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CD-Besprechung

Eduardas Balsys

Violin Concerto No. 1 • Dramatic Frescoes • Reflections of the Sea

Ondine ODE 1358-2

1 CD • 66min • 2020

14.05.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In jüngerer Zeit hat sich das finnische Label Ondine vermehrt Musik aus dem Baltikum gewidmet, und in diese Reihe fällt auch die vorliegende CD mit drei Orchesterwerken des Litauers Eduardas Balsys (1919–1984). Balsys, ein Schüler des Sinfonikers Antanas Račiūnas, gehört zu den wichtigsten litauischen Komponisten seiner Generation, ist bislang aber außerhalb seines Heimatlands nicht auf CD vertreten gewesen. Sein Schaffen wird gemeinhin in drei Perioden unterteilt: nach eher traditionell orientierten Anfängen folgte ab 1958 eine Art Übergangsphase unter Einbeziehung von Neoklassizismus und Popularmusik; ab 1965 kann man von Balsys’ reifem Stil sprechen, der ausgewählte zeitgenössische Techniken rezipiert, ohne die Bindung zur Tradition aufzugeben. Besonders umfänglich ist sein Gesamtschaffen nicht, zahlenmäßig dominieren Chöre und Lieder, während zumeist im Abstand von zwei bis drei Jahren eine Reihe von größer angelegten Kompositionen entstand, die als Balsys’ Hauptwerke angesehen werden müssen. Die vorliegende CD liefert einen recht repräsentativen Querschnitt daraus.

Traditionelle Anfänge, dramatische Zuspitzung und Retrospektive

Am Anfang steht mit dem 1954 entstandenen Ersten Violinkonzert (in a-moll) einer der Höhepunkte von Balsys’ erster Schaffensperiode, ein attraktives, traditionell gehaltenes Werk in den üblichen drei Sätzen, typisch für die spät- bzw. (unmittelbar) nachstalinistische Sowjetunion. Zwar treten keine direkten Folklorezitate auf, aber folkloristisch geprägt sind viele der Themen dennoch, wobei sich Balsys besonders um thematische Bezüge innerhalb des Konzerts bemüht. Die Inspiration, die Verve und den lyrischen Schmelz der etwa zeitgleich entstandenen Konzerte von Balys Dvarionas, Jānis Ivanovs oder (außerhalb des Baltikums) Arno Babadschanjan erreicht das Werk nicht ganz, aber ein hörenswertes, reizvolles Stück bleibt Balsys’ Erstling allemal.

Die zweite Schaffensperiode wird auf dieser CD ausgespart, sodass der Unterschied zu den 1963–65 komponierten Dramatischen Fresken für Violine, Klavier und Orchester, die den Beginn von Balsys’ dritter Schaffensperiode markieren, umso drastischer wirkt. Hier setzt Balsys erstmals Zwölftontechnik ein, ein ganz im Sinne des Titels erregtes, in oft grellen Farben gehaltenes, von bohrender Rhythmik geprägtes knapp halbstündiges Werk, das wohl unter dem Eindruck geopolitischer Konflikte und drohenden Kriegs entstand. Die beiden Soloinstrumente sind stets präsent, aber in den orchestralen Gesamtklang integriert, sodass man das Werk als eine Mischung aus sinfonischem Poem oder gar einsätziger Sinfonie und Konzert bezeichnen könnte. Am Ende mündet die Musik in eine Art Katharsis, die das Werk auch tonal festigt, und wohl nicht zuletzt deshalb beschließt das Stück diese CD. In der Mitte schließlich steht mit Meeresflimmern für Streichorchester eine Komposition aus Balsys’ letzten Jahren – ein echtes Juwel, in dem das in 20 Stimmen unterteilte Streichorchester auf mannigfaltige Weise (mit unterschiedlichen Spieltechniken und Schattierungen inklusive differenzierter Echoeffekte) das Glitzern der See nachahmt. Dabei scheint immer wieder ein nostalgisch anmutendes Melodiefragment durch, das dem Werk (das man durchaus als erweitert tonal bezeichnen kann) eine fast romantische Komponente verleiht.

Idiomatische Interpretationen in vorzüglicher Klangqualität

Alle drei Werke sind bereits früher (ebenfalls vom Litauischen Nationalen Sinfonieorchester) eingespielt worden, und im Vergleich präsentieren sich die Neuaufnahmen insgesamt sehr gut. Besonders gut gelungen sind die beiden späteren Werke. Modestas Pitrėnas am Pult wählt einen etwas breiteren Ansatz als einst Juozas Domarkas, was speziell den schwermütigen Linien von Meeresflimmern oder der Andeutung einer Apotheose gegen Ende der Fresken ausgezeichnet bekommt. Im Falle des Ersten Violinkonzerts kommt die nachromantische Emphase der Musik in der alten Mono-Aufnahme mit dem großen Aleksandras Livontas freilich noch etwas besser zur Geltung. Insgesamt aber überzeugen der Geiger Džeraldas Bidva, Konzertmeister der Kremerata Baltica, sowie in den Fresken auch die Pianistin Indrė Baikštytė (Balsys’ Enkeltochter) durch sehr gute, nuancierte, idiomatische Interpretationen.

Ein weiterer Pluspunkt ist die vorzügliche, transparente Klangqualität der Neueinspielungen, die Balsys’ exzellente Orchestrierung voll zur Geltung kommen lässt. Das Beiheft ist auf Basis von Kommentaren von Ona Narbutienė, der Balsys-Expertin schlechthin, verfasst worden, und rundet den sehr erfreulichen Gesamteindruck ab. Eine ausgesprochen empfehlenswerte Produktion.

Holger Sambale [14.05.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Eduardas Balsys
1Violinkonzert Nr. 1 00:26:14
4Reflections of the Sea 00:11:47
5Dramatic Frescoes 00:28:13

Interpreten der Einspielung

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