
Ondine ODE 1249-2
1 CD • 57min • 2009, 2013
25.11.2014
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Nur drei kurze Opern hat der mit seinen Klavierkonzerten und symphonischen Werken erfolgreiche Sergej Rachmaninow vollendet, und diese haben trotz ihrer musikalischen Qualitäten keinen festen Platz im Repertoire der Opernhäuser gefunden, selbst in Rußland nicht. Die Herausforderung einer abendfüllenden Oper war für den Komponisten offenbar auch eine Prestigefrage. Die Wahl eines Stückes von Maurice Maeterlinck als Sujet lag besonders nahe, da Claude Debussys Vertonung von Pelléas et Mélisande zu Beginn des 20. Jahrhunderts (neben der Salomé von Richard Strauss) sozusagen der „dernier cri“ des modernen Musiktheaters war. Monna Vanna hat zudem mehr äußere Handlung als der Pelléas und schien dadurch besonders operntauglich. Die Geschichte spielt im 15. Jahrhundert. Die florentinische Armee belagert seit Monaten das kurz vor der Kapitulation stehende Pisa; ihr Hauptmann Prinzivalli ist bereit, die Stadt zu verschonen, wenn Monna Vanna, die Frau des Kommandanten Guido, nur in einen Mantel gehüllt zu ihm kommt und die Nacht mit ihm verbringt. Gegen den Willen ihres Mannes bringt Monna Vanna dieses Opfer und trifft im feindlichen Lager überraschend auf eine Jugendliebe.
Dass diese Oper Fragment blieb, hängt nicht mit einem plötzlichen Zweifel Rachmaninows am Stoff oder gar mit einem künstlerischen Scheitern zusammen, sondern mit der Tatsache, dass die Rechte am Stück bereits an einen anderen Komponisten vergeben waren. Die gleichnamige Oper von Henry Fevrier kam im Januar 1909 an der Pariser Oper in einer Starbesetzung mit Lucienne Bréval, Vanni Marcoux, Jean-Francois Delmas und Lucien Muratore heraus.
Rachmaninow, der den ersten Akt der Oper im Klavierauszug vollendet hat, ließ das Projekt liegen und nahm es auch später nicht mehr vor. Erst 75 Jahre später instrumentierte der Dirigent Igor Buketoff den Torso und brachte ihn in Saratoga/New York heraus (glanzvoll besetzt mit Tatiana Troyanos, Sherrill Milnes und John Alexander). Später spielte er ihn für Chandos erstmals auf Schallplatte ein. Die jetzt von Ondine vorgelegte Aufnahme verwendet nicht Buketoffs Fassung, sondern eine neue Orchestrierung von Gennady Belov. Es handelt sich dabei um eine Aufführung des Moskauer Konservatoriums unter Vladimir Ashkenazy, die durch ihr hohes instrumentales und vokales Niveau beeindruckt.
Die Frage, ob Rachmaninow im Falle einer Vollendung der Oper damit den Durchbruch in dieser Gattung geschafft, gar einen wichtigen Beitrag zum Musiktheater des frühen 20. Jahrhunderts geleistet hätte, wage ich nicht zu beantworten. Der erste Akt besteht nämlich im Wesentlichen in einer breiten Exposition; erst die dritte Szene, die Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten, hat dramatisches Feuer und einige Sprengkraft für das Kommende. Rachmaninow war kein Avantgardist seiner Zeit, er verfolgt auch hier, wie in vielen seiner Lieder, die Tradition Tschaikowskys weiter. Die Figur des eifersüchtigen Guido ist ihm dabei auch musikalisch spannend geraten, und der junge Bariton Vladimir Avtomonov läßt hier wirklich aufhorchen: Eine lyrisch-dramatische Zwischenfachstimme, die sich auch für italienische Partien eignen könnte.
Die schon vor fünf Jahren in Moskau entstandene Aufnahme des 40minütigen Torso wird auf der CD ergänzt durch die aktuellere Einspielung von 7 Rachmaninow-Liedern, darunter die populäre Vokalise. Die sind eine sichere Bank mit Soile Isokoski, deren Stimme nichts an Leuchtkraft eingebüßt hat und deren Vortrag auch hier wieder durch Verinnerlichung überzeugt. Vladimir Ashkenazy zeigt als Begleiter, dass er neben seinen vielen Aufgaben als Dirigent das Klavierspielen nicht verlernt hat.
Ekkehard Pluta [25.11.2014]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Sergej Rachmaninow | ||
1 | Monna Vanna (unvollendete Oper) | 00:38:06 |
5 | Before my windows op. 26 No. 10 (1906) | |
6 | Sad night op. 26 Nr. 12 | 00:02:05 |
7 | Lilacs op. 21 No. 5 | 00:01:32 |
8 | The Rat-Catcher op. 38 No. 4 | 00:02:24 |
9 | Vokalise op. 34 No. 14 for Orchestra | 00:05:40 |
10 | How fair this spot op. 21 No. 7 | 00:01:46 |
11 | A Dream op. 38 No. 5 | 00:03:01 |
Interpreten der Einspielung
- Moscow Conservatory Students Choir (Chor)
- Moscow Symphony Orchestra (Orchester)
- Vladimir Ashkenazy (Dirigent)
- Soile Isokoski (Sopran)
- Vladimir Ashkenazy (Klavier)