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CD-Besprechung

Paul Dessau

Chamber Music

MDG 613 2158-2

1 CD • 79min • 2019

18.04.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Da ich im Herbst 2019 Gelegenheit hatte, bei ihrer Weimarer Premiere mit Paul Dessaus später, lange Zeit unbeachtet gelassener Oper Lanzelot ein kompositorisch ebenso originelles wie bühnenwirksames Meisterwerk zu erleben, war meine Neugier auf diese CD des Ensembles Avantgarde groß. Die Leipziger Musiker um den Pianisten Steffen Schleiermacher haben sich mit Dessaus Kammermusik- und Klavierschaffen befasst und präsentieren nun ein Programm, das nicht nur einige zuvor wenig bekannte Stücke des Komponisten enthält, sondern auch ein großartiges Portrait der Künstlerpersönlichkeit Paul Dessau darstellt.

Wenn Dessau vor allem als einer der namhaftesten Komponisten der DDR in Erinnerung geblieben ist, so sollte nicht vergessen werden, dass er, als er 1948 aus dem Exil in die sowjetische Besatzungszone übersiedelte, bereits über 50 Jahre alt und Autor einer beachtlichen Zahl bemerkenswerter Kompositionen war. Die hier dargebotenen Stücke stammen aus den Jahren zwischen 1925 und 1976. Man lernt also den jungen Dessau kennen, wie er unter dem Einfluss expressionistischer und neoklassizistischer Strömungen seinen kompromisslosen Stil findet; den vor den Nationalsozialisten geflohenen Exilanten, der in Paris, später in Amerika die zeitgeschichtlichen Ereignisse und seine jüdische Herkunft reflektiert; schließlich den gleichermaßen hochangesehenen wie von der Parteiführung argwöhnisch beäugten Altmeister der DDR, der einerseits den Hofnarren spielt, zum andern aber sich unverblümt zur Zwölftonmusik bekennt.

Dessaus Kammermusikschaffen umfasst Werke für zahlreiche Instrumentenkombinationen und trägt damit der kaum zu unterschätzenden Bedeutung Rechnung, die Instrumentation im allgemeinen für den Komponisten besaß: So hatte er sich in seinen „Punkten zum Gegenwartsschaffen der Oper“ 1961 dafür ausgesprochen, Instrumente bzw. Instrumentengruppen an die Stelle der Leitmotive treten zu lassen; was auch impliziert, dass sein Klangideal nicht die spätromantische oder impressionistische Farbenmischung ist, sondern das kontrast- (und oft konflikt-)hafte Aufeinandertreffen reiner Klangfarben. Dass diese Gedanken Dessaus Schaffen von Anfang an geprägt haben, zeigt bereits das Hauptwerk der CD, das einst vom Schott-Verlag preisgekrönte, dreisätzige Concertino für Solovioline mit Flöte, Klarinette und Horn von 1925. Es ist kein Quartett, sondern ein virtuoses Violinkonzert mit auf Triobesetzung zusammengeschrumpfter Orchesterbegleitung; wobei fasziniert, welche Klangfülle der Komponist seinem beschränkten Instrumentarium mitunter abgewinnt. Die dissonanten Zusammenklänge wirken durch die sparsame Instrumentation besonders scharf. In der Harmonik wie der klaren und knappen Form des Stückes zeigt sich als Stilideal die Idee einer „neuen Klassizität“, wie sie auch im Schaffen mehrerer Generationsgenossen Dessaus – etwa Tiessen, Butting und Jarnach – zu spüren ist, die während der 1920er Jahre ihren persönlichen Stil fanden.

Kammermusik und Klavierwerke

Deutlich voneinander abgesetzt agieren die Instrumente auch in den Drei Violinstücken mit Klavier und der Suite für Saxophon und Klavier, die beide Spieler auf jeweils instrumentenspezifische Art in Atem hält. Dieses Stück und der Jüdische Tanz für Violine und Klavier dürften im Konzert stets der Wirkung sicher sein. Hingegen hinterlassen die Grasmückenstücke für Flöte – wie so manches im 20. Jahrhundert entstandene Werk für ein solistisches Blasinstrument – den Eindruck, dass sie von einer Klavierbegleitung bedeutend profitiert hätten. Unter den Klavierwerken steht eine Sammlung jüdischer Tänze, stilistisch und qualitativ den Miniaturen des Bartókschen Mikrokosmos vergleichbar, einer Anzahl von Stücken gegenüber, in denen sich Dessaus Neigung zum Zuspitzen von Kontrasten besonders deutlich zeigt, und die teils von dodekaphonen Verfahren Gebrauch machen.

So schön die Idee ist, die hinter der CD steht, so schade wäre es, mit diesen Einspielungen das letzte Wort in Sachen Interpretation der vorgestellten Werke gesprochen zu wissen. Vor allem liegt dies an Steffen Schleiermacher, dessen Spiel mit dem seiner Mitmusiker nicht mithalten kann und über korrekte, reichlich unterkühlte Referate des jeweiligen Notentextes nicht hinausgelangt. „Die Schreie, die Trompetensignale und die Trauergesänge der Überlebenden“, die er als Autor des informativen, etwas zu defaitistisch beginnenden Begleittextes völlig zurecht in der Threnodie Guernica vermutet, vermag man anhand seiner Darbietung höchstens zu erahnen. Auch kommen die expressiven Qualitäten der zerklüfteten späten Fantasietten kaum zur Geltung, da alle Töne, im Leisen wie im Lauten, auf die stets gleiche spröde Art aneinandergereiht werden.

Ihm und seinen Partnern bleibt das Verdienst, die Aufmerksamkeit auf Paul Dessaus Kammermusik und Klavierwerke gelenkt zu haben. Die Auseinandersetzung mit dieser Musik lohnt sich!

Norbert Florian Schuck [18.04.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Paul Dessau
1Concertino für Violine, Flöte, Klarinette und Horn 00:22:52
4Guernica 00:05:08
5Klavierstück über B-A-C-H 00:01:27
6Intermezzo breve 00:02:47
7Elf Jüdische Tänze 00:05:53
18Suite für Altsaxophon und Klavier 00:07:24
21Jewish Dance 00:05:33
22Fantasietta Nr. 2 00:04:36
23Variationen über ein amerikanisches Volkslied 00:02:15
24Fantasietta Nr. 3 00:03:36
25Grasmückenstücke für Mücke Gras 00:08:38
28Drei Violinstücke mit Klavier 00:08:29

Interpreten der Einspielung

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