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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Penderecki

St Luke Passion

BIS 2287

1 CD/SACD stereo/surround • 67min • 2018

01.09.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Ähnlich Messiaens Turangalîla-Symphonie (1946-48) oder Ligetis 1965 entstandenem Requiem war Krzysztof Pendereckis Passio et mors Domini nostri Jesu Christi secundum Lucam von 1962-66 einer der gigantischsten Erfolge unter den großformatigen Avantgarde-Kompositionen der Nachkriegsmoderne. Die Uraufführung des WDR-Auftragswerks anlässlich der 700-Jahr-Feier des Doms zu Münster am 30. März 1966 unter Henryk Czyz schien manchen Beobachtern geradezu eine Zeitenwende hin zu einer neuen Epoche moderner Sakralmusik einzuläuten, und Hans Heinz Stuckenschmidt konstatierte im Melos, Penderecki habe „mit dieser Passionsmusik die wichtigste Brücke zwischen liturgischem Geist und neuer Musik gebaut“. Der vorliegende Konzertmitschnitt aus der Felsenreitschule von den Salzburger Festspielen am 20. Juli 2018 mit dem Orchestre Symphonique de Montréal unter seinem Chefdirigenten Kent Nagano belegt schlagend die zeitlose radikale Aussagekraft und Attraktivität dieses Hauptwerkes eines für seine späterhin von vielen Anhängern der ‚Avantgarde‘ als reaktionär gebrandmarkten Synthese von alten Tonsatz- und neuen Klang- und Geräuschmitteln vielgeschmähten Komponisten, der unbeirrbar seinen Weg fort von den revolutionären Anfängen hin zu einer stilistischen Fusion ging.

Phänomenale Aufnahmetechnik

Penderecki, der am 29. März 2020 in Krakau starb, war bei der triumphalen Aufführung unter Nagano noch selbst zugegen, bei welcher auch der dreigeteilte Krakauer Philharmonische Chor und der Warschauer Knabenchor mitwirkten sowie die ausgezeichneten Solisten Sarah Wegener (Sopran), Lucas Meachem (Bariton) Matthew Rose (Bass) und Sprecher Slawomir Holland als Evangelist.

Vorliegende CD ist vor allem eine aufnahmetechnische Sensation: wie die beiden Tontechniker Carl Talbot und Matthias Spitzbart die räumliche, in den Registern und Lautstärken maximal variierende Vielfalt des Geschehens eingefangen haben, ist grandios und vorbildlich, und macht auch deutlich, welche transparente technische Meisterleistung dem heterogenen Klangapparat aus Stimmenkombinationen unterschiedlichster Verdichtung und Zusammensetzung und höchst unkonventionell besetztem Orchester (trotz des großen Aufwands ohne Oboengruppe und mit nur einer Bassklarinette) unter der Leitung des umsichtigen Organisators Nagano hier gelungen ist.

Echte, grenzgängerische Polyphonie

Das Werk lebt von den schroff klaffenden Gegensätzen zwischen brachialer Klanggewalt und ätherischsten Pianissimi, zwischen schwindelerregend an den Grenzen fasslicher Tonbezüge entlang wandelnder Chorpolyphonie, scharf gemeißelten Tuttiauftürmungen und wild organisierten Sprech- und Schreiritualen, zwischen abgründig dissonierenden Clusteraufwallungen, den Boden unter den Füßen hinweg ziehenden Glissandi und blockartig eintretender, strahlender Konsonanz wie im gleißenden Schlussakkord des zweiteiligen Werkes, das hier mit insgesamt 67 Minuten eher sehr zügig genommen wird. Dass die ‚Passacaglia‘ Popule meus eigentlich keine Passacaglia ist, sondern – wenn schon – eher die nachfolgenden Aria Crux fidelis und der darauf direkt bezogene, an vorletzter Stelle stehende Instrumentalabschnitt ‚Alla breve‘, ist weniger bedeutsam als die Tatsache, dass Penderecki – und darin unterscheidet er sich unmissverständlich z. B. von Ligeti – überall da einen Qualitätssprung hinsichtlich der Substanz vollbringt, wo er sich in echter, aus dem Geist der alten Meister weiterentwickelter Polyphonie ergeht. Und er serviert uns das erschreckend authentisch wirkende Kunststück, die Horrorwelt der ins Orchester und den Chor übertragenen krassen Klang- und Geräuschwirkungen der Pioniere der ‚elektronischen Musik‘ mit einem starken Gespür für machtvolle harmonische Wirkungen und kontrapunktisch ins Heterophone zerfasernden Grenzgängen zu einer seinerzeit vollkommen neuartigen Ausdruckssynthese zu kombinieren.

Christoph Schlüren [01.09.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Krzysztof Penderecki
1Passio et mors Domini nostri Jesu Christi secundum Lucam (Lukas-Passion) 01:06:52

Interpreten der Einspielung

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