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CD-Besprechung

Vagn Holmboe

String Quartets Vol. 1

dacapo 8.226212

1 CD • 67min • 2017, 2018

02.02.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der Komponist Vagn Holmboe (1909-1996) stellt in seiner Heimat Dänemark, vor allem als Symphoniker, gewissermaßen das Bindeglied zwischen Carl Nielsen und seinem (Holmboes) Schüler Per Nørgård dar. Von seinen 370 Werken – davon 197 mit Opuszahlen – fast aller Gattungen, wobei allerdings Instrumentalmusik klar dominiert, fallen insbesondere die 13 Symphonien und nicht weniger als 20 nummerierte Streichquartette auf. Aber nicht nur quantitativ darf man ihn hier zu den bedeutendsten Komponisten im 20. Jahrhundert zählen; die Qualität dieser Werke ist durchwegs auf allerhöchstem Niveau. Zwar hat Holmboe – ausgehend von der Neuen Sachlichkeit, wie wir sie in den ausgehenden 1920er Jahren etwa bei Hindemith antreffen können, und den strengen Formprinzipien gerade Bartóks – mit einer durchaus antiromantischen Haltung begonnen. Andererseits wandte er sich nie von der Tonalität ab, wobei seine Harmonik durch Bevorzugen plagaler Wendungen und modaler Melodiebildung einerseits geglättet wirkt, andererseits durch Holmboes intensives Studium der osteuropäischen Musik (Rumänien) den Verlockungen widersteht, sich auf nationale bzw. „nordische“ Idiome zurückzuziehen. Im Laufe der Zeit entwickelt er eine „metamorphische“ Schreibweise, die – von kleinen Keimzellen ausgehend – Entwicklungen modelliert, die eher einheitsstiftend als dialektisch daherkommen. Die Musik der Streichquartette – vor der offiziellen Nr. 1 (1949) hatte sich Holmboe schon an 9 Frühwerken versucht – ist nicht nur handwerklich exzellent gemacht; der Hörer begegnet einer enormen Ausdrucksvielfalt.

Beginn einer neuen Gesamtaufnahme

Wenn nach dem Kontra Quartett, das Holmboes Streichquartette zwischen 1992 und 2000 auf sieben CDs eingespielt hat, dasselbe Label (Dacapo) nun mit dem jungen, rein weiblichen Nightingale String Quartet eine neuerliche Gesamtaufnahme startet, wird man zu Recht Außergewöhnliches erwarten dürfen. Die Damen haben aber bereits mit den Werken Rued Langgaards bewiesen, dass sie die Konkurrenz mühelos ausstechen können. Bei der Aufnahmetechnik hat sich allerdings nicht sehr viel getan: Die erste CD mit den Quartetten Nr. 1, 3 und 15 klingt detailreicher, auch – trotz weniger Halls – leicht räumlicher, neigt aber bei Fortissimo-Passagen genauso etwas zur Schärfe wie die fast 30 Jahre alte Aufnahme des Kontra Quartetts. Auch erfinden die Nightingales bei Holmboe das Rad nicht neu: Zumindest bei den stark an Bartók orientierten Quartetten Nr. 1 & 3 von 1949 kann man keinerlei revolutionäres, maßgeblich abweichendes Interpretationskonzept ausmachen. Wozu auch? Die Musik Holmboes spricht aus sich selbst heraus: Sie ist keineswegs gänzlich unsentimental – vor allem in den langsamen Sätzen. Die starken, linear geprägten Binnenstrukturen liefern ein immer überschaubares, stabiles Gerüst, und nie läuft die Musik ins Leere.

Vielschichtige Klangfarben und gediegene Gelassenheit

Vor allem klangliche Gegensätze werden von diesem Damenquartett höchst effektiv herausgearbeitet. Sie benutzen ein breiteres Repertoire an Strichtechniken, verfügen so über eine größere Farbpalette und glänzen durch hörbar perfektere Intonation. Das macht sich an Stellen mit starkem Akkordmaterial – z.B. im 3. Satz von Opus 46 – sofort positiv bemerkbar. So ist der Klangeindruck des Nightingale Quartetts insgesamt leicht samtiger als bei den Kontras, wobei aber Akzente durchaus mal energisch herausstechen können. Bewegte Sätze gewinnen durch mehr Spielfreude zusätzliche Frische und Quirligkeit, aber auch bei den depressiveren Momenten (Funèbre in Quartett Nr. 15) lässt sich das junge Quartett nicht aus seiner nordischen Gelassenheit herausbringen. Geheimnisvolles, Trauer oder ein – in Nr. 15 als allgegenwärtiger, kurzer Möwenschrei kodifizierter – beständiger innerer Widerstand bedürfen keiner zusätzlichen Affektiertheit. Eine durch und durch überzeugende Leistung von höchster instrumentaler Virtuosität; man darf jetzt schon neugierig sein, ob bei den weiteren Einspielungen der Facettenreichtum dieses großen Werkkomplexes gleichermaßen abgebildet wird. Der Booklettext ist informativ, aber leider ohne eine deutsche Übersetzung.

Vergleichsaufnahme: Kontra Quartet (Dacapo 8.207001, 1992-2000, 7CD)

Martin Blaumeiser [02.02.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Vagn Holmboe
1Streichquartett Nr. 1 op. 46 00:27:11
4Streichquartett Nr. 3 op. 48 00:22:49
9Streichquartett Nr. 15 op. 135 00:17:10

Interpreten der Einspielung

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