Face2Face #2
Beethoven - Kelterborn
Amaryllis Quartet
Berlin Classics 0304463BC
1 CD • 73min • 2024
13.03.2026
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Gesamteindruck:![]()
Das Amaryllis Quartett setzt seine Serie „Face2Face“ fort, in der es jeweils zwei Quartette Ludwig van Beethovens mit einem Werk des 20. oder 21. Jahrhunderts kontrastiert. Dies ist insofern verdienstvoll, weil dadurch hörenswerte moderne Werke in charmanterer Verpackung einem größeren Publikum angeboten werden. Die zweite Folge kombiniert Beethovens Quartette op. 18/6 und das Harfenquartett op. 74 mit dem Sechsten Streichquartett von Rudolf Kelterborn.
Luigis Labor
Viele stilistische und kompositorische Errungenschaften Beethovens wurden zunächst in den Quartetten ausprobiert, da hier mit der verständnisvollsten Zuhörerschaft gerechnet werden konnte. Diese liegen beim B-Dur-Quartett aus op. 18 im Scherzo mit seinen für 1798/99 höchst ungewöhnlichen extremen Synkopierungen, vor allem jedoch im Finale. Dort foppt eine langsame Einleitung, die mit „La Malinchonia“ überschrieben ist, den Hörer der eigentlich etwas wie das ländlerische Allegretto quasi Allegro erwarten würde. Ein solches harmonisches Labyrinth von verminderten Septakkorden, die in die weitest entfernten Tonarten abschweifen und starken dynamischen Kontrasten würde man eher J. S. Bach oder Liszt zutrauen. Möglicherweise waren die beiden Präludien durch alle Tonarten op. 39 eine Vorstufe hierzu. Die Idee der Gegenüberstellung von Melancholie und Überschwang hatte bereits C.Ph.E. Bach in seiner das „Gespräch zwischen einem Sanguineus und Melancholicus“ abbildenden Trio-Sonate in c-Moll H. 579 verwirklicht, deren Druck Beethoven im Unterricht bei Haydn oder in der Bibliothek Gottfried van Swietens untergekommen sein mag.
Auch sein op. 74 geht neue Wege, indem das Scherzo sein Trio völlig integriert und zudem als Prototyp des romantischen Spuk-Scherzos gelten kann. Variationen als Finale sind in der Virtuosenliteratur eine Standardlösung, für das seriöse Streichquartett jedoch eher untypisch. Hier blickt der Komponist bereits auf seine späten Klaviersonaten voraus.
Kontrast: Kelterborn
Das Sechste Streichquartett von Rudolf Kelterborn bildet sowohl Ergänzung als Kontrast. Die ausladende Kadenz der ersten Violine zu Beginn greift die Melancholie Beethovens auf und wendet sie stärker ins Aggressive des Cholerikers. Die eher geräuschhaft-naturlautähnlichen Tremoli der Unterstimmen lassen für den Kopfsatz die Vorstellung eines „geigenden Eremiten im Gebirgswald“ zu. Da diesem Quartett die Merkpunkte wiederkehrender Ereignisse eher fehlen, sollte man es assoziativ hören; das heißt sich spontan einen Film dazu vorstellen und sich von dessen Bildern leiten zu lassen. Das technisch außerordentlich anspruchsvolle Werk liegt beim Verlag nur als Faksimile der Originalhandschrift vor, was die Einstudierung sicherlich nicht erleichtert hat.
Technisch makellos
Die vier Mitglieder des Amaryllis-Quartetts beherrschen sowohl ihre Instrumente, den jeweiligen Stil, als auch das Repertoire. Aber müssen die Kopfsätze der Beethoven-Quartette derart gehetzt werden? Muss man die dynamischen Kontraste so gnadenlos ausspielen? Könnte man die langsamen Sätze eventuell in größeren Bögen phrasieren? So überzeugt deren Interpretation nur bedingt. Anders der Kelterborn, da blüht der Klang auf und erhält die Sinnlichkeit, die auch den Beethoven-Werken nicht geschadet hätte.
Der Booklet-Text ist informativ; an der Aufnahmetechnik, die ein sehr weites Dynamikspektrum natürlich abbildet, ist nichts zu kritisieren.
Fazit: Wer einen außerordentlich energisch-dramatischen Beethoven bevorzugt, kommt hier auf seine Kosten. Mir persönlich sind die Interpretationen des Leipziger Streichquartett und des Emerson String Quartets näher. Auf jeden Fall lohnt sich jedoch das das Sechste Streichquartett von Rudolf Kelterborn aus dem Jahre 2006.
Thomas Baack [13.03.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Ludwig van Beethoven | ||
| 1 | Streichquartett Nr. 6 B-Dur op. 18 Nr. 6 | 00:24:04 |
| Rudolf Kelterborn | ||
| 5 | Streichquartett Nr. 6 | 00:17:18 |
| Ludwig van Beethoven | ||
| 9 | Streichquartett Nr. 10 Es-Dur op. 74 (Harfen-Quartett) | 00:31:05 |
Interpreten der Einspielung
- Amaryllis Quartett (Streichquartett)

