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CD-Besprechung

Marianische Musik aus Spanien

Francisco de Peñalosa • Tomás Luis de Victoria

cpo 555 398-2

1 CD • 64min • 2020

24.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Je intensiver man in diese CD hineinhört, desto mehr fühlt man sich, als schlüpfe man in eine wohlig wärmende Strickjacke, so lebendig, so geschmeidig und so wohltuend singt das Peñalosa-Ensemble diese Musik aus der spanischen Renaissance. Insbesondere stellt sich dieses Gefühl bei den Werken von Francisco de Peñalosa ein, dem Namensgeber des Ensembles. Er müsste also im Cover-Titel an erster Stelle stehen und nicht Tomás Luis de Victoria. Diese CD ist eine Hommage an diesen Francisco de Peñalosa, der vor 550 Jahren geboren wurde, und eine Erinnerung an die Gründung des gleichnamigen Ensembles vor 25 Jahren.

Peñalosas besondere Klangphysiognomie

Peñalosa war Sänger am spanischen Hof, an der Kathedrale von Sevilla, in der päpstlichen Kapelle des Papstes Leo X. und dann wieder in Sevilla. Noch eine Generation nach seinem Tod waren seine Werke populär, wurden dann aber mehr und mehr vergessen und werden jetzt erst wieder geschätzt. Auf ihrer Homepage erklärt das Ensemble seine Vorliebe für die Musik ihres Namensgebers. Dort wird Robert Stevenson mit seiner Arbeit „Spanische Musik im Zeitalter von Columbus“ zitiert: „Peñalosas Musik ist die höchstvirtuoseste vor Christobal de Morales“. Dabei wird angemerkt, dass „Virtuosität“ nicht technische Herausforderung meint, sondern „die hohe kompositorische Komplexität und Dichte der Werke, die sich hinter der Eleganz der grandios einfallsreichen und zugleich wunderbar sanglichen Melodien der scheinbar in völliger Leichtigkeit miteinander kommunizierenden Stimmen verbirgt.“ Und auch Bernhard Morbach schreibt Peñalosas Musik „eine besondere Klangphysiognomie“ zu (B. Morbach: Die Musikwelt der Renaissance, Kassel 2006, S. 138). Schließlich rühmen die vier Sängerinnen und Sänger „die hohe Qualität der Kompositionen Peñalosas, die ebenso einfühlsame wie elegante Verbindung der italienischen Leichtigkeit und Durchsichtigkeit auch in polyphonen Passagen…mit der spanischen warmen Klanglichkeit und Schwere und die … seltene Intensität, mit der Francesco Text und Wortbedeutung in musikalische Formen einzubetten verstand.“

Warme Klanglichkeit

Und diese Leichtigkeit, Durchsichtigkeit, warme Klanglichkeit und Intensität sind es, die den Gesang des Peñalosa-Ensembles ausmachen: schlackenlose Leichtigkeit der Stimmgebung, die helle, ja beinahe strahlende Durchsichtigkeit des oft imitatorischen Stimmgeflechtes, die Wärme des Klangs, der die vibrato-armen bzw. -losen Frauenstimmen organisch mit den Männerstimmen verbindet, der aber auch durch den warmen und geradezu wärmenden Wohlklang der Bassstimme bestimmt ist, und die Intensität, der interpretatorische Nachdruck der Stimmen im natürlichen Fluss in Verbindung mit rhythmischer Wendigkeit – und nicht zu vergessen die immer makellose Intonation.

Vor allem wissen die Sänger des Ensembles genau, was sie singen und wie sie es singen müssen: In der Motette O Domina Sanctissima erklingt der Wunsch eripe me ab omni malo (d.h. „Entreiße mich allem Übel“) flehentlicher und ist der Name Jesum bewusst abgesetzt und klanglich mystifiziert. In Nigra sum, einem Ausschnitt aus dem Hohelied, zittern die Gesangslinien gleichsam erotisch bewegt und die Frauenstimmen schwingen sich erregt in die höchste Lage. Die Unbeflecktheit Mariens (immaculatam) in der Motette Unica est columba mea heben die Sänger in der parallelen Stimmführung im homophonen Satz deutlich hervor. Der freudige Duktus des Magnificat wird empathisch aufgenommen und schließlich entfalten sich Dynamik und Agogik in Ave regina caelorum sehr bewegt und geschmeidig wie ein Engels-Flügelschlag. Transparent und musikalisch geradezu intim erklingen die dreistimmigen Motetten.

Die Musik von Victoria wirkt abgeklärter

Die ausgewählten Werke von Tomás Luis de Victoria wirken dazu fast im Kontrast abgeklärter, ruhiger, „klassischer“ – obwohl Bernhard Morbach (a.a.O.) ihnen „eine tiefe Glut“ zuschreibt und sie mit der hl. Theresa von Avila vergleicht, „deren liebeflammendes Herz in mystischer Glut brannte“. Vielleicht wäre hier eine mehr chorische Interpretation besser gewesen, vielleicht hätte diese Musik dann nicht so kontemplativ, sondern glühender, mystischer, verzückter geworden. Dann wären in der Missa O Magnum Mysterium das Et incarnatus und das Benedictus wirkungsvoller abgesetzt und herausgehoben, weil solistisch gesungen. Immerhin entwickelt das Agnus Dei aus der Missa O Magnum Mysterium einen unwiderstehlich schwingenden Sog.

Das Hörerlebnis ist geprägt von Klarheit, Direktheit und Durchhörbarkeit. Der relativ kleine Raum der Nikolauskirche in Reutlingen-Altenburg verhindert das Durcheinanderschwimmen der Gesangslinien, wie ein wesentlich größerer Raum mit längerem Nachhall es produziert hätte.

Rainer W. Janka [24.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Francisco de Peñalosa
1O Domina Sanctissima (Motetus) 00:03:54
2Nigra sum (Canticum) 00:02:17
3Unica est columba mea (Motetus) 00:02:08
4Magnificat de Tono III 00:11:12
5Ave Regina caelorum (Antiphon) 00:02:50
Tomás Luis de Victoria
6O Magnum Mysterium (Motetus) 00:04:01
7Missa O magnum mysterium 00:19:16
Francisco de Peñalosa
13Sancta Maria, succurre miseris (Antiphon; T, T, B) 00:02:18
14Magnificat de Tono VIII 00:09:22
15Sancta Maria, succurre miseris (Antiphon; S, MS, A) 00:02:22
Tomás Luis de Victoria
16Magi viderunt stellam 00:03:46

Interpreten der Einspielung

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