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CD/SACD stereo-Besprechung

OehmsClassics OC 636

1 CD/SACD stereo • 45min • 2007

28.07.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Goldbergvariationen verdanken ihren Namen einem Bericht Nikolaus Forkels in seiner Bach-Biographie von 1802: Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte. Die Schlaflosigkeit Hermann Carl Graf Keyserlingks, russischer Botschafter am Dresdner Hof und ein Freund Bachs, wäre damit der Grund für die Entstehung dieses Höhepunkts barocker Variationskunst. Tatsächlich wurde der hochtalentierte Johann Gottlieb Goldberg, 1727 in Danzig geboren, noch als Kind von Keyserlingk entdeckt, mit nach Dresden genommen, wo er vierzehnjährig als Schüler zu dem ebenfalls in Dresden wirkenden Wilhelm Friedemann Bach sowie zu Vater Bach kam. J. S. Bach hat Goldberg als seinen „stärksten Schüler auf dem Klavier und auf der Orgel“ bezeichnet. Die Glaubwürdigkeit der Erzählung Forkels darf freilich angezweifelt werden, da Bachs Publikation des Werkes 1741 keinerlei Hinweis auf eine Widmung an Keyserlingk aufweist und der Knabe Goldberg erst am Anfang seines Unterrichts bei Vater und Sohn Bach stand. Durchaus wahrscheinlich ist indes, dass Keyserlingk ein Exemplar der 1741 im Druck erschienenen Variationen seines Freundes Bach besaß, aus dem ihm Goldberg nachts gelegentlich auf dem Cembalo im Nebenraum seines Schlafgemachs vorspielte, um die Schlaflosigkeit seines Gönners erträglicher zu gestalten.

Von Musik sanften und etwas muntern Charakters kann bei den Goldbervariationen fürwahr nicht die Rede sein! Zweifellos hatte Bach nicht vor, ein Schlaflied zu komponieren, als er seine Clavier-Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen im Druck erscheinen ließ. Auch seine vorherigen drei Clavier-Übungen waren ambitionierte Veröffentlichungen gewesen, mit denen sich Bach als systematischer Komponist von Musik für Tasteninstrumente profiliert hatte.

Obwohl vom Komponisten ausdrücklich für ein zweimanualiges Cembalo bestimmt, machten die Goldbergvariationen im 20. Jahrhundert vor allem durch die beiden in ihrer Interpretationshaltung durchaus gegensätzlichen Einspielungen durch Glenn Gould von sich reden. Inzwischen hat sich das Cembalo zwar in zahlreichen Veröffentlichungen Terrain zurückerobert, doch auch die Pianisten mögen das Stück nicht hergeben, das sie wegen seiner Anlage für ein zweimanualiges Instrument an ihrer Klaviatur vor halsbrecherische Schwierigkeiten stellt.

Es ist nur natürlich, dass sich auch die Organisten zu Wort melden; das Label Oehms hat jetzt binnen anderthalb Jahren zwei Versionen der Goldbergvariationen auf der Orgel veröffentlicht. Hansjörg Albrecht und Gunther Rost gehen allerdings jeder auf seine Weise zu Werke, es handelt sich bei dieser Duplizität innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit also nicht um eine Inflation, vielmehr werden unterschiedliche, teilweise geradezu gegensätzliche Rezeptionen der Goldbergvariationen präsent, die sich nebeneinander gut behaupten können und die Palette der Sichtweisen auf dieses faszinierende Werk bereichern. Beide Organisten haben sich für neue Orgeln französischer Werkstätten entschieden: Albrecht für das 2000 eingeweihte Instrument der Straßburger Manufaktur Mühleisen in der Stiftskirche zu Gandersheim, Rost für die Orgel von Bernard Aubertin von 2005 in der Pariser Kirche Saint-Louis-en-l’Île. Die beiden herrlichen Instrumente machen dem zeitgenössischen französischen Orgelbau alle Ehre! Damit sind die Gemeinsamkeiten der beiden Interpreten auch schon zu Ende. Albrecht hat sich für eine zurückhaltende Anpassung des Werks an die Orgel entschieden, die auch die Verwendung des Pedals einschließt und legt in seinem instruktiven Text im Begleitheft sorgfältig Variation für Variation Rechenschaft für seine Vorgehensweise ab. Das mündet aber keinesfalls in trockenem Akademismus, lebendig und farbenfroh präsentiert sich das Mammutwerk unter seinen Händen und Füßen.

Auch Rost hat für sein Begleitheft einen Text geschrieben, in dem er auf die Verwendung der Orgel allerdings kaum eingeht. „Jedenfalls legt Johann Sebastian Bachs Spätwerk, das von zunehmender Unabhängigkeit musikalischer Gedanken von konkreten Besetzungen zeugt, das Spiel dieses Werks auch auf der Orgel nahe“, schreibt Rost, also spielt er offenkundig lediglich mit den Klangfarben seiner Register und mit seiner Artikulation des Notentextes, in den er offensichtlich nicht eingegriffen hat. Leider erfahren wir in seinem Textbeitrag nicht, warum Rost – im Unterschied zu Albrecht – keine Wiederholungen spielt. Man kann sich allerdings vorstellen, dass seine sehr lebendigen Darstellungsmittel des französischen Stils, besonders die reichliche Verwendung des jeu inégal, in der Wiederholung ermüdend und manieriert wirkten, wo sie jetzt seine zuweilen hochvirtuose tour de force aufregend würzen. Dennoch: zur Genese seiner Interpretation gibt Rost in seinem Text keine Auskunft – dafür wird der Leser mit reichen und interessanten theologischen Bezügen und etwas viel Zahlenmystik konfrontiert. Für das brave Aushalten kabbalistischer Spekulationen wird man dann am Ende des Textes mit einer geradezu poetischen Betrachtung über Bezüge zwischen dem Quodlibet der Bach-Familie und dem evangelischen Kirchenlied belohnt. Ich bin so lang nit bei dir g’west, ruck her, ruck her, ruck her! zeigt sich als liebevoll-derber Ausdruck der Gottessuche im Sinne eines Näher, mein Gott, zu Dir.

Fazit: Zwei sehr unterschiedliche Versionen zweier Organisten, die Bach in- und auswendig kennen, laden zu einer Entdeckungsreise in neue Horizonte der Goldbergvariationen ein und breiten vor dem Hörer das farbige Klangspektrum der Orgel aus, auf der Bach selbst die prachtvollen Concerti seines Kollegen Vivaldi in ebenso ungewöhnlicher Weise in ein neues instrumentales Licht getaucht hat. Die SACD bietet in beiden Fällen den Klangfesten bestmögliche technische Entfaltung.

Vergleichsaufnahmen: Bach: Goldbergvariationen BWV 988 (Arr.: Hansjörg Albrecht); Hansjörg Albrecht, Orgel. Oehms Classics OC 625.

Eduard Finke [28.07.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Goldberg Variations BWV 988 00:44:54

Interpreten der Einspielung

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