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CD-Besprechung

Alexey Stanchinsky

Piano Works

Ondine ODE 1383-2

1 CD • 74min • 2020

06.04.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Alexei Stantschinski (1888-1914) hatte schon mit sechs Jahren mit dem Komponieren begonnen. Der talentierte Pianist nahm zunächst Privatunterricht bei Josef Lhévinne und Konstantin Eiges, in Komposition bei Alexander Gretschaninow. Ab 1907 studierte er am Moskauer Konservatorium bei Sergei Tanejew, lernte dort auch Alexander Skrjabin kennen, dessen Musik ihn anfangs stark beeinflusste. Dennoch ist es vor allem Tanejews komplexe Polyphonie, die sich während Stantschinskis kurzen Lebens in seinem Klavierwerk – bei aller sich rasch entwickelnden Eigenständigkeit und Experimentierfreude – auf ungemein hohem Niveau manifestiert. Ab 1910 – u.a. wohl aufgrund einer von seiner Mutter untersagten, unglücklichen Liebesbeziehung – entwickelte der Hochbegabte verschiedene neurologische Leiden, die sein Weiterkommen beeinträchtigten. Dennoch war ein Auftritt in Moskau im März 1914 ein durchschlagender Erfolg als Komponist. Im September desselben Jahres erlitt er beim Durchqueren eines Flüsschens einen Herzstillstand. Ein unterstellter Selbstmord erscheint heute eher Legende, machte Stantschinski eine Zeit lang zusätzlich zur Kultfigur. Nikolai Schiljajew plante die posthume Herausgabe seiner Werke, wurde aber 1938 Opfer des Sowjetterrors, so dass Stantschinskis Musik erst in den 1990er Jahren im Druck erschien.

Sonaten, Préludes und Skizzen mit enormem Einfallsreichtum

Seitdem hat es mehrere Einspielungen mit Musik aus dem nicht sehr umfangreichen Werk des Komponisten gegeben. Peter Jablonski versucht, auf einer CD halbwegs einen Überblick auf das kaum mehr als zehnjährige Schaffen Stantschinskis zu vermitteln. Da gibt es neben der einsätzigen Klaviersonate Es-Moll von 1906 – die beiden Sonaten von 1912 werden normalerweise als erste bzw. zweite Sonate gezählt – vor allem die einen erstaunlich reifen Personalstil demonstrierenden fünfzehn (3 + 12) Skizzen von 1911-13, einige Preludes und Einzelstücke wie die beiden Mazurkas; der schwedische Pianist hatte ja erst im letzten Jahr die Gattungsbeiträge Skrjabins eingespielt. Die Es-Moll-Sonate, die sozusagen auf dem Sprung weg von Skrjabin ist, wirkt bei Jablonski einerseits noch dem Vorbild verpflichtet – wobei die noch weiteren Rückbezüge auf Chopin in dessen frühen Sonaten bereits völlig eliminiert erscheinen –, andererseits jedoch schon ungemein gefestigt. So spielt Jablonski jedes Detail mit entwaffnender Klangschönheit aus, nimmt sich mehr Zeit als Solovieva oder Blumenthal. Alles wirkt rund, durchdacht, aber ausdrucksmäßig fast ein wenig konventionell: Der stringente, dramatische Zugriff Blumenthals bleibt hier eine willkommene Alternative. Schade, dass Jablonski auf der CD nicht die absolut in die Zukunft weisende, in ihrer sehr speziellen Polyphonie wirklich einmalige zweite Sonate (G-Dur) – sicher das stärkste Werk Stantschinskis – gegenüberstellt.

Miniaturen mit modellhaften Kompositionsexperimenten

Von den Einzelstücken seien vor allem das Nocturne (1907) und die Variationen (1911) hervorgehoben. In ihrem ganz romantischen Duktus fühlt sich Jablonski sichtlich wohl. Trotzdem gelingen ihm auch bei den Skizzen – durchschnittlich nur wenig länger als jeweils eine Minute – geradezu maßstabsetzende Darbietungen, Derzhavina und Blumenthal deutlich überlegen. Hier werden auf engstem Raum komplizierte, höchst gewagte Kompositionsmodelle staunenswert umgesetzt: Es finden sich ungewöhnliche Rhythmen, teils extreme Chromatik (op. 1, Nr. 11) und eine außerordentlich konzentrierte Polyphonie, die Jablonski virtuos auf den Punkt bringen und deren visionäre Vorstellungskraft perfekt hörbar machen kann. Aufnahmetechnisch ist die CD erstklassig, das informative Booklet allerdings nur auf Englisch – insgesamt eine zweifellos lohnende Entdeckungsreise in die musikalische Welt eines Frühvollendeten.

Vergleichsaufnahmen: [Sonaten, Skizzen]: Daniel Blumenthal (Marco Polo 8.223424, 1992); [Skizzen, Preludes etc.]: Ekaterina Derzhavina (Hänssler Profil PH17003, 2004-05); [Complete Piano Works, Vol. 1]: Olga Solovieva (Grand Piano GP766, 2018).

Martin Blaumeiser [06.04.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alexey Stanchinsky
1Klaviersonate es-Moll 00:11:29
2Nocturne 00:04:55
3Prelude Nr. 1 cis-Moll 00:01:52
4Prelude Nr. 2 D-Dur 00:01:01
5Prelude Nr. 3 es-Moll 00:02:16
6Prelude Nr. 1 c-Moll 00:02:04
7Prelude Nr. 2 f-Moll 00:01:45
8Prelude Nr. 3 b-Moll 00:01:05
9Prelude Nr. 4 h-Moll 00:00:33
10Prelude Nr. 5 C-Dur 00:01:50
11Song Without Words Nr. 1 00:02:49
12Song Without Words Nr. 2 00:03:52
13Song Without Words Nr. 3 00:02:48
14Mazurka Des-Dur 00:04:20
15Mazurka gis-Moll 00:02:12
16Tears 00:02:15
17Variations 00:04:51
18Sketch Nr. 1 00:00:33
19Sketch Nr. 2 00:01:15
20Sketch Nr. 3 00:01:20
21Sketch op. 1 Nr. 1 00:01:10
22Sketch op. 1 Nr. 2 00:00:40
23Sketch op. 1 Nr. 3 00:00:36
24Sketch op. 1 Nr. 4 00:02:24
25Sketch op. 1 Nr. 5 00:01:18
26Sketch op. 1 Nr. 6 00:02:43
27Sketch op. 1 Nr. 7 00:02:10
28Sketch op. 1 Nr. 8 00:02:10
29Sketch op. 1 Nr. 9 00:01:13
30Sketch op. 1 Nr. 10 00:01:18
31Sketch op. 1 Nr. 11 00:01:09
32Sketch op. 1 Nr. 12 00:01:21

Interpreten der Einspielung

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