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CD-Besprechung

Channel Classics CCS SA 22905

1 CD • 79min • 2005

15.11.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Dirigent Iván Fischer setzt sich auf dem Konzertpodium seit Jahren für die Musik Gustav Mahlers ein; er ist Mitbegründer der ungarischen Mahler-Gesellschaft und leitet in Budapest auch das alljährliche Mahlerfest. Doch erst jetzt hat er sich dazu entschlossen, Mahler auch auf CD anzugehen. Dafür hat er sich gleich einen der schwersten Brocken ausgesucht – die “tragische” sechste Sinfonie a-Moll, noch dazu ein von der Quellenlage und Aufführungspraxis her durchaus umstrittenes Werk: Generationen von Dirigenten und Musikwissenschaftlern haben darüber gestritten, ob man Mahlers nachträglicher Empfehlung, die Reihenfolge der Innensätze zu vertauschen und den dritten Hammerschlag im Finale zu tilgen, befolgen sollte oder nicht. Fischer entschied sich nach reiflicher Erwägung und langjährigem Ausprobieren im Konzert dafür, beide Wünsche Mahlers zu respektieren. Das Ergebnis ist überzeugend: Das Scherzo fungiert nun wie eine Art Wiederaufnahme des Kopfsatz-Gestus nach dem Andante-Zwischengesang, und so löst sich auch das Problem konventioneller Aufführungen, in denen nach dem Andante an dritter Stelle zu Beginn des Finales gleich erneut eine ausgedehnte langsame Einleitung folgt...

Die “Tragische” präsentiert sich nun sogar in mancher Hinsicht als eine Art Negativ-Image von Bruckners sechster Sinfonie A-Dur, die Mahler selbst 1899 uraufgeführt hatte. Die gemessenen Scherzi an dritter Stelle sind in beiden Werken ähnlich, und die harmonische Konstellation zu Beginn von Mahlers Finale ist sogar ganz genau die Gleiche wie zu Beginn des Trios im Scherzo von Bruckners Sechster. Als kundiger Mahlerianer folgt Iván Fischer als einer der wenigen Dirigenten auch der antiphonalen Gegenüberstellung der Violinen, mit der Mahler unbedingt rechnete. So hört man die ausgiebigen Dialoge beider Gruppen ebenso wie die charakteristische Breite, wenn beide zusammengeführt werden. Das kommt der quälerischen Zerrissenheit der lebhaften Teile, insbesondere dem Finale, sehr zugute und trägt erheblich zum vorzüglichen Gesamteindruck bei. In der musikantischen Gesamt-Disposition erinnert diese Einspielung in vielem an die seinerzeit bahnbrechende Aufnahme des Chicago Symphony Orchestra unter Fischers ungarischem Landsmann Georg Solti (Decca 425040-2) aus dem Jahr 1970 – straff, nie larmoyant, ausgewogen, mit größter Sorgfalt die kontrapunktische Faktur herausgearbeitet. Nur eines vermisse ich schmerzlich – die ungeheure, niederschmetternde Wucht des ersten Satzes, wo nur eine strikte Befolgung von Mahlers anfänglichem “Allegro energico, ma non troppo” gewährleistet, daß das prägnante Motiv der Kontrabässe wirklich “heftig, aber markig”, also wie eine Folge von Axthieben klingt. Leider wird das “energico” – auch wohl von Fischer – meistens als “vorantreibend” fehlinterpretiert. Ich bin jedoch davon überzeugt, Mahler wollte damit vor allem ausdrücken und erreichen, daß sich die Klänge ungeachtet des Allegro-Tempos mit vollster Wucht und Schwere entfalten konnten. Nur Sir John Barbirolli (New Philharmonia Orchestra 1967, EMI CZS 7 67816 2) und Jascha Horenstein (Stockholm Philharmonic Orchestra, 1966, Music & Arts CD 785) haben ihre Bassisten bisher die Anstrengung abringen können, jeden dieser Hiebe wirklich mit vollstem Körpereinsatz und alle mit Abstrich zu spielen; und dabei war Barbirolli in seiner Referenzaufnahme trotz des langsamen Anfangs in der Gesamtdauer des Satzes mit 21’14 trotzdem noch über eine Minute schneller als Fischer (22’24)! Ansonsten wohl eine der fünf besten Einspielungen der sechsten Sinfonie überhaupt.

Dr. Benjamin G. Cohrs [15.11.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Gustav Mahler
1Symphony No. 6 a minor (Tragic)

Interpreten der Einspielung

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