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CD-Besprechung

Warner Classics 2564 61553-2

2 CD • 2h 05min • 2003

29.10.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Daniel Barenboim hat sich – trotz energischer Dirigententätigkeit, trotz immenser kulturpolitischer Anstrengungen – als Pianist die eine oder andere mediale Türe offen gehalten. Er gibt Klavierabende bei den Salzburger Festspielen, er spielt auf fulminante, einfühlsame, man darf getrost sagen: authentische Weise argentinische Tangos, er konzertiert vom Flügel aus dirigierend das Mozart- und Beethoven-Repertoire. Und via CD macht er uns immer wieder mit neuen Werkerkundungen bekannt, wie etwa mit Albeniz’ ausgreifender, technisch unbequemer Iberia-Sammlung. Nun also überrascht er mit einer Produktion des ersten Teils aus Bachs Wohltemperiertem Klavier. Überraschend für mich in erster Linie, weil ich Barenboim mit vorklassischer Musik kaum je erlebt habe (eine sehr früh englische Wing-LP (WL 1214) ausgenommen, die drei Beispiele aus dieser Frühzeit enthält – darunter Johann Christan Bachs Sonate op. 17,6 und zwei adrette Sonaten von Pergolesi!).

Barenboims Zugang zu Bach, wie er sich in diesem Wechselspiel der Präludien und Fugen zwischen Motorik, Elegie, Schmerzensarie, Fugenstrenge und Fugenausgelassenheit äußert, ist – vorwissenschaftlich und vorsichtig formuliert – ein gefühliger. Man ist verführt, von einer romantischen, weich konturierenden, an Chopin und Schumann orientierten Vortragsweise zu sprechen, wenn nicht in den Zeiten der Romantik paradoxerweise ein sehr kühles, mechanistisches Bach-Bild die Interpreten (und da vor allem die völlig affektlos werkenden und langweiligen registrierenden Organisten) geleitet hätte. Fernab all dieser – zum Glück überwundenen – Lagergefechte bewegt sich Barenboim in Nachbarschaft zur engelszüngigen, klanglich noch verschleierteren Richter-Einspielung – und damit im krassen Gegensatz zu schlanken, trocken angerichteten, in der Diktion provokanten, auf Strukturen und motorische Sprengkraft versessenen Varianten wie jene von Gulda oder Gould (ungeachtet der vielen Binnenunterschiede, die auch für deren Les- und Spielarten charakteristisch sind).

Zwei Präludien samt Fugen empfehle ich zum kontrollierenden Höreinstieg. Die Nr. 1 in C-Dur und die Nr. 8 in es-Moll. Die schönen, anmutigen Akkordbrechnungen des Eröffnungsstückes intoniert Barenboim als Nachrichten aus oberen Sphären, sehr gleichmäßig, ohne jede befremdende Artikulationsmarotte, wie sie Gould von Anfang bis Ende in rupfender Diktion zur Regel erhebt. Gounod lässt schon grüßen – und auch die folgende Fuge signalisiert Barenboims Harmoniebedürfnis, seine Vorliebe für kantable Linien in einer Atmosphäre fern aller Unterweisung in polyphoner Logik. Dem expressiven es-Moll-Präludium mit seinen klangrednerischen Lieb- und Schmerzlichkeiten wird unter diesen Bedingungen eine Aura der Notturno-Sentimentalität zugedacht, wie man sie eher in LP- oder CD-Sammlungen mit Zugabenstücken aus der gesamten Klavierliteratur begegnet. So ist dieser erste Band unter den – wenn nötig auch flinken, geschmeidigen – Händen Barenboims ein Dokument der lächelnden, unbekümmerten Aufführungspraxis geworden, als wollte der Musiker uns mitteilen, es sei nun genügend hart und schweißtreibend an diesem Werksegment gearbeitet, recherchiert und rekonstruiert worden. Nun dürfe man endlich einmal wieder aus dem Bauch heraus Bach spielen, im Namen des Komponisten, aber auch in stolzer Eigenverantwortung dessen, was man sich bei der Lektüre angstfrei zu erträumen und schließlich zu realisieren gewagt hat.

Vergleichsaufnahmen: Richter (Eurodisc), Gulda (Basf), Fellner (ECM), Gould (Sony)

Peter Cossé † [29.10.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Das Wohltemperierte Klavier Buch I BWV 846-869

Interpreten der Einspielung

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