Niels Wilhelm Gade Complete Piano Trios
MDG 303 1665-2
1 CD • 64min • 2009, 2010
22.02.2011
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Der Titel verblüfft: „Sämtliche Klaviertrios" des einst namhaften, heutzutage nur Eingeweihten vertrauten Romantikers Niels Wilhelm Gade (1817-1890) - kann das stimmen? Selbst Fachlexika wissen nur von einem einzigen Klaviertrio Opus 42 (1863) des dänischen Komponisten. Sollte dem für seine Entdeckerfreude bekannten Trio Parnassus ein weiterer Coup gelungen sein? Zum Erfolgskonto des globalen Interpreten-Dreigestirns mit der Geigerin Yamei Yu und der Klavierbegabung Chia Chou aus Fernost, gemeinsam mit dem abendländischen Meistercellisten Michael Groß, gehören inzwischen immerhin gewichtige Trio-Wiederbelebungen aus dem Werkschatz des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, von Édouard Lalo, Benjamin Godard oder Joseph Gabriel Rheinberger.
Schnell ist der nur scheinbar paradoxe CD-Gesamttitel geklärt. Tatsächlich hat sich Gade mit der Besetzung Klaviertrio schwer getan. Nur seinem Opus 42, als viersätziges Werk der Reife eines Mitvierzigers veröffentlicht, hat er diese Werkbezeichnung zugestanden. Doch gibt es weitere Trio-Anläufe von ihm. Fünf Einzelsätze hat er als Noveletten Opus 29 (1853) zusammengefaßt, dazu eine von ihm verworfene Variante des Finalsatzes der Noveletten. Darüber hinaus hat sich ein attraktiver Eröffnungssatz, immerhin mit einer Spieldauer von zwölf Minuten, eines 1839 geplanten B-Dur-Klaviertrios vollständig erhalten. Addiert man diese Einzelsätze zu den vier Sätzen des kompletten F-Dur-Trios, so erhält man immerhin eine Werkliste von insgesamt elf „Klaviertrios". Um die Spieldauer der CD sinnvoll auszuschöpfen, wurde als hörenswerte Zugabe das Programm um ein Gade-Scherzo für Klavierquartett aus dem Jahre 1836, ebenfalls ein Einzelsatz, erweitert.
Dies alles rechtfertigt den Titel einer „Gesamtaufnahme", wie sie hier von den Produzenten Dabringhaus und Grimm als geglückte CD-Neuheit mit dem Trio Parnassus vorgelegt wird. Musikalisch und künstlerisch spiegelt sie eine fach- und sachgerechte Umsetzung der Partituren Gades wider. Im Streben nach einer individuellen, nicht gerade „dänischen" Gefühlsüberschwang vermittelnden Klangsprache befrachtet der Komponist allerdings den Klavierpart mit einer Überfülle damals modischer Tastenartistik, ein Tribut an die Hochkonjunktur des Virtuosentums! Zugleich ist er keineswegs zurückhalten darin, Spieler und Zuhörer mit einer romantisch ausufernden Fülle motivischer Einfälle, Ideen und kunstvoller Satztechniken zu animieren. Dennoch zwingt der rhythmische Fluß pianistischer Figurationen auch alle melodisch inspirierten Streicherpartien zu einer stets penibel einzuhaltenden Metronomisierung. Es gibt also kaum gestalterische Freiräume für agogische Feinheiten. Der Star der Aufnahme ist daher folgerichtig Chia Chou als perfekt agierender Interpret am Flügel. Seine Partner werden ihm diesen Vorzug gönnen, entsprechen doch auch die sensibel ausbalancierten Geigen- und Cellopartien allen Vorgaben des von Mendelssohn und Schumann einst hochgeschätzten Komponistenkollegen aus Kopenhagen.
Dr. Gerhard Pätzig [22.02.2011]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Niels Wilhelm Gade | ||
1 | Trio F-Dur op. 42 für Violine, Violoncello und Klavier | 00:20:08 |
5 | Trio B-Dur für Violine, Violoncello und Klavier (1. Satz) – Adagio - Allegro con fuoco | 00:12:37 |
6 | Noveletten op. 29 für Violine, Violoncello und Klavier | 00:17:23 |
11 | Noveletten a-Moll op. 29 für Violine, Violoncello und Klavier (verworfenes Finale) – Allegro con fuoco | 00:04:47 |
12 | Scherzo cis-Moll für Klavierquartett | 00:08:46 |
Interpreten der Einspielung
- Trio Parnassus (Ensemble)
- Thomas Selditz (Viola)