einführungstext meint – zu voyeuristisch veranlagt sind, gewiß so manche Stunde der Erschütterung beschert. Doch irgendwann kommt die Phase, in der das ewige „Auwei!”, zur Erhaltung seiner Wirksamkeit so hoch dosiert wurde, daß man’s nicht mehr ertragen kann und vor der Wahl steht, auf den weiteren Kontakt mit dem/den Kunstwerk/en vollends zu verzichten oder sich nach Alternativen umzutun, die mit einer ganz andern, objektiveren Sichtweise an die Sache herangehen.

Als Günther Herbig am 16. September 2001 mit dem RSO Saarbrücken Gustav Mahlers neunte Sinfonie im Konzert exekutierte, muß er sich der Notwendigkeit zur Umkehr wohl bewußt gewesen sein. Daß hier endlich mal jemand nicht gleich im Jammer der Welt ersäuft, wenn tief die Harfe schnalzt, sondern vielmehr vor allem auf das Geflecht der motivischen Zusammenhänge und auf die Größe des sinfonischen Entwurfs abhebt, das führt zu einem beachtlichen Resultat: Das Interesse verlagert sich beim Hören im Nu auf die absoluten Ereignisse, und die wiederum erweisen sich als so bedeutend, daß Almas Leid, Sigismund Shlomo Freud und all die andern Verständniskrücken, Adorno eingeschlossen, einfach nicht nötig sind. Dem folgenden Ländler fehlt anfangs etwas von der gebotenen Derbheit, was einer momentanen Konditionsschwäche der Live-Darbietung zuzuschreiben sein mag; der Satz vermag sich aber im weiteren Verlauf so bedeutend zu steigern, daß die Solo-Ausbrüche des Rondos (die einzigen wirklich hysterischen Momente dieser Aufnahme) eine glaubhafte Entladung signalisieren. Daß das Finale schließlich ohne nennenswerte Larmoyanz auskommt und dennoch – oder deshalb? – auf ganz eigene Weise bewegen kann, ist nach allem, was sich bis dahin ereignet hat, kein Wunder mehr: Es ist fürwahr so viel große Musik in diesem Gebilde, daß jeder Boulevard-Anstrich, jeder Versuch einer klingenden Nabelschau ein Rückschritt in niedrigere Regionen darstellte.

Ist das deswegen ein kühler, ein sachlicher, ein „unmahlerischer” Mahler? Mitnichten! Nur hören wir hier nicht unbedingt Mahlers Neunte, auch nicht Mahlers Neunte (mit all dem zahlenmystischen Hokuspokus, über den so viel geschrieben wurde). Statt dessen gibt es hier in erster Linie eine Sinfonie. Ihrer Form nach der einfache, konsequente Schritt vom späten Beethoven im allgemeinen über Tschaikowskys Pathétique im besonderen. Man macht einfach zu viel Gewese um diese Verdrehungen: Mahler hat weder das Rad neu erfunden noch die Tradition umgeschmissen wie eine morsche Droschke; er hat sich ihrer bedient, um private Mitteilungen und persönliche Bekenntnisse zu organisieren, und dabei konnte es nicht ausbleiben, daß er große Musik geschaffen hat, die weit über jedes subjektive Mitteilungsbedürfnis hinausgeht. So jedenfalls klingt es in dem vorliegenden Live-Mitschnitt, der sich trotz einiger vernehmlicher Bronchial-Soli als Alternative empfiehlt.

Rasmus van Rijn [24.07.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Gustav Mahler
1Sinfonie Nr. 9 D-Dur

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