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CD-Besprechung

Gottfried Heinrich Stölzel

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld

cpo 555 311-2

2 CD • 1h 50min • 2019

25.06.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) kam 1719, nach Stationen u. a. am Hof des Grafen Heinrich XXV. Reuß in Gera, an die Residenz der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg, der er bis zu seinem Lebensende als Hofkapellmeister verbunden blieb. Der Ruf nach Gotha dürfte nicht zuletzt an Stölzels Rrputation als Kirchenmusiker begründet gewesen sein, hatte er doch bereits 1717 im Auftrag des hohenzollernschen Markgrafen von Bayreuth geistliche Musik für die Feier des 200. Jubiläums der Reformation komponiert.

Geschätzt von J.S. Bach

So enstand bereits im Jahr 1720 sein Passionsoratorium Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld. Im Unterschied zu J. S. Bachs großen oratorischen Passionen, der Matthäus-Passion BWV 244 und der Johannes-Passion BWV 245, folgt Stölzels Werk nicht dem Bericht eines Evangeliums, sondern schildert die Leiden des Erlösers als dramatisches Geschehen und dessen Auswirkung auf die christliche Gemeinde, wie sie sich im Gefolge der Passion und im Lichte der Auferstehung und des Pfingstwunders entwickelte. Dennoch war J. S. Bach offensichtlich überzeugt von dem Werk seines nahezu gleichaltrigen Gothaer Kollegen, denn er führte es 1734 am Karfreitag in Leipzig auf.

Dramatisches Passionsoratorium

Farbig und dramatisch schildert Stölzels Passionsoratorium die Auswirkungen der Passion Jesu auf die gläubige Gemeinde seiner spätbarocken Gegenwart, in der das Werk entstanden ist. Es unterscheidet sich fundamental von den oratorischen Passionen J. S. Bachs, die jeweils dem Passionsbericht eines Evangelisten (wie bei seine berühmtesten Passionen nach Matthäus, Johannes) folgen und die biblische Berichte mit Arien und Chören dramatisch begleiten. Uns Heutige, denen die Passionen J. S. Bachs seit über 200 Jahren in alljährlichen Aufführungen gegenwärtig sind, kommt Stölzels oratorische Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens fremd vor – im 18. Jahrhundert war dieser Typ der Passionsmusik indes verbreitet, und Bachs Passionen waren vielleicht eher ein Kompromiss mit der ausgesprochen orthodox-lutherischen Leipziger Obrigkeit, die ihn bei Dienstantritt vertraglich darauf verpflichtet hatte, seine Musik für die Gottesdienste dürfe „nicht zu opernhafft herauskommen“. Knappe anderhalb Jahrzehnte später, als Bach seine Passionen längst geschrieben hatte und unter leichten Veränderungen auch immer wieder in den Karfreitagsgottesdiensten aufführte, stand von Seiten des Leipziger geistlichen Ministeriums einer Aufführung von Stölzels Passionsoratorium durch Bach im Karfreitagsgottesdienst offensichtlich nichts mehr entgegen.

Luzider Klang, lebendige Aufführung

Hermann Max hat sich für seine Aufführung für eine chorische Besetzung von drei Ripienisten pro Stimme neben den vier Solisten entschieden, auch das Orchester ist moderat besetzt, so dass ein die Vokalmusik begleitender luzider Klang entsteht. Die Vokalsolisten bilden ein stimmlich vorzüglich aufeinander abgestimmtes Ensemble, das sich in den Soloauftritten ebenso wie in den zahlreichen Duetten bestens bewährt. Hierbei muss der Rezensent mit Erstaunen bemerken, wie Stölzels Musik mühelos die Jahrhunderte überwindet, wobei eine Rezitation des Textes allein die Kluft der Jahrhunderte deutlicher macht: So ist: „Haltet ein, ihr Mörderklauen / schonet meines Jesu doch! / Soll ich denn der Engel Lust / und das Labsal meiner Brust / voller Wunden schauen?“ für heutiges Sprachverständnis nur durch seine sprachliche Antiquiertheit zu rechtfertigen, zeigt aber weder emotional noch künstlerisch die Zeiten übergreifende Qualität, während die Umsetzung in Musik durch Stölzel auch heute noch das Entsetzen der dem Alt zugeordneten Figur der „gläubigen Seele“ angesichts der Geißelung Jesu deutlich werden lässt.

Mit dieser lebendigen Darstellung einer 300 Jahre alten Passionsmusik, die nicht wie Bachs Passionen seit dem frühen 19. Jahrhundert im musikalischen Gedächtnis der Generationen in jeweils unterschiedlichen Formen wieder lebendig wurden, haben Hermann Max und seine Mitstreiter dem Verständnis geistlicher Musik des frühen 18. Jahrhunderts einen Dienst erwiesen, der die Zustimmung aller Liebhaber der Musik der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ans Herz gelegt werden muss! Deutschlandfunk Kultur liefert als coproduzierender Sender ein exzellents Klangbild.

Detmar Huchting [25.06.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Gottfried Heinrich Stölzel
1Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (Passionsoratorium) 01:50:28

Interpreten der Einspielung

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