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CD-Besprechung

Oliver Mascarenhas

Gulda • Kapustin

Dreyer Gaido CD 21126

1 CD • 62min • 2020

24.03.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Friedrich Gulda ist als begnadeter Interpret in die Musikgeschichte eingegangen und hat Diskurse bewegt. Zuwider war dem Wiener Enfant terrible jede wohlgeordnete Trennung zwischen bürgerlicher Klassik und sogenannter Unterhaltungsmusik – die Engstirnigkeit der Kritiker forderte so manche, heute legendäre provokative Aktion heraus. Sein Konzert für Cello und Blasorchester aus dem Jahr 1980 hat wohl auch erst mal die Kritiker hyperventilieren lassen. Aber das Publikum wurde und wird nach wie vor von den Stühlen gerissen, wenn dieses Konzert den Musentempel rockt.

Lust an der Dekonstruktion

Genug Spaßfaktor also, wenn sich der Cellist Oliver Mascarenhas und das Bläserensemble der NDR Radiophilharmonie auf dieser CD aufs Neue diesem Abenteuer stellen: Die Kunst liegt in den fliegenden Wechseln. Der knackige Funkjazz gleich zu Beginn mündet in Passagen, die der Wiener Klassik entstammen könnten – auch kommen eingängige, alpenländische Melodien ins Spiel, nehmen Collagentechniken schon die postmoderne Lust an der Dekonstruktion vorweg. Das Blasorchester unter Leitung von Gerd Müller-Lorenz legt hier eine gute Empfänglichkeit für den musikalischen Humor eines Friedrich Gulda an den Tag. Mascarenhas brennt ein spieltechnisches Feuerwerk ab und zeigt sich als souveräner Gegenwartsmusiker mit viel Neugier auf die Vielfalt der Klänge. Der dritte Satz des Konzertes heißt „Cadenza”, was im ursprünglichen Sinne auf freie Entfaltung des Solisten abzielt. Dies nehmen Mascarenhas sowie Markus Ottenberg (E-Gitarre), Mario Ehrenberg (E-Bass) und Schlagzeuger Lennard Schmidt ausgesprochen wörtlich. Eine freie Soundimprovisation mit Flagolettarpeggien erzeugt psychedelische Klanglandschaften, die in Purple Haze, der flammenden Rockhymne von Jimi Hendrix gipfeln. Und schon im nächsten Moment lässt ein Menuett eher barocken Kerzenschein assoziieren, bevor wir uns in alpenländischem Volksfest-Wirbel wiederfinden.

Kreative Offenheit

„Die Lust am Verbotenen‟ gibt drei Stücken von Nikolai Kapustin danach ihren besonderen Charme. Hochkultiviert und elegant pflegt der russische Komponist eine Jazz-Diktion, wie sie in der Sowjetunion als dekadent diffamiert wurde. Mascarenhas schwört sich auf dem Cello auf eine leichtfüßige Interaktion mit dem Pianisten Johannes Nies ein.

Und dann noch einmal Gulda: Friedrich Gulda spielte im Duo mit Jazzpianisten, auch wenn er selbst kein führender Jazzmusiker geworden ist. Aber wäre sein geniales Mozartspiel ohne diese Haltung von kreativer Offenheit denkbar gewesen? Dass Gulda sehr passabel Jazz spielen konnte, offenbaren einige Raritäten, die Mascarenhas für seine CD aus der Versenkung geholt hat und die hier zum ersten Mal auf CD eingespielt vorliegen: Auf vier Originalaufnahmen aus dem Jahr 1958 nehmen sich Gulda sowie der Schlagzeuger Karl Sanner und der Bassist Hans Last mehrerer Standards aus der Bebop-Ära an. Richtig gehört: Hans Last ist genau der, der seit den 1970er Jahren als James Last zu einer der gefragtesten Figuren der deutschen Unterhaltungsindustrie wurde. Hier spielt er einen knackig fokussierten Bass, während es Gulda mit ganzer Seele aus den Tasten swingen lässt. Das ist auf dieser CD immer noch nicht der Überraschungen genug: Schließlich greift Gulda zur Blockflöte, die in dieser Form wohl selten den Blues einverleibt bekommen hat.

Stefan Pieper [24.03.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Friedrich Gulda
1Konzert für Violoncello und Blasorchester 00:34:57
Nikolai Kapustin
6Nearly Waltz op. 98 00:03:07
7Elegie op. 96 00:06:01
8Burlesque op. 97 00:03:35
Dizzy Gillespie
9A Night in Tunisia 00:03:28
John Aaron Lewis
10Delauney's dilemma 00:03:29
Dizzy Gillespie
11Blue And Boogie 00:02:32
Foster
12Doin' the thing 00:04:48

Interpreten der Einspielung

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