Reminiscence
Brahms • Schubert
Jaleh Perego • Sara Pavlović

Ars Produktion 38 676
1 CD • 53min • 2024
27.03.2025
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Die Französin Jaleh Perego studierte in Wien bei dem bedeutenden Komponisten Iván Eröd Komposition und vollendete ihre Ausbildung als Geigerin 2014 in Karlsruhe bei Nachum Erlich, dessen gesanglich expressives Musizieren sie entscheidend geprägt haben dürfte. Auf ihrem Debütalbum spielt sie mit der vor allem als Liedbegleiterin profilierten Serbin Sara Pavlovic zusammen ein romantisches Programm lyrischen und in den großen Formen musikalisch sehr anspruchsvollen Zuschnitts.
Gesanglich idealer Brahms
Die entspannte Seelenruhe und wehmütig hoffende Innigkeit zwischen Frühlings- und Herbstgefühlen von Johannes Brahms’ 1. Sonate in G-Dur op. 78 liegt Jaleh Perego ganz besonders gut, was auch mit ihrer gemütvoll warmen, samten dunkel schattierenden, äußerst flexibel phrasierenden Tongebung zu tun hat. Alles explizit Gesangliche ist ideal in ihren Händen aufgehoben. Sie spannt weite Bögen von zärtlicher Fülle mit einer balsamhaft geschmeidig verwobenen Zerbrechlichkeit, die sie sich leisten kann, da ihre Bogenführung auch bei äußerster Langsamkeit von gerade auch in den Grenzbereichen solider, bruchlos fließender Konstanz der Klangentfaltung gekennzeichnet ist.
Balance und frei atmendes Rubato
Sara Pavlović ist eine einfühlsame und geschmeidige Partnerin, die in den Betonungen und im atmenden Zusammenhang synchron phrasiert. Allerdings habe ich immer wieder den Eindruck, dass das Klavier in kraftvollen Passagen im tatsächlichen Raum etwas lauter klang im Verhältnis zur Geige und daher etwas heruntergeregelt wurde. (Ich wünschte, mein Eindruck sei trügerisch.) Generell ist in den Ecksätzen der Brahms-Sonate zu beobachten, dass bei zunehmender Lautstärke die Flexibilität der Ausführung bei beiden Musikerinnen etwas gemindert ist, und eine weitere subtile Schwäche – die allerdings nur dadurch erkennbar wird, dass ein frei schwingendes Rubato riskiert wird, was die meisten heutigen Musiker nicht riskieren – ist, dass das feinnervig schwankende Terrain der frei atmenden Rhythmik im Dienst des melodischen und harmonischen Ausdrucks immer wieder verlassen wird zugunsten einer Zuflucht in einem geraden, im Vergleich dazu dann doch starren Tempo, wie es bei Brahms eigentlich bis auf manche sehr rhythmischen Passagen nie vorkommen sollte – wovon die heutige Aufführungspraxis freilich meilenweit entfernt ist. Insofern muss mein Fazit diesbezüglich umgekehrt – positiv! – lauten: wie wunderschön frei – und natürlich – immer wieder der verfeinerte Rubato-Gebrauch die Musik sich entfalten lässt!
Schubert von überirdischer Größe
Das weitaus schwerere Werk – eines der schwersten überhaupt – ist Franz Schuberts zyklisch zusammenhängend gebaute Sonate D 934, bekannt und gefürchtet als ‚Fantasie in C-Dur‘, entstanden im Jahr vor seinem Tode. Die langsamen, getragenen Teile des großformatigen Werks kann man überhaupt nicht schöner und ergreifender, der überirdischen Größe ihres Gehalts angemessener gestalten als Jaleh Perego, und Sara Pavlović folgt ihr auch hier so weit mit in die Regionen des Traumgesangs, wie dies eben auf ihrem weniger melodisch veranlagten Instrument möglich ist. Allein deshalb ist der Erwerb dieses Ausnahme-Albums bereits lohnend. Auch die schnellen Teile gelingen makellos, was angesichts der für beide Instrumente sehr heiklen Satzweise gleichfalls bemerkenswert ist. Schärfster Einwand: das Fortissimo des Finales ist zu laut von vornherein, dadurch ist hier keine melodisch frei ausschwingende Gestaltung mehr möglich. Dieser Versuchung gilt es zu widerstehen, und auch die Akzente im Verhältnis zu den nicht zu akzentuierenden Tönen werden demzufolge nivelliert. Doch das ist nur ein kleiner Riss im vollendeten Gewand, in Anbetracht der Großartigkeit des Albums im Ganzen, das ich ohne jeden Vorbehalt jedem noch so kritischen Zeitgenossen und vor allem all jenen, die substanzielle Orientierung suchen, wie man heute noch Schubert auf natürliche Weise ergreifend spielen kann, empfehle. Der in der gebotenen Kürze so scharfsinnige und eigenständige Begleittext Jaleh Peregos tut das Übrige zum hervorragenden Gesamteindruck.
Christoph Schlüren [27.03.2025]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
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CD/SACD 1 | ||
Johannes Brahms | ||
1 | Sonate Nr. 1 G-Dur op. 78 für Violine und Klavier (Regenlied-Sonate) | 00:27:15 |
Franz Schubert | ||
4 | Fantasie C-Dur D 934 für Violine und Klavier (op. posth. 159) | 00:25:33 |
Interpreten der Einspielung
- Jaleh Perego (Violine)
- Sara Pavlović (Klavier)