Julia Varady Richard Wagner

Orfeo C 467 981 A
1 CD • 71min • 1998
01.09.1998
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Das ist nicht eine Wagner-CD unter vielen, sondern ein hochbrisantes Dokument. Zwei Wochen nach Fertigstellung der Aufnahmen sollte in Berlin ein öffentliches Konzert mit teilweise identischem Programm stattfinden. Doch nach Meinungsverschiedenheiten mit dem Orchester sagte der Dirigent Dietrich Fischer-Dieskau wegen einer Erkältung ab, von der in letzter Minute auch die Solistin Julia Varady infiziert wurde. Nicht genug damit. Gleichzeitig stieg sie aus Götz Friedrichs Produktion des Fliegenden Holländers aus, die bereits im Endprobenstadium war und gab ihren Abschied von der Bühne bekannt.
Gewaltige Folgen einer Verschnupfung. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, daß der große Sänger hier eine olympische Rache genommen hat für die Mißachtung seiner Dirigierkünste durch Musiker und Kritiker. Denn Julia Varadys stimmlicher Zustand gibt, wie auch diese Einspielung belegt, nicht den geringsten Anlaß für einen Rückzug von der Szene. Vielmehr wäre jetzt die Zeit gekommen, „die Ernte einzufahren“, d.h. sich möglicherweise auch an Aufgaben zu messen, mit denen man aus gutem Grund lange gewartet hat.
Daß Isolde und Brünnhilde zu den Rollen gehören, die Julia Varady auch auf der Bühne erfolgversprechend gestalten könnte, wage ich nicht zu behaupten. Auch im Herbst ihrer Karriere ist die Sängerin ein eindeutiger lirico-spinto-Sopran geblieben, der im hochdramatischen Fach mit Sicherheit an Grenzen stoßen würde. Im Studio freilich ist ihre Auslegung der Wagner-Heroinen weit differenzierter und menschlicher als die der einschlägigen Fachvertreterinnen, deren Stahlstimmen nur in seltenen Fällen auch zur Wärme des Ausdrucks und zu geschmeidigem Legato fähig sind. Diese Qualitäten zeichnen Varadys Gesang in hohem Maße aus, auf der Soll-Seite bleibt die Textverständlichkeit, was man vor allem bei den Wesendonck-Liedern als Manko empfinden muß.
Der Dirigent Fischer-Dieskau, der auf dem Podium nicht immer eine glückliche Figur abgibt, vermag im Studio gleichwohl seine Intentionen umzusetzen. Die Begleitung der Lieder und Gesangsszenen wie die Gestaltung der Orchesterstücke beweisen Kompetenz und gründliche Vorbereitung. Allerdings vermittelt er hier einen eher traditionellen Wagner-Klang, mehr kompakt und pathetisch als kammermusikalisch ausgefeilt.
Ekkehard Pluta [01.09.1998]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
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CD/SACD 1 | ||
Richard Wagner | ||
1 | Wesendonck-Lieder WWV 91A | |
2 | Tristan und Isolde | |
3 | Götterdämmerung |
Interpreten der Einspielung
- Julia Varady (Sopran)
- Deutsches Sinfonieorchester Berlin (Orchester)
- Dietrich Fischer-Dieskau (Dirigent)