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CD-Besprechung

Silver Age

Daniil Trifonov
Scriabin • Stravinsky • Prokofiev

DG 4835331

2 CD • 2h 25min • 2019

02.12.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Zunächst überrascht die Zusammenstellung der neuen Doppel-CD von Daniil Trifonov: Im Booklettext übertragen Misha Aster und er den gängigen Begriff des Silbernen Zeitalters für die russische Literatur zwischen 1900-1920 auf die Musik der Zeit in all ihren heterogenen Ausdrucksformen. Man beginnt allerdings – chronologisch betrachtet – bereits mit Alexander Skrjabins Klavierkonzert von 1896 und endet mit Prokofjews achter Klaviersonate von 1944. Sicher wollte Trifonov nach Rachmaninow nicht nur zwei weitere Schwergewichte der Klavierkonzertliteratur auf Platte bannen. Im historischen Kontext hätten hier aber sicher eine oder zwei von Skrjabins innovativen, späten Sonaten besser gepasst als das immer noch stark spätromantisch orientierte Konzert des 24-Jährigen. Die Entscheidung für Letzteres wird dann mit dessen Aufführung in Diaghilews Pariser Konzertreihe Concerts Historiques Russes von 1907 begründet. Gut hingegen, Prokofjews aufeinanderfolgende Opera 16 & 17 mal zusammen zu hören.

Klavierkonzerte spektakulär – wenn auch nicht überragend

Skrjabins Konzert gewinnt in erster Linie durch wirklich neuartige Klangfarben und einen Formverlauf, der teilweise mit Traditionen bricht. Der ungewöhnlich zarte Beginn, den Trifonov äußerst sensibel angeht, täuscht jedoch: Klanglich bewegt sich der Pianist danach überwiegend auf sehr sattem Lautstärkeniveau. Selbst bei massivstem Zugriff – besonders bei Prokofjews 2. Konzert sicher über Strecken nötig – bleibt er trotzdem gesanglich und rund. Das ist also nicht nur technisch auf höchstem Niveau, sondern auch von der Anschlagskultur her großartig. Dennoch hat man gerade bei Skrjabin manche Details schon differenzierter gehört. Prokofjews wohl „brutalstes“ Konzert gelingt rein pianistisch phänomenal, etwa die Repetitionen plus Sprünge im 4. Satz – in dieser Interpretation der stärkste. Die überlange Kadenz – als Durchführung und verkürzte Reprise – im Kopfsatz ist allerdings schon arg penetrant, zu gewichtig und zu früh zu laut. Yuja Wang oder Vladimir Ashkenazy gerät dies schlüssiger. Valery Gergiev mit seinem Mariinsky Orchester kennt die beiden Stücke natürlich längst wie seine Westentasche; über perfekte Routine hinaus erschließt sein Dirigat freilich keinerlei neue Aspekte. Die Aufnahmetechnik von DG ist dazu über jeden Zweifel erhaben und liefert ein ganz einheitliches Bild von Trifonovs Kunst.

Trifonov überzeugt bei Strawinskys Neutralität

Neben den unvermeidlichen Trois mouvements de Pétrouchka hören wir von Strawinsky außerdem die selten gespielte Transkription aus dem Feuervogel von Guido Agosti (1928). Trifonov setzt keineswegs aufs letzte Tempo, wie etwa Kissin in seiner schier unglaublich brillanten Petruschka-Einspielung. Umso erstaunlicher, wie orchestral und quasi selbstlos er dafür Struktur und Farben der Originalfassungen umzusetzen versteht: vollkommene Imagination gar nicht vorhandenen Instrumentariums. Am meisten überzeugt Trifonov aber mit der staubtrockenen, neoklassizistischen Serenade in A: Ohne den kleinsten Funken an Emotion kann er hier begeistern, was nach jahrelangem Rachmaninow-Bad erfrischend wirkt – live hat Trifonov bereits Stockhausen gespielt. Prokofjews Sarkasmen werden sowohl in ihrer provokativen Grundhaltung als auch den mächtigen Kontrasten ebenfalls hervorragend umgesetzt.

Prokofjews 8. Sonate – immer problematisch

Prokofjews wohl reifstes Klavierwerk, die 8. Sonate, wird immer noch stark unterschätzt und dazu leider im Konzert wie auf Tonträgern häufig völlig unzulänglich dargeboten. Selbst ansonsten gute Prokofjew-Spieler (Bronfman, Gawrilow, Sokolow…) scheitern hier grandios. Zum Glück muss sich Daniil Trifonov nicht dort einreihen, doch einiges bleibt fragwürdig oder unausgegoren: Warum ist im 1. Satz das Poco più animato (T. 35) schon so schnell wie später das Allegro moderato? Und woher bitte kommt das es“ zu Beginn des vorletzten Taktes? Die Steigerung des martialischen ¾-Taktes im Mittelteil des Finales – eine Analogie zum Marsch im Kopfsatz von Schostakowitschs Leningrader – verschießt ihr Pulver zu früh. Die Verdeutlichung der komplexen Polyphonie geht stellenweise verloren usw. Lediglich der Mittelsatz ist durchgehend zauberhaft. Trifonov hinterlässt dabei noch einen sehr guten Eindruck, ohne an zwei maßstabsetzende Aufnahmen – Gilels und Kadouch – heranzureichen. Insgesamt also enorm hochwertige Klavierkost eines Ausnahmekünstlers, der aber letztlich auch nur mit Wasser kocht.

Vergleichsaufnahmen:

Prokofjew, op. 16 – Yuja Wang, Simón Bolívar SO of Venezuela, Gustavo Dudamel (2013, DG 28947923084); Vladimir Ashkenazy, London SO, André Previn (1974, DG 473 259-2)

Prokofjew, op. 84 – Emil Gilels (1974, Philips 456 796-2); David Kadouch (2006, avi-music 42 6008553092 2)

Strawinsky, Pétrouchka – Evgeny Kissin (2004, RCA 82876 65390 2).

Martin Blaumeiser [02.12.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Igor Strawinsky
1Serenade in A 00:11:57
Sergej Prokofjew
5Sarkasmen op. 17 00:12:36
10Klaviersonate Nr. 8 B-Dur op. 84 00:29:08
13Gavotte 00:03:08
Igor Strawinsky
14L' Oiseau de feu (Der Feuervogel, Suite, Klavierbearb.: Guido Agosti) 00:12:48
CD/SACD 2
Sergej Prokofjew
1Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16 00:32:33
Igor Strawinsky
5Drei Sätze aus Petruschka für Klavier 00:17:59
Alexander Scriabin
8Klavierkonzert fis-Moll op. 20 00:25:10

Interpreten der Einspielung

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