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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Hidden Treasure

Hans Gál's unpublished Lieder

BIS 2543

1 CD/SACD stereo/surround • 72min • 2016

16.02.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Obwohl er das biblische Alter von 97 Jahren erreichte, konnte Hans Gál (1890-1987), vor der Machtergreifung der Nazis ein überaus erfolgreicher Komponist und danach fast vollständig in Vergessenheit geraten, die Renaissance seiner Werke, die erst in unserem Jahrhundert einsetzte, nicht mehr miterleben. Seine Opern Die heilige Ente und Das Lied der Nacht wurden in Heidelberg respektive in Osnabrück zu neuem Bühnenleben erweckt, letztere ist ebenso auf CD erschienen wie seine vier Sinfonien und seine Streichquartette und Streichtrios. Aber sein beträchtliches Liedschaffen blieb bei dieser Rehabilitation außen vor. Und daran war er selbst nicht unschuldig.

Umfangreiches Lied-Œuvre

Schon als Gymnasiast hatte Gál an die hundert Lieder komponiert, die er neben anderen „Jugendsünden“ später vernichtete. Doch auch von den nach 1910 entstandenen 67 Klavierliedern für Solostimme hielt er nur fünf einer Veröffentlichung für würdig, die er erst 1929 und auf Drängen seines Verlegers Simrock als op. 33 herausbrachte. Diese fünf Lieder finden sich auch in dem bemerkenswerten Album „Modern Times“ (Avi-music 85532292), in dem der Bariton Christian Immler und der Pianist Helmut Deutsch den Komponisten in der Nachbarschaft von Schreker, Zemlinsky, Eisler und Korngold präsentierten. Von der Qualität dieser Lieder überzeugt, machten sie sich danach auf die Suche nach seinem unveröffentlichten Lied-Œuvre und wurden fündig. Das vorliegende Album enthält neben besagtem op. 33 noch weitere 26 Titel, die beim Hörer die Frage aufwerfen: Warum wollte Gál diese kleinen Preziosen der Öffentlichkeit vorenthalten?

Zu selbstkritisch

Als Musikwissenschaftler, der 1913 bei Guido Adler über Beethovens Frühwerk promoviert hatte und in späteren Jahren fundierte Bücher über Schubert, Brahms, Wagner und Verdi publizierte, war der von Anbeginn überaus selbstkritische Komponist durchaus in der Lage, seine eigene Arbeit historisch richtig einzuschätzen. Auf dem Gebiet des Kunstliedes verlängerte er die Linie von Schubert, Schumann und Brahms bis zu Hugo Wolf ins 20. Jahrhundert. Doch da er glaubte, diesen großen Vorgängern nichts wesentlich Neues hinzufügen zu können, hat er diese Arbeiten – wie manche andere seiner Kompositionen auch – einfach „weggelegt“. Das berichtet seine Tochter, die Literaturwissenschaftlerin Eva Fox-Gál, im Booklet. Ein Neuerer war Gál auch in seinen anderen Werken nicht, die durchweg in den Traditionen des 19. Jahrhunderts verhaftet blieben, doch gilt das nicht auch für die Lieder von Strauss, Pfitzner und Reger aus derselben Zeit?

Einheit von Text und Musik

Gál hatte nicht nur ein großes Talent, für die Stimme zu schreiben, sondern auch eine glückliche Hand, sich literarische Texte anzueignen und musikalisch in ihnen aufzugehen. Der Klavierpart ist nicht begleitend, führt aber auch kein Eigenleben, sondern schlingt sich oft geradezu zärtlich um die Gesangsstimme. So entsteht eine Einheit von Text und Musik, was Kritik an der rückwärtsgewandten Ästhetik fast gegenstandslos macht. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg galt sein Interesse vor allem Dichtern wie Heinrich Heine und Hermann Hesse, später nahm Christian Morgenstern eine zentrale Rolle ein. Drei Gedichte des indischen Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore, der sich zu dieser Zeit gerade in Deutschland aufhielt, entstanden 1921. In diese Arbeitsphase fallen auch die Vertonungen der chinesischen Nachdichtungen von Hans Bethge, dessen Name dem Musikfreund vor allem durch Mahlers Lied von der Erde vertraut ist. Die stilistische Vielfalt der literarischen Vorlagen findet in der Musik ihre Entsprechung. Kein Lied klingt wie das andere.

Mit Sinn für Nuancen

Gál ist als Liedkomponist kein Konfektionär oder Kunstgewerbler, der mit sicherem Handwerk die Vorlagen musikalisch ausstaffiert, sondern er sucht immer einen persönlichen Ton, ob es um Nachtstimmungen geht, Naturbilder oder Liebesgesänge. Und auch für den martialisch mittelalterlichen Duktus von Dehmels Eine gantz neue Schelmweys findet er eine angemessene musikalische Entsprechung. Oft erreicht er in seinen Kompositionen eine große Gefühlstiefe. Jedenfalls wird diese in der hier vorliegenden Interpretation erlebbar. Bessere Anwälte als Immler und Deutsch, die über ein beträchtliches Repertoire an Farben und Nuancen verfügen, hätte sich Gál nicht wünschen können. Sie nehmen sich mit Hingabe, ja sogar einer gewissen Leidenschaft dieser vergessenen Lieder an und erbringen den Beweis, dass es sich dabei tatsächlich um „Hidden treasure(s)“ handelt.

Ekkehard Pluta [16.02.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Hans Gál
1Lady Rosa 00:01:52
2Nacht 00:02:44
3Nachts in der Kajüte I 00:02:26
4Nachts in der Kajüte II 00:02:05
5Nachts in der Kajüte III 00:02:35
6Sternenzwiesprach 00:01:13
7Denk' es, o Seele 00:01:41
8Maimond 00:02:38
9Minnelied 00:01:41
10Morgengebet 00:02:39
11Dämmerstunde 00:02:35
12Glaube nur! 00:01:29
13Liebesmüde 00:02:50
14Eine gantz neu Schelmweys 00:03:11
15Waldseligkeit 00:01:52
16Der Wolkenbaum 00:02:05
17Novembertag 00:02:31
18Welch ein Schweigen 00:02:58
19Nachtstürme 00:01:24
20Blumenlied 00:02:47
21Schäferlied 00:01:32
22Abendlied 00:02:21
23Der böse Tag 00:01:26
24Frag nicht! 00:02:18
25Rücknahme 00:02:06
26Abendgespräch 00:01:41
27Vergängliches op. 33 Nr. 1 00:02:23
28Der Wiesenbach op. 33 Nr. 2 00:01:38
29Vöglein Schwermut op. 33 Nr. 3 00:03:50
30Drei Prinzessinnen op. 33 Nr. 4 00:02:50
31Abend auf dem Fluss op. 33 Nr. 5 00:02:13

Interpreten der Einspielung

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