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CD-Besprechung

Tristorosa

Heitor Villa-Lobos
Gunter Herbig

Aldilà Records ARCD 018

1 CD • 56min • 2019

03.12.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Am Nationalen Musikinstitut in Rio de Janeiro genoß Villa-Lobos zwar Violoncellounterricht und weitere Unterweisungen, doch zunächst waren ihm gitarrenbegleitete, volkstümliche Gesänge und Improvisationen wesensverwandt. Von ihnen interessieren im Zusammenhang mit dieser Neuerscheinung der chôro, eine meist unter freiem Himmel gespielten Ensemblemusik, an welche mehrere der von Gunter Herbig dargebotenen Stücke anknüpfen; von der Choro-Musik als in Brasilien – parallel zur nordamerikanischen Entwicklung des frühen Jazz – entstandenen Melange aus europäischen Tanzformen, afrikanischer Rhythmik und Improvisation sind manche Anklänge der aufgenommenen Gitarrensoli zumindest ahnbar. Der ästhetische Genuss bereichert sich durch historische Informationen wie die, dass der junge Villa-Lobos ein mehrjähriges, antiakademisches Wanderleben gewählt hatte und Vieles aus erster Hand kennenlernen konnte; faszinierten ihn doch brasilianische Folklore, Mythen und damit auch die Durchlässigkeit von Wirklichkeit, Realität, Traum und Magie füreinander. Und wer heute gerne träumt, wird diese CD hochschätzen.

Durch Vincent d'Indy (Cours de composition musicale) bildete sich Villa-Lobos weiter; seine Europareisen wurden unterstützt vom Staat und einer Gruppe vermögender Landsleute. Manche Werke erregten im Kontext der Avantgarde in Paris um 1925 zunächst mehr Begeisterung als in Südamerika; zwanzig Jahre später war es umgekehrt (sein Werk, populär geworden, besonders in den USA, galt bei der Kritik teilweise als etwas zu oberflächlich und anspruchslos).

Eindringlich, suggestiv

Wie dem auch sei: Die Stärke dieser CD liegt in intimer Einfachheit, sanfter Eindringlichkeit und Suggestivkraft des Aufgenommenen. Aus der berühmt gewordenen, auf J. S. Bach anspielenden Sammlung Bachianas Brasileiras realisiert Gunter Herbig eine fünfminütige Aria, und Alda Rezende ist (nur) in diesem Stück mit ihrer rauchigen, mal intimen, mal weisheitsvoll anmutenden, tiefen Gesangsstimme beteiligt; bereits diese tut dem, vom ersten Solostück der CD übernommenen, Titel der Produktion – „Tristorosa“ – vollauf Genüge…

Eine Hand voll solistischer Gitarrenpréludes wird als tonale, seelenwarme Narrativität ohne Worte dargeboten. Auch die Suite Popular Brasileira bietet Herbig; als interne Bezugsgattungen der Komposition sind Mazurka, Gavotte, Walzer und Schottischer Musik angegeben (kompositorischer Hintergrund waren vor rund hundert Jahren Darbietungen westlicher Tänze in jener Spielweise der brasilianischen Tradition, welche Villa-Lobos assimilierte).

Introvertierte Musik

Herbig hat auf gespannte Brillianz ein wenig verzichtet, auch indem er seine E-Gitarre auf den – auch für dieses Repertoire zutiefst stimmigen – Kammerton a’=432 Hertz gestimmt hat. Die E-Gitarre hat natürlich eine gegenüber Gitarren akustischer Bauart längere Nachhallzeit; die feinen Saiten unterliegen geringerer Masse, ihr Ausschwingen und Nachklingen erscheint minimal länger, die klangliche Gegenwart ist im Zeitfeld weniger flüchtig als auf dem nylonbesaiteten Schwesterinstrument, der Konzertgitarre, welche wiederum den Horizont um Villa-Lobos mitgeprägt hatte... Ein Teil der Magie dieser Musikproduktion liegt tatsächlich darin, dass Wesentliches nach der Note über den Einschwingungsvorgang und das stationäre Tonereignis hinausreicht, wie auch im lesenswerten Booklet angedeutet wird. Insgesamt erleben Zuhörende eine introvertierte Musik zum Träumen und Nach-denken, schön ausgehört auf dieser Gretsch-Gitarre „White Falcon“, die übrigens noch zu Lebzeiten des Komponisten, Mitte der 1950er Jahre, eingeführt wurde!

Wenn die zu Beginn unseres Jahrhunderts aufgestellte Typologie wahr ist, dass es zwei Haupttypen musikalischer Hörerschaft gibt, nämlich zum einen rhythmisch orientierte Grundtonhörer und zum anderen klangsinnlich genussreiche Obertonhörer, so scheint mir klar zu sein, wer bei dieser CD am meisten auf seine Kosten kommen dürfte. Da „Sturm und Drang“-Elemente über weite Strecken fehlen, unterbrach ich nach den ersten 6 der insgesamt 12 eingespielten Stücke und portionierte die meditativ gelassene Hörstunde in zwei Hälften zu je 6 Tracks.

Klanglich ist die Produktion natürlich und angenehm, unaufdringlich geraten, sie klingt über STAX-Kopfhörer nicht überragend, aber durchaus nah und gut; sehr gut, vorzüglich rund und rein vollends beim Abhören über Lautsprecher, seien es aktive (KRK), passive Boxen oder Elektrostaten (benutzt: Martin Logan).

Dr. Matthias Thiemel [03.12.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Heitor Villa-Lobos
1Tristorosa 00:06:16
2Prélude Nr. 1 00:04:31
3Prélude Nr. 2 00:03:01
4Prélude Nr. 3 00:06:16
5Prélude Nr. 4 00:03:20
6Prélude Nr. 5 00:04:22
7Suite populaire brésilienne 00:17:18
11Chôros Nr. 1 00:05:20
12Bachianas Brasileiras Nr. 5 (Aria) 00:05:17

Interpreten der Einspielung

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