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CD-Besprechung

Luigi Boccherini

24 String Quartets

cpo 555 164-2

6 CD • 5h 59min • 1990-1994

04.07.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Fällt der Name Luigi Boccherini in einer Runde von Nicht-Cellisten, muss man nicht lange darauf warten, dass die Stichworte „Menuett“ sowie „Ladykillers“ fallen und – so jemand mit Sinn für höheren Unsinn dabei ist – „Anneliese, komm, wir woll‘n ins Kino geh‘n“ intoniert wird. Schlaumeier tragen dann noch die „Nachtwache in Madrid“ und den „Fandango“ bei. Das war es dann aber auch. Somit tat cpo wohl daran, sechs CDs aus dem Back-Katalog der ersten Hälfte der 90er-Jahre zu bündeln und auf diese Weise ein gutes Viertel seiner 90 Streichquartette mitsamt einem exzellenten Essay zu Leben und Werk aus der Feder des Herausgebers der Gesamtausgabe bei Ut Orpheus, Christian Speck, erneut der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Cello-Wunderkind und Mitschöpfer der Gattung Streichquartett

Luigi Boccherini (1743-1805) konnte bereits als 13-Jähriger Konzerterfolge als Cellist im heimischen Lucca verbuchen. In dessen Spiel unterrichtete ihn wohl vorwiegend sein Vater, der als Kontrabassist der Palastkapelle wirkte. Einer seiner Förderer war der Luccheser Domkapellmeister Giacomo Puccini (1712-1781), der Ur-ur-großvater des gleichnamigen Schöpfers von Tosca und Turandot.

Seine Karriere führte ihn über Paris nach Wien und nach einem italienischen Intermezzo schließlich an den spanischen Hof, der seit der Zeit Domenico Scarlattis und der Ägide des Kastraten Farinelli als „Graue Eminenz“ der Hofmusik ausschließlich italienische Musiker beschäftigte.

König der Kammermusik

Im Gegensatz zu seinen italienischen Zeitgenossen lag sein kompositorischer Schwerpunkt auf der Instrumentalmusik. Von den knapp 600 Werken im Katalog von Yves Gérard findet sich neben 4 Dutzend Vokalwerken, gut 30 Sinfonien und rund 20 Solokonzerten ausschließlich Kammermusik vom Duo bis zum Sextett. Darunter sind allein 105 Streichquintette sowie 90 Streichquartette, deren erste aus dem Jahre 1761 als Kompositionen eines 18-Jährigen zu den frühesten Beiträgen dieser Gattung gehören und möglicherweise die Mailänder Quartette Mozarts beeinflussten.

Sie zeichnen sich sowohl durch Kantabilität als auch durch gelegentliche hochvirtuose Eskapaden – besonders des Cellos – aus. Die Anzahl der Sätze schwankt von zweien bis zu vieren, wobei die Dreisätzigkeit eindeutig überwiegt. Eine satztechnische Spezialität sind Terzführungen zwischen Violine 1 und Cello, zu denen Violine 2 und Viola die Unterstimmen markieren. Gelegentlich erhält das Cello eine Kadenz, die es höher als die beiden Geigen steigen lässt. Dies ist besonders auffällig im „Allegro bizarro“ des Quartetts op. 22,4, wo im Flageolett f3 und b3 erreicht werden müssen. Mollabschnitte, die in keinem Satz fehlen und häufig einen melancholischen Schatten werfen, zeichnen sich oft durch raffinierte Modulationen aus. Des öfteren macht sich der Komponist dabei die Tatsache zunutze, dass ein einzelner unisono gespielter Ton mehrdeutig ist und durchaus die Septime eines völlig neuen dominantischen Akkords bilden kann. Beethoven und nach ihm die Frühromantiker werden diesen Kunstgriff gern übernehmen. Der häufig eher konzertante Stil legt nahe, dass sich Anton Eberl, Ernst Friedrich Fesca und Ferdinand Ries in ihren Quartetten eher an Boccherini als an Haydn und Beethoven orientierten.

Ein Trio von Quartetten

Die sechs CDs der Box, die 24 zwischen 1761 und 1799 entstandene Werke umfassen, werden zu zwei Dritteln vom Quartett The Revolutionary Drawing Room bestritten. Dieses Ensemble intoniert sauber, phrasiert stilvoll und musiziert historisch informiert auf Instrumenten in klassischer Mensur mit Darmbesaitung. Hier hätte man sich bei den Wiederholungen durchaus kleine Veränderungen wünschen dürfen. Auch die Aufnahmen des Nomos-Quartetts vermögen zu gefallen. Die Einspielung des Sonare-Quartetts leidet ein wenig unter kleineren Intonationstrübungen und mangelnder Sorgfalt in der Ausarbeitung der Details. Hier hätten zwei oder drei zusätzliche Proben sicherlich nicht geschadet.

Glanzstück der Box ist der exzellente Booklet-Text von Christian Speck, der als Herausgeber der Boccherini-Gesamtausgabe wertvolle Details zur Biographie und äußerste kompetente Werkkommentare beiträgt. Die Klangqualität schwankt zwischen befriedigend (CD 1) und gut.

Fazit: Wer wissen möchte, wie sich die Ursprünge des Streichquartetts im romanischen Raum gestalteten, sollte hier zugreifen, Quartettspieler schon alleine zum Zwecke der Repertoirekenntnis. Durch den gefälligen, häufig serenadenhaften Charakter, originelle Musik, die sich durchaus auch zum „Nebenbeihören“ eignet.

Thomas Baack [04.07.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Luigi Boccherini
1Streichquartett c-Moll op. 2 Nr. 1 G 159 00:14:06
4Streichquartett B-Dur op. 2 Nr. 2 G 160 00:10:35
7Streichquartett D-Dur op. 2 Nr. 3 G 161 00:12:42
10Streichquartett Es-Dur op. 2 Nr. 4 G 162 00:10:50
13Streichquartett E-Dur op. 2 Nr. 5 G 163 00:11:57
16Streichquartett C-Dur op. 2 Nr. 6 G 164 00:08:22
CD/SACD 2
1Streichquartett C-Dur op. 32 Nr. 4 G 204 00:19:36
4Streichquartett g-Moll op. 32 Nr. 5 G 205 00:19:26
8Streichquartett A-Dur op. 32 Nr. 6 G 206 00:15:54
CD/SACD 3
1Streichquartett E-Dur op. 33 Nr. 1 G 207 00:09:19
3Streichquartett C-Dur op. 33 Nr. 2 G 208 00:11:04
5Streichquartett G-Dur op. 33 Nr. 3 G 209 00:08:27
7Streichquartett B-Dur op. 33 Nr. 4 G 210 00:11:15
9Streichquartett e-Moll op. 33 Nr. 5 G 211 00:06:22
11Streichquartett Es-Dur op. 33 Nr. 6 G 212 00:10:26
CD/SACD 4
1Streichquartett A-Dur op. 39 G 213 00:20:29
5Streichquartett c-Moll op. 41 Nr. 1 G 214 00:18:37
9Streichquartett C-Dur op. 41 Nr. 2 G 215 00:25:45
CD/SACD 5
1Streichquartett C-Dur op. 58 Nr. 1 G 242 00:16:33
4Streichquartett Es-Dur op. 58 Nr. 2 G 243 00:20:54
8Streichquartett B-Dur op. 58 Nr. 3 G 244 00:19:29
CD/SACD 6
1Streichquartett h-Moll op. 58 Nr. 4 G 245 00:16:55
4Streichquartett D-Dur op. 58 Nr. 5 G 246 (Le Cornamuse) 00:15:12
8Streichquartett Es-Dur op. 58 Nr. 6 G 247 00:20:43

Interpreten der Einspielung

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