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CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

CD+DVD-Video-Besprechung

Warner Classics 2564 62190-2

1 CD+DVD-Video • 59min • 2004

29.08.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Mit viel Medien-Echo ist das 1999 von Daniel Barenboim, Edward Said und Yo-Yo Ma gegründete West Eastern Divan Orchestra zur Zeit wieder auf Tournee, unter anderem mit einem weit beachteten Konzert in Ramallah im August 2005. Parallel dazu hat Warner Classics eine Antritts-CD auf den Markt gebracht, die es in sich hat und viele Denkanstöße gibt – wenn auch vielleicht in einem anderen Sinn als gedacht.

Die Audio-CD enthält den Mitschnitt eines Konzertes aus Genf vom 6. August 2004, auf dem Programm standen die fünfte Sinfonie von Tschaikowsky, Verdis Ouvertüre zu La Forza del Destino und als Zugabe der unverwüstliche Valse Triste von Sibelius. Dem akustischen Eindruck nach war es ein hitziges, über weite Strecken geradezu fiebriges Konzert, von den jungen Musikern mit höchstem Engagement und sehr differenziert gespielt. Auch überrascht, wie gut Verdis Ouvertüre inhaltlich mit der Sinfonie korrespondiert. Musikalisch läßt das Orchesterspiel wie auch die Interpretation keinerlei Wünsche offen; nur manche düstere Stelle (wie die Einleitung des ersten Satzes) kann ich mir etwas rauher und dunkler in der Farbe, manche rasche Passage ein bisschen kontrollierter vorstellen (Finale-Hauptthema). Diesbezüglich also eine klare 10 in der Bewertung für das Orchester.

Doch die Aufnahme ist auch eines jener High-Tech-Elaborate, wie es Tontechniker unter Ausnutzung all ihrer Möglichkeiten immer wieder abliefern. Die Musik wird, wie heute oft, sehr direkt abgenommen und wirkt insgesamt scharf und ziemlich steril. Man hört im Zwei-Kanal Audio-Modus im Wesentlichen die ersten Geigen links vorn, die dominanten, scharfen Blechbläser von rechts hinten; der Rest bleibt diffus in der räumlichen Ortung. Im Surround-Modus wird die Achse von links vorn nach rechts hinten sogar noch verstärkt; allerdings hört man zusätzlich die Bässe von links und gelegentlich die zweiten Violinen von rechts, alles andere ist räumlich nicht definiert.

Nimmt man dann die DVD zur Hand und schaut sich den Konzertmitschnitt an, so stellt man überrascht fest, daß Daniel Barenboim hier nicht nur die alte Leipziger Gewandhaus-Aufstellung verwendet (Geigen links und rechts, Bässe und Celli links hinter den ersten Geigen); er hat sogar die Holzbläser verdoppelt, was man allein vom Audio-CD-Eindruck her nie vermuten würde. Man sieht auch ein in der Tat hochmotiviertes, junges Orchester, in dem noch der Geiger des letzten Pultes auf der vorderen Stuhlkante klebt vor Aufmerksamkeit. Aus allen Gesichtern leuchtet eine Hingabe und Begeisterung, die man bei den Profi-Orchestern unserer Zeit so gut wie nie mehr zu sehen bekommt. Für Daniel Barenboim ist dieses Orchester sichtlich ein Jungbrunnen, so engagiert und kompetent habe ich ihn seit Jahren nicht mehr gehört bzw. gesehen. Er hat mit seinen Musikern derart gründlich gearbeitet, daß er es sich leisten kann, über weite Strecken kaum zu taktieren, sondern nur wenige nötige Impulse gibt. Andererseits ist es bedenklich zu sehen, wie verkrampft seine Rechte oft den Taktstock hält; er verzichtet auch nicht auf das Mätzchen, gelegentlich den Stab der linken Hand zu überlassen, dort mit allen Fingern vertikal gehalten, in Warteposition schwebend.

Mit dem Anliegen eines Kulturaustausches zwischen islamischer und westlicher Welt wie auch der Musiker verschiedener, zum Teil verfeindeter Nationen erheben das Orchester und sein Dirigent einen hohen moralischen wie auch politischen Anspruch. Diese Debüt-Produktion möchte dafür werben. Unverständlich bleibt jedoch, daß das Beiheft es versäumt, auf die Website der Stiftung von Edward Said und Daniel Barenboim hinzuweisen, die das West Eastern Divan Orchestra unterhält (?). Leider findet auch in der Programmgestaltung kein Brückenschlag statt. Seit sieben Jahren spielt dieses Orchester das Kernrepertoire des zentraleuropäischen Kulturraums; in Ramallah wurden im August 2005 Beethovens fünfte Sinfonie und die Sinfonia Concertante von Mozart gegeben! Warum spielt das Orchester nicht auch Musik von Komponisten aus den Nationen, aus denen seine Mitspieler stammen, oder zumindest Werke, die den kulturellen Konflikt auch thematisieren? Warum nicht Werke von Tal, Ben-Haim, Bloch, El-Khouri, Saygun? Oder Bernstein, Theodorakis, Schostakowitsch? Vergibt die Stiftung Kompositionsaufträge nach Palästina, Israel, Ägypten, Arabien usw.? Stattdessen gibt es das von Barenboim bevorzugte Repertoire von Mozart und vor allem Beethoven über Schubert und Verdi bis hin zu Tschaikowsky und Mahler. Kann man denn einen kulturellen Dialog in Gang bringen, wenn man die Länder des östlichen Mittelmeerraums ausschließlich mit den Segnungen abendländischen Musiklebens beglückt? Es entsteht der Eindruck, daß hier persönliche Eitelkeiten eine Rolle spielen – zumal sich Edward Said und Daniel Barenboim auf der DVD in einem fast abendfüllenden Gespräch (82 Minuten) ausführlich präsentieren, während eine aufschlussreiche und fesselnde Dokumentation der Probenarbeit des Orchesters nur 33 Minuten einnimmt. Das Anliegen eines kulturellen Dialogs bleibt jedoch weitgehend auf der Strecke – sieht man einmal von den geschaffenen politischen Fakten ab, die natürlich schlagzeilenträchtig und PR-wirksam sind.

Nach dem Anschauen des Konzert-Mitschnitts oder dem Anhören der Audio-CD allein nimmt man vor allem eines mit: Da spielt sich ein fantastisches, begeistertes und begeisterndes Jugendorchester die Seele aus dem Leib. Daran hat Barenboim selbstverständlich wesentlichen Anteil, doch das allein ist nichts Außergewöhnliches – man denke nur an das Gustav Mahler Orchester, die Venezolanische Philharmonie, das Saito Kinen Orchestra, diverse Festival Orchester in Verbier, Tanglewood, Luzern, Schleswig-Holstein; auch von daher die niedrige Wertung im Gesamteindruck.

Dr. Benjamin G. Cohrs [29.08.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Peter Tschaikowsky
1Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64
Giuseppe Verdi
2Ouvertüre (aus: La forza del destino)
Jean Sibelius
3Valse triste
Unbekannt
4Documentary – Lessons in Harmony (ein Film von Isabel Iturriagagoitia und Paul Smaczny)

Interpreten der Einspielung

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