The Music of E.T.A. Hoffmann
Vocal & Instrumental Works
cpo 555 794-2
8 CD • 8h 21min • 2008, 1998, 2014, 2010, 1995, 1997, 2001
19.03.2026
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Gesamteindruck:![]()
Als Dichter braucht E. T. A. Hoffmann keinen Gedenktag, um im Bewusstsein der Leser präsent zu sein. In seinem ursprünglichen künstlerischen Beruf als Komponist war er schon zu Lebzeiten eher eine Randerscheinung und auch die Nachwelt hat sich kaum für ihn interessiert. Das Label cpo hat da einige Pionierarbeit geleistet, um seine musikalischen Werke einem Publikum von heute wieder schmackhaft zu machen und bringt nun aus Anlass von Hoffmanns 250. Geburtstag in einer Sammel-Kassette mit 8 CDs bereits in den Jahren 1995-2014 entstandene Aufnahmen erneut heraus.
Kein Glück mit der Oper
Sein über 80 Titel umfassendes kompositorisches Œuvre besteht zur Hälfte aus Werken für die Bühne. Aber speziell mit seinen Opern hatte er wenig Glück. Das Singspiel Liebe und Eifersucht (1807) nach einer erotischen Verwechslungskomödie von Calderón de la Barca, das er ohne Erfolg mehreren Theatern angeboten hatte, erlebte seine Uraufführung erst 2008 in einer Produktion des Münchner Gärtnerplatztheaters bei den Ludwigsburger Festspielen. Die mit schön gearbeiteten Ensembles, spannungsreichen Finali und einem farbenreich kommentierenden Orchester an Mozarts italienische Opern erinnernde Partitur fand in dieser von cpo aufgezeichneten Aufführung unter dem Dirigenten Michael Hofstetter eine im instrumentalen Bereich überzeugende, in den gesanglichen Darbietungen nur mittelprächtige Umsetzung.
Das Schicksal einer reichlich verspäteten Uraufführung widerfuhr auch der im Folgejahr komponierten romantischen Oper Der Trank der Unsterblichkeit, bei der es sich um eine Bewerbungsarbeit Hoffmanns für den Posten des Musikdirektors am Bamberger Theater handelte, dessen Intendant damals Julius von Soden war, der auch das Libretto verfasst hatte. Peter P. Pachl hat die Partitur im Archiv der Berliner Staatsbibliothek aufgespürt und das Stück 2012 am Theater Erfurt erfolgreich selbst inszeniert. In der vorliegenden Edition lässt sich die Qualität der Musik zumindest an der C-Dur-Ouvertüre studieren, die dem in Persien spielenden Sujet mit orientalischem Klangkolorit beikommt.
Deutsche Romantik und italienischer Belcanto
In seinen beiden letzten Opern, Aurora und Undine, wählte Hoffmann eindeutig romantische Sujets, orientierte sich dabei am Reformstil der Opern Glucks und seiner französischen Nachfolger. Aurora, 1811/12 entstanden, wurde wie die vorgenannten Titel zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt und kam 1933 in Bamberg erstmals heraus. Mit Undine hatte er 1816 in Berlin seinen einzigen klaren Opernerfolg, Carl Maria von Weber lobte ihn und es gab 14 Vorstellungen. Bei einem Brand im alten Schauspielhaus wurde jedoch die gesamte Ausstattung zerstört, so dass es zu keiner Reprise in der folgenden Saison kam. In neuerer Zeit gab es zwar verschiedene Rundfunkproduktionen, die auch als CD veröffentlicht wurden, doch eine szenische Realisierung ist mir nicht bekannt. Die Ouvertüren zu beiden Opern sind hier in einer ansprechenden Wiedergabe durch die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens zu erleben.
Im Sommer 1812 in Bamberg entstanden und 1819 unter dem deutschen Titel „Sechs italienische Duettinen“ veröffentlicht gehören die Duettini italiani zu den wenigen Kompositionen Hoffmanns, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Sie spielen auch in seinen Lebensansichten des Katers Murr eine wichtige Rolle, wo sie dem imaginären Kapellmeister Kreisler zugeschrieben werden. Sie treffen den Belcanto-Ton in der Art des jungen Rossini sehr trefflich und werden in der vorliegenden Aufnahme von der Sopranistin Dorothee Mields und dem Tenor Jan Kobow ansprechend umgesetzt.
Melodramen und Bühnenmusiken
Nach einem Libretto seines Bamberger Dienstherren Julius von Soden schrieb Hoffmann 1809 das indische Melodram Dirna. Obwohl diese Gattung ihre Blütezeit damals schon hinter sich hatte, war der Erfolg doch so beträchtlich, dass dieses Stück in mehreren anderen Städten nachgespielt werden konnte. Aus heutiger Sicht ist es von eher marginalem musikhistorischem Interesse. In der vorliegenden Einspielung der Kammerakademie Neuss unter Johannes Goritzki scheinen die drei etwas defensiv agierenden Schauspieler das Orchester zu begleiten und nicht umgekehrt.
Mit leichtfüßigem Charme und Witz kann die 1808 für das Bamberger Theater geschriebene Ballettmusik Arlequin auch den heutigen Hörer noch entzücken. Zwanzig kurze Tanzszenen, oft nicht länger als eine Minute, beschwören die Welt der Commedia dell’arte herauf, mit dem einschlägigen Personal: Arlecchino, Scaramuccio, Dottore und Pantalone.
Sehr zur Zufriedenheit des damals hochgeschätzten Dichters Zacharias Werner schrieb Hoffmann 1805 in Warschau die Bühnenmusik zu dessen dreiteiligem Drama Das Kreuz an der Ostsee. Die für das Berliner Nationaltheater geplante Aufführung fand aber nicht statt, da dem Direktor Iffland das ganze Projekt als zu aufwändig erschien. Hoffmann ging hier orchestral „in die Vollen“, getreu der von Lessing in seiner Hamburgischen Dramaturgie aufgestellten Forderung: „Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig und geistreich gesetzt sein“. Hier gibt es deren gleich zwei, hinzu kommen weitere Orchesterstücke wie der Marsch der Teutonischen Krieger.
Kirchen- und Kammermusik
Schon in jungen Jahren war der Protestant Hoffmann von katholischen Ritualen fasziniert. Rund ein Viertel seiner Kompositionen gehört in den Bereich geistlicher Musik. Zwei Beispiele sind der Inhalt der fünften CD. Die Messe in d-moll entstand noch in den Warschauer Jahren, wo der jung verheiratete Komponist mit häuslichen Sorgen zu kämpfen hatte. Dennoch drückt die Musik eine gewisse Diesseitsfreude aus. Das groß angelegte Miserere in b-moll für Solisten und Chor, für eine Karfreitags-Aufführung in Würzburg 1809 geplant, wurde nicht rechtzeitig fertig und blieb wie die Messe zu Lebzeiten Hoffmanns ungedruckt und unaufgeführt. Seine Kammermusik und seine Klaviersonaten, die die beiden letzten CDs ausfüllen, waren für mich die eigentliche Entdeckung dieser Wiederveröffentlichung, weil sie sehr kunstvoll und phantasiereich vorgegebene Formen erfüllen und variieren. Besonders das Harfenquintett in c-moll und die Klaviersonate in cis-moll hätten einen festen Platz im Konzert-Repertoire verdient.
Der Komponist im Schatten des Dichters
Die vorliegende Kassette trägt mit durchweg gediegenen Interpretationen und sehr gründlichen Kommentaren und Analysen des unlängst verstorbenen Musikwissenschaftlers Werner Keil zweifellos zu einer Neubewertung des Komponisten Hoffmann bei. Ob es zu einer Renaissance seiner Werke kommt, ist freilich zu bezweifeln. Als Dichter war er ein in die Zukunft weisendes Original-Genie, das auch viele ausländische Kollegen inspiriert hat, man denke an Balzac in Frankreich, Gogol und (den jungen) Dostojewski in Russland und Poe in Amerika. Als Komponist war er Traditionalist, der Spätklassik oder Nachklassik zuzuordnen, und noch kein profilierter Vertreter der Romantik wie der zehn Jahre jüngere Carl Maria von Weber.
Ekkehard Pluta [19.03.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Ernst Theodor Amadeus Hoffmann | ||
| 1 | Liebe und Eifersucht AV 33 (DieSchärpe und die Blume, Singspiel in 3 Akten; Akt 1 und 2) | 00:56:25 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Liebe und Eifersucht AV 33 (DieSchärpe und die Blume, Singspiel in 3 Akten; Akt 2 und 3) | 01:05:31 |
| CD/SACD 3 | ||
| 1 | Dirna (Indisches Melodram in drei Akten nach einer wahren Geschichte) | 01:08:56 |
| CD/SACD 4 | ||
| 1 | Das Kreuz an der Ostsee AV 20 (nach dem Schauspiel von Zacharias Werner) | 00:17:55 |
| 4 | Arlequin AV 41 (Ballettmusik) | 00:30:55 |
| 24 | Trank der Unsterblichkeit AV 34 | 00:06:05 |
| 25 | Liebe und Eifersucht AV 33 (Die Schärpe und die Blume, Singspiel in 3 Akten) | 00:04:59 |
| CD/SACD 5 | ||
| 1 | Missa d-Moll AV 18 | 00:31:44 |
| 8 | Miserere b-Moll AV 42 | 00:30:28 |
| CD/SACD 6 | ||
| 1 | Sinfonie Es-Dur | 00:21:35 |
| 5 | Undine AV 70 (Ouvertüre) | 00:08:31 |
| 6 | Aurora AV 55 (Ouvertüre) | 00:07:36 |
| 7 | Aurora AV 55 (Marsch) | 00:01:23 |
| Friedrich Witt | ||
| 8 | Sinfonie Nr. 16 A-Dur | 00:22:21 |
| CD/SACD 7 | ||
| Ernst Theodor Amadeus Hoffmann | ||
| 1 | Klaviertrio E-Dur AV 52 (Grand Trio) | 00:22:15 |
| 5 | Ombre amene (aus: 6 Duettini italiani AV 67 für Sopran, Tenor und Klavier) | 00:02:25 |
| 6 | Dove sei, mio caro bene? (aus: 6 Duettini italiani AV 67 für Sopran, Tenor und Klavier) | 00:02:06 |
| 7 | Vicino a quel ciglio (aus: 6 Duettini italiani AV 67 für Sopran, Tenor und Klavier) | 00:02:10 |
| 8 | Viver non potrò mai lungi da te, mio bene (aus: 6 Duettini italiani AV 67 für Sopran, Tenor und Klavier) | 00:03:19 |
| 9 | Vicino a te, ben mio, mi sento giubilar (aus: 6 Duettini italiani AV 67 für Sopran, Tenor und Klavier) | 00:01:04 |
| 10 | A che mi manca l'anima (aus: 6 Duettini italiani AV 67 für Sopran, Tenor und Klavier) | 00:02:44 |
| 11 | Quintett c-Moll AV 24 für Harfe und Streichquartett | 00:18:40 |
| CD/SACD 8 | ||
| 1 | Klaviersonate A-Dur AV 22 | 00:15:55 |
| 4 | Klaviersonate f-Moll AV 27 | 00:10:31 |
| 7 | Klaviersonate F-Dur AV 29 | 00:14:37 |
| 10 | Klaviersonate cis-Moll AV 40 | 00:14:36 |
| 13 | Klaviersonate f-Moll AV 30 | 00:14:06 |
Interpreten der Einspielung
- Gary Martin (Der Herzog von Florenz - Bariton)
- Robert Sellier (Enrico, im Dienste des Herzogs von Florenz - Tenor)
- Florian Simson (Ottavio, im Dienste des Herzogs von Florenz - Tenor)
- Jörg Simon (Fabio)
- Christina Gerstberger (Lisida, Tochter des Fabio - Sopran)
- Thérèse Wincent (Cloris, Tochter des Fabio - Sopran)
- Sybille Specht (Nisa, Cousine der Cloris - Mezzosopran)
- Sybilla Duffe (Celia, Kammerjungfer - Sopran)
- Stefan Sevenich (Ponlevi, Enricos Bedienter - Bariton)
- Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele (Orchester)
- Michael Hofstetter (Dirigent)
- Angelika Krautzberger (Dirna)
- Martin Herrmann (Ganga)
- Werner Klockow (Zami/Hoher Priester)
- Kammerchor Cantemus (Chor)
- Deutsche Kammerakademie Neuss (Orchester)
- Johannes Goritzki (Dirigent)
- Sibylla Rubens (Sopran)
- Jutta Böhnert (Sopran)
- Rebecca Martin (Alt)
- Thomas Cooley (Tenor)
- York Felix Speer (Bass)
- WDR Rundfunkchor Köln (Chor)
- WDR Sinfonieorchester Köln (Orchester)
- Rupert Huber (Dirigent)
- Die Kölner Akademie (Orchester)
- Michael Alexander Willens (Dirigent)
- Beethoven Trio Ravensburg (Klaviertrio)
- Dorothee Mields (Sopran)
- Jan Kobow (Tenor)
- Wolfgang Brunner (Klavier)
- Isabelle Moretti (Harfe)
- Parisii-Quartett (Streichquartett)
