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CD-Besprechung

Scherzi

Johanna Michna

Elisio ECD-1821

1 CD • 70min • 2012

14.01.2014

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Ursprünglich aus dem Menuett hervorgegangen und meist an der dritten Stelle in der Satzfolge stehend, kam dem Scherzo zunächst eine unterhaltende, auflockernde Funktion zu. Da sollte Abwechslung geliefert werden - und frische Bewegung aus der Kontemplation des vorangehenden langsamen Satzes aufwecken! Doch solche Konventionen überleben sich, je mehr die Komponisten seit Beethoven und ganz besonders in der Romantik ihr subjektives Ich ins Zentrum rücken.

Frédéric Chopins vier Scherzi markieren den Höhepunkt dieser Entwicklung. Was ließ sich doch alles mit dieser Form sagen und bündeln: Da ist das Temperament eines schnellen Dreiermetrums und fordert eine stark polarisierende ABA-Struktur zur Gestaltung intensiver Wechselbäder heraus. Chopin hat diesen Satz längst zur eigenständigen Komposition emanziert: eine Werkform, die bestens dazu geeignet ist, das tiefste Innere herauszukehren, sich fallen zu lassen und wieder aufzutauchen - und dazwischen die zartesten, intimsten Nuancen leben zu lassen.

Joanna Michnas Spiel wird genau diesen Qualitäten bestens gerecht. Die in Polen geborene Pianistin hat die perfekte Instrumentenbeherrschung der osteuropäischen Schule verinnerlicht – unter anderem studierte sie in den pianistischen Kaderschmieden von Viktor Merhanov (Moskau) und Jan Ekier (Warschau). Und sie erfühlt mit großer Wärme die expressive Größe ihres Landsmannes Chopin – aber auch die von dessen Bewunderern, die auf dieser CD ebenfalls zu Wort kommen.

Werkhistorisch gesehen ist ihre neue CD ein plausibles wie kurzweiliges Unterfangen. Chopins Scherzi stehen als unantastbare Monumente im Mittelpunkt. Aber bekanntlich wird Musik ja nicht nur interpretiert, sondern auch durch andere Komponisten „beantwortet“. Dahingehend durchforschte Joanna Michna das Notenmaterial mit erstaunlichen Resultaten: Auf Chopins Scherzi in h-Moll und b-Moll reagiert der deutliche jüngere Milij Balakirew in ebensolcher Tonart. Joanna Michnas Spiel zeichnet diese unmittelbaren Linien nach. Es verdichtet atemlose Lautleise-Kontraste und vermittelt sehr einfühlsam zwischen bebender Spannung und melodiöser Intimität. Vor allem Balakirews Antwort auf das b-Moll-Scherzo wirkt dabei wie eine Verneigung vorm großen Vorbild.

Das cis-Moll-Scherzo wartet mit einer fast schon bizarren Vertracktheit auf – und es findet seinen Widerhall bei Modest Mussorgsky. Doch dessen cis-Moll Scherzo bleibt viel eigenständiger mit seinen klar strukturierten Unisono-Parts und einer gewissen tänzerischen Eleganz. Spannend sind auch die dortigen Vorwegnahmen einer Melodie des „Alten Schlosses“ aus den Bildern einer Ausstellung.

Fast geriet Joanna Michna in Verlegenheit, als sie nun für das „vierte im Bunde“, jenes E-Dur Scherzo ein würdiges Pendant suchte. Schließlich stieß sie auf ein wenig bekanntes Kleinod von Halfdan Kjerulf, eines wenig bekannten Zeitgenossen Chopins. Und es erstaunt, wie stark Kjerulf in gerade mal dreieinhalb Minuten den atmosphärischen Gehalt des fast zwölfminütigen Originals auf den Punkt trifft.

Joanna Michnas spielerisches Potenzial zeigt sich nicht zuletzt darin, all dies zu einem stimmigen Bogen zu vereinen, der gerade dazu zwingt, diese CD in einem Durchgang zu erleben. Ihr Spiel ist alles andere als kühl und sezierend. Sie gehört zu den reifen Interpretinnen, die den kontemplativen Blicks aufs Ganze wahren, den fließenden Bogen formen und dadurch in jedem Moment aus einer tiefen inneren Ruhe heraus agieren. Dadurch wird die Kraft von Chopins Ausdruckswelt umso stärker deutlich.

Stefan Pieper [14.01.2014]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20 00:09:10
Mily Alexejewitsch Balakirew
2Scherzo Nr. 1 h-Moll 00:09:17
Frédéric Chopin
3Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 00:10:43
Mily Alexejewitsch Balakirew
4Scherzo Nr. 2 b-Moll 00:10:04
Frédéric Chopin
5Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39 00:08:10
Modest Mussorgsky
6Scherzo cis-Moll 00:06:26
Frédéric Chopin
7Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54 00:11:37
Halfdan Kjerulf
8Scherzo E-Dur op. 29 00:03:23

Interpreten der Einspielung

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