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CD/SACD-Besprechung

OehmsClassics OC 628

2 CD/SACD • 85min • 2004

22.10.2008

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Wer sich in den erlauchten Wettbewerb BWV 988, also sozusagen auf Gipfeltour in Richtung „Goldberg“ begibt, der muss sich der starken, ja überwältigenden (und stilistisch geradezu verwirrend vielfältigen) Konkurrenz bewusst sein! Dies gilt natürlich auch für den Produzenten – in diesem Fall das ungemein rührige Label Oehms Classic, dessen Katalog in den letzten Jahren auf mannigfaltigen literarischen Spuren eindrucksvoll angeschwollen ist. Hier nun liegt meiner Meinung eine Gefahr, besonders was die Förderung junger Talente, neuer Namen anbelangt. Schön und verdienstvoll ist es ohne Zweifel, wenn der Jugend oder auch reiferen Neulingen eine mediale Chance gegeben wird. Ihnen ist im Allgemeinen Aufmerksamkeit gesichert. Und auch eine zweite, im Folgenden eine dritte Publikation sorgt für Kooperation mit der Öffentlichkeit, für befriedigte Neugier seitens des ausgewählten professionellen und des (wie zu hoffen) zahlreich angesprochenen Publikums. Problematisch wird es, wie mir vorkommt, wenn in einem relativ engen Zeitraum zu viele „Debüts“, zu viele Jungstars präsentiert werden. Sie treten sich unwillkürlich auf die Füße, nehmen sich den künstlerischen Lebensraum, ihre gut gemeinten Botschaften zu verbreiten. Man konnte das vor vielen Jahren bemerken, als die Deutsche Grammophon eine Debüt-Serie startete (für 6 DM pro Langspielplatte mit Musikern wie Roberto Szidon, Dinu Ciani und Hansjörg Schellenberger). Und auch bei EMI setzte man sich in der Billigpreis-Kategorie für die nachrückende Jugend ein (unter ihnen damals Gerhard Oppitz, Karl Betz, Roswitha Stege und Paolo Bordoni), aber man verspürte recht bald bei den hurtig nachgereichten Neuankömmlingen eine Art Inflation juveniler Sensation.

Zurück zu der Goldberg-Novität mit der georgischen, aus Tiflis stammenden, u.a. von Ludwig Hoffmann und Vladimir Krainew ausgebildeten Irma Issakadze. Sie bemüht sich im CD-begleitenden Interview und im musikalischen Ernstfall der Studioaufnahme um eine eigene Deutung, um eigene Lösungen für die jeweils anfallenden Probleme in charakteristischer und technischer Hinsicht. Und auch – wie verlautbart – um eine persönliche Handhabe für die Variationsfolge in ihrer faszinierenden Gesamtheit. Aber von Nummer zu Nummer, von Variation zu Variation überwiegt in meiner Wahrnehmung ihres rein mechanisch korrekten Betreibens eine gewisse Unfertigkeit, ja der Sorglosigkeit im Bereich der Charakterdefinition, der Ausprägung des jeweils Möglichen, will sagen: in der Ausformung jener Kostbarkeiten, die Bach dem Papier und in letzter Instanz dem Interpreten anvertraut hat.

Ich erlaube mir, hier nur ein paar Beispiele anzuführen auf der lauschend-begleitenden Reise von Irma Issakadze. Flott und gleichsam konkret – in Nähe etwa zu den Einspielungen von Alexis Weissenberg auf EMI – gelingt die erste Variation, Rubato-angereichert Nummer 4, lebhaft verziert die siebte Variation, aber lediglich hart und trocken abgefasst irritiert die Nr. 8, knöchern, geradezu lieblos angepackt, wirkt die zwölfte Abwandlung in ihren Ausdrucksmöglichkeiten wie verschenkt. Manches in dieser Gesamtdarbietung erweckt den Eindruck, Issakadze hätte sich auf einen betont realistischen, sozusagen, wie beiseite gesprochen Tonfall eingeschworen (Nr. 13!), im nächsten Augenblick jedoch laufen die Finger mit einem eher ratternd anmutenden Teilergebnis dahin (Nr. 14).

Ruppig wird die zweite CD im „französischen“ Tonfall eröffnet. Die ausschweifende Aria (Nr. 10) versöhnt im ersten Moment durch schlichten Tonfall, aber es mangelt– wenn ich mir Einspielungen etwa mit Gould, Weissenberg, Koroliov oder András Schiff in Erinnerung rufe – an einer von Innen her aufgebauten, spannungsvollen Weihe, an einer über das sinngebende Anschlagen von Klaviertasten hinausweisenden Grundhaltung, die den Hörer in eine Region etwa überkonfessioneller Religiosität führen würde. Flott gerutscht dann ist die Variation 26 auf dem (Rück-) Weg zur artig, identisch im Ausgangstempo nachgefühlten „Aria“.

Vergleichsaufnahmen: Bahrami (Decca 476 282-2), Barrio (Koch/Universal 476 3133), Gould (1955 - CBS/Naxos 8.111247), Gould (21.6.1954 CBC Records PSCD 20306), Schiff (Teldec VHS 9031-73670-3), Dinnerstein (Telarc CD-80692), Licad (Amati 9602/1), Kirkpatrick (Music & Arts CD 976), Landowska (Pearl GEMM 9265), Bartos (Connoisseur Society 4176), Perahia (Sony SK 89243), Beauséjour (Analekta FL 2 3132), Xiao-Mei (Mandala 4950), Tureck (VAI Audio 1029), Li (Amati 9602/1), Tureck (DG 459 599-2), Hewitt (Hyperion CDA 67305), R. Schirmer (Berlin classics 0017162 BC), Koroliov (Hänssler 92.112), Vieru (Harmonia mundi HMC 901666), Yudina (Great Pianists Philips 456 994-2), Kronenberg (Ars musici 1323-2), Frisardi (Doppio Movimento 2000-01), Höxter (ambitus 96825), J. C. Martins (Concord Concerto), Dershavina (Arte Nova 34011 2), M. Becker (cpo 999 831-2), Sultan (Concord CCD-42030), Schiff (ECM 472185-2), J. L. Steuermann (Naive AT 34112 / AD 098), Chen (cfm 18), Tureck (St. Petersburg 1995 VAI 4252), Jando (Naxos 8.5572268), Mäser (Sarto classics M 312.02), Weissenberg (2x EMI/LP).

Peter Cossé † [22.10.2008]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Goldberg-Variationen BWV 988

Interpreten der Einspielung

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