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CD-Besprechung

Olivier Messiaen

Vingt Régards sur l'Enfant-Jésus

Aldilà Records ARCD 015

2 CD • 2h 12min • 2005

19.04.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Suchte man das Klavierwerk, wo die für Olivier Messiaens Musik typischsten Elemente – seine berühmten „Modi“, erweiterte Akkordfolgen jenseits der Funktionsharmonik, stilisierte Vogelgesänge, „unumkehrbare“ Rhythmen, und nicht zuletzt sein unverhohlener Katholizismus – sämtlich in konzentrierter Form in Erscheinung treten, wird wohl spontan sein etwas über zwei Stunden langer Zyklus Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus von 1944 genannt werden. Messiaens Blicke auf das Jesuskind gelten bis heute als eines der großen Meisterwerke der Klavierliteratur nicht nur des 20. Jahrhunderts und haben sowohl vom intellektuellen, geistlichen wie auch dem immensen pianistischen Anspruch nichts von ihrem Reiz verloren – sowohl für die Zuhörer als auch die Interpreten.

Kontemplation und Virtuosität

Der systematische und einheitliche Aufbau des Riesenstückes über im Wesentlichen vier Themen – Thème de Dieu, Thème de l'étoile et de la croix, Thème de l'amour mystique und das quasi abstrakte Thème d'accords – wirkt natürlich zum einen einheitsstiftend. Zum anderen können diese aber derart zum Ohrwurm werden, dass der Hörer darüber den jeweiligen Kontext innerhalb der einzelnen Sätze nicht mehr so recht verfolgen mag und damit das Ganze letztlich langweilig zu werden droht. Neben der rein körperlichen Anstrengung, die eine vollständige Live-Aufführung den Pianisten abverlangt, gilt es, das Publikum in den eher langsamen, kontemplativen Sätzen nicht nur bei der Stange zu halten, sondern es tatsächlich in einen Zustand der Meditation zu versetzen, bei der die Zeit sozusagen irrelevant wird. Bei den dichten, schnellen Sätzen muss umgekehrt die Einbettung der Themen immer klar bleiben, ohne den musikalischen Fluss durch lupenartiges Sezieren zu beeinträchtigen. Die enorme Virtuosität – etwa in der grandiosen Fugenkonstruktion von Nr. VI: Par Lui tout a été fait – darf zudem nie zum Selbstzweck geraten.

Pi-hsien Chen mit unnachahmlicher Klangfarbendeutung

Die taiwanisch-deutsche Pianistin Pi-hsien Chen erweist sich in der Live-Aufnahme des WDR von 2005 aus Köln, wo die Siegerin des ARD-Wettbewerbs 1971 zwanzig Jahre lang lehrte, als überzeugende Anwältin von Messiaens Vorstellung einer (wohlgemerkt: fiktiven!) Klangfarbensynästhesie. In kaum einer der mittlerweile gut 30 Aufnahmen hat man eine so bewusste, fein austarierte Abschattierung der komplexen Klavierklänge Messiaens gehört wie hier. Gerade das allgegenwärtige Thème d'accords, das als Gegenpol zu den teils süßlichen Klängen mit beinahe Kitschalarm oft recht neutral dargeboten wird, gerät hier sozusagen zum verbindenden Element zwischen göttlicher und menschlicher Natur. Chens Artikulation ist immer deutlich, ihr Verständnis von Resonanzen und ein perfekt auf den Raum wie die harmonische Situation abgestimmter Pedalgebrauch sind von außerordentlicher Meisterschaft. Sie realisiert den vom Komponisten geforderten Dynamikumfang – vom dreifachen Piano bis zum vierfachen Forte – souverän, gibt aber bei den lauten Stellen auch mal nach, um der Musik noch Raum zum Atmen zu lassen. Die eingestreuten Vogelgesänge wirken dann bisweilen wie aus einer anderen Welt. Und die Gratwanderung zwischen Kitsch und mystischer Hingabe in den besonders gefährdeten Sätzen gelingt Chen absolut trittsicher: Wo etwa Martin Helmchen in seiner ebenfalls ausgezeichneten Aufnahme speziell die zuckergusshaltigen Klänge versucht, zu objektivieren, stellt sie deren Schönheit sogar noch heraus, freilich ohne sich dabei zu verlieren – Messiaens Ehrerbietung gegenüber der Heiligen Dreifaltigkeit erscheint glaubhaft.

Schroffheiten mit Struktur

Die energischen Sätze spielt Pi-hsien Chen sehr sicher, wahrt bei aller nötigen Klangfülle aber gleichzeitig eine Klarheit der Struktur – so in der erwähnten Fuge oder den Nummern X. und XX. Wenn in No. VI das Gottesthema wiederkehrt, hört man die begleitenden, erdbebengewaltigen Akkordkaskaden sonst nur als chaotischen Klangbrei; Chen lässt zumindest erahnen, woraus sich diese Entladungen formen. Sicher: von der reinen Virtuosität her können vielleicht Béroff, Helmchen oder Aimard stellenweise noch mehr auftrumpfen – die Freudentänzchen in Regard de l’Esprit de joie kommen so noch suggestiver. Die gesamte Anlage des Stückes hat jedoch selten jemand so stringent erfasst; Chen verblüfft hier mit einer vollkommen schlüssigen Teleologie. Auch die Akustik des Kölner Schnütgen-Museums (St. Cäcilien) passt wunderbar zu dieser Musik und die Live-Atmosphäre wird hervorragend eingefangen – nicht die Spur von Sterilität so mancher Studioproduktion Neuer Musik. Das Booklet enthält die bei dem Werk üblichen, eigenen Erläuterungen des Komponisten. Dieser zweistündige Gottesdienst macht ergriffen und gehört klar zu den allerbesten Aufnahmen der Vingt Regards.

Vergleichsaufnahmen: Michel Béroff (EMI CMS 7691612, 1969), Pierre-Laurent Aimard (Teldec 3984-26868-2, 1999), Martin Helmchen (Alpha 423, 2014).

Martin Blaumeiser [19.04.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Olivier Messiaen
1Vingt régards sur l'enfant-Jésus 02:12:37

Interpreten der Einspielung

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