Zwischen Himmel und Erde
Messiaen | Webern | Finzi | Strauss
Monika Abel, Sopran | Kathrin Isabelle Klein, Klavier

hänssler CLASSIC HC23075
1 CD • 64min • 2024
27.02.2025
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Der deutsche Titel dieses Albums mit vier französischen und deutschen Liederzyklen bezieht sich auf den ersten Block des Programms, den Olivier Messiaen bestreitet, kann aber auch als Schirmbegriff über den übrigen Beiträgen stehen. Auch wenn es sich hier nicht um ein explizites Themen-Programm handelt, lassen sich Querverbindungen zwischen den Werken durchaus herstellen.
Liebe und Religion
Chants de terre et de ciel, 1938 entstanden, ist gewissermaßen die Fortsetzung seines ersten großen Liederzyklus Poèmes pour Mi, den Messiaen seiner ersten Frau, der Geigerin und Komponistin Claire Delbos, gewidmet hatte. Schon dort setzte er, der die Texte seiner Lieder selbst schrieb, das Gück der Liebe und Ehe in Beziehung zu Gott und seinem Glauben. Mit der Geburt des gemeinsamen Sohnes Pascal im Jahr zuvor wird diese religiöse Verbindung noch vertieft. In die glückliche Dreisamkeit schleicht sich auch Sorge ein, die nur durch die Hingabe an und Zuversicht in die göttliche Fügung besiegt werden kann. Auf die Zwiesprache mit der Frau und dem Kleinkind folgt im fünften Lied (Minuit pile et face), dem Kernstück des Zyklus, die Auseinandersetzung mit dem Tod und die Bewältigung seiner Schrecken. Diesem musikalisch hochexpressiven, die existentielle Angst beschreibenden Satz folgt ein hoffnungsfroher Schlussteil zum Osterfest (Résurrection), doch der Hallelujah-Jubel wirkt – jedenfalls auf mich – weniger befreiend als verzweifelt flehend.
Auch Fernöstliches
In den zum Zyklus gefügten Vier Liedern op. 12, die in den Kriegsjahren 1915 und 1917 geschrieben wurden, bewegt sich Anton Webern, einer der Hauptexponenten der Zweiten Wiener Schule, zielbewusst auf die Zwölftonmusik zu. Sehr gegensätzlich und kaum zusammenhängend sind die literarischen Vorlagen. Der textlichen Einfachheit des Volkslieds Der Tag ist vergangen und Goethes Gleich und Gleich entspricht eine schlichte Führung der Gesangslinie und ein ausgedünnter Klaviersatz. Filigran ist die Textur bei Die geheimnisvolle Flöte nach einem chinesischen Gedicht aus dem 8. Jahrhundert. Ganz auf Expressivität mittels abrupter Tempo- und Dynamikwechsel setzt Webern in einem Lied aus August Strindbergs Gespenstersonate.
Mir bis dato nicht bekannt war die in Marokko geborene französische Pianistin und Komponistin Graciane Finzi (Jg. 1945), die nichts mit dem berühmten englischen Kollegen Gerald Finzi zu tun hat. Ihre sechs Miniaturen unter dem Titel La lune à la fenêtre (1999) sind Vertonungen japanischer Haikus aus verschiedenen Jahrhunderten, deren musikalischer Stil aber nachimpressionistisch anmutet und keine fernöstlichen Klangeinflüsse erkennen lässt. Diese Lieder wurden hier zum ersten Mal eingespielt.
Acht plus eins
Auf vertrautes Terrain führt uns der das Album komplettierende Liederzyklus Acht Gedichte aus ‚Letzte Blätter‘ op. 10, mit dem Richard Strauss 1885, erst 21 Jahre alt, seinen ersten großen Durchbruch erlebte. Vor allem das erste (Zueignung) und das letzte Lied (Allerseelen) sind außerordentlich populär geworden und liegen in einer unübersichtlichen Zahl an Aufnahmen vor. Die Besonderheit dieser Einspielung liegt darin, dass es sich diesmal nicht um acht, sondern um neun Gedichte handelt. Das ursprünglich an sechster Stelle stehende Lied Wer hat’s getan?, das während der Druckvorbereitungen (aus Platzgründen?) aus dem Zyklus genommen und erstmals 1974, lange nach dem Tod des Komponisten, veröffentlicht wurde, findet sich hier auf seinem alten Platz wieder.
Breites Ausdrucksspektrum
Die beiden jungen Künstlerinnen Monika Abel (Sopran) und Kathrin Isabelle Klein (Klavier), als Duo schon verschiedentlich aufgetreten und ausgezeichnet, hinterlassen in diesem Debüt-Album einen sehr günstigen Eindruck und machen auf weitere Begegnungen neugierig. Ihr stilistisches Feingefühl und ihr breites Ausdrucksspektrum lassen schon bemerkenswerte künstlerische Reife erkennen. Die Sopranistin weckt mit ihrer frischen lyrischen Stimme, die bereits jetzt einige Expansionsmöglichkeiten zeigt, Hoffnungen auf ihre weitere Entwicklung. Die Pianistin beweist in ihren Werkeinführungen im Booklet auch musikschriftstellerisches Talent. Dass sich hänssler den Abdruck der Liedtexte gespart hat, ist allerdings – besonders im Falle von Messiaen und Finzi – sehr schade.
Ekkehard Pluta [27.02.2025]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Olivier Messiaen | ||
1 | Un Bail avec Mi (pour ma femme - aus: Chants de Terre et de Ciel) | 00:03:10 |
2 | Antienne du silence (pour le jour des Anges gardiens - aus: Chants de Terre et de Ciel) | 00:02:16 |
3 | Danse du bébé-Pilule (pour mon petit Pascal - aus: Chants de Terre et de Ciel) | 00:05:50 |
4 | Arc-en-ciel d'innocence (pour mon petit Pascal - aus: Chants de Terre et de Ciel) | 00:04:51 |
5 | Minuit pile et face (pour la mort - aus: Chants de Terre et de Ciel) | 00:05:24 |
6 | Résurrection (pour le jour de Pâques - aus: Chants de Terre et de Ciel) | 00:04:18 |
Anton Webern | ||
7 | Der Tag ist vergangen op. 12 Nr. 1 (Volkslied) | 00:01:28 |
8 | Die geheimnisvolle Flöte op. 12 Nr. 2 (Hans Bethge nach Li-Tai-Po) | 00:01:41 |
9 | Schien mir's, als ich sah die Sonne op. 12 Nr. 3 | 00:01:37 |
10 | Gleich und Gleich op. 12 Nr. 4 | 00:01:03 |
Graciane Finzi | ||
11 | Libellule rouge (aus: La lune à la fenêtre) | 00:00:34 |
12 | L' épouse du criquet (aus: La lune à la fenêtre) | 00:01:45 |
13 | Compagnon de voyage (aus: La lune à la fenêtre) | 00:01:13 |
14 | La lune à la fenêtre (aus: La lune à la fenêtre) | 00:00:59 |
15 | La lampe de la chambre voisine (aus: La lune à la fenêtre) | 00:02:01 |
16 | L' averse du soir (aus: La lune à la fenêtre) | 00:02:29 |
Richard Strauss | ||
17 | Zueignung op. 10 Nr. 1 | 00:01:48 |
18 | Nichts op. 10 Nr. 2 | 00:01:29 |
19 | Die Nacht op. 10 Nr. 3 | 00:03:00 |
20 | Die Georgine op. 10 Nr. 4 | 00:03:22 |
21 | Geduld op. 10 Nr. 5 | 00:04:31 |
22 | Wer hat's getan? | 00:03:17 |
23 | Die Verschwiegenen op. 10 Nr. 6 | 00:01:03 |
24 | Die Zeitlose op. 10 Nr. 7 | 00:01:40 |
25 | Allerseelen op. 10 Nr. 8 | 00:03:02 |
Interpreten der Einspielung
- Monika Abel (Sopran)
- Kathrin Isabelle Klein (Klavier)