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CD-Besprechung

Andrea Kauten

Promenade
Piano Works by Chopin & Mussorgsky

Solo Musica SM 354

1 CD • 77min • 2020

02.07.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Dass eine Kombination aus Chopins Préludes op. 28 und den Bildern einer Ausstellung Modest Mussorgskys zwei gehaltvolle Spaziergänge ergibt – einen durch alle Tonarten, den anderen durch eine historische Vernissage – ist bereits mehreren Pianisten (M.J. Souza Gueres, Grigorij Sokolov, Behzod Abduraimov) aufgefallen. Niemand denkt jedoch, wenn er diese mehr als oft aufgenommenen Werke einspielt, an die Pein, die das Vergleichen dem gewissenhaften Rezensenten bereitet.

Kompendium der romantischen Klaviertechnik

Ob Chopin allein durch Bachs Wohltemperiertes Klavier zur Komposition seiner Préludes angeregt wurde, die sowohl die allereinfachsten (Nrn. 7,4,6,9,20,15) als auch einige der anspruchsvollsten (Nrn. 12,16,18, 24) seiner Kompositionen enthalten, darf bezweifelt werden. Direktes Vorbild dürften eher die Préludes et Excercices von Muzio Clementi gewesen sein, die Chopin mit allen seinen Klavierschülern nachgewiesenermaßen durchnahm und die bereits eine Anordnung nach der Anzahl der Vorzeichen aufweisen. Interessanterweise verfuhr auch Carl Czerny in seinen Übungsstücken op. 139 (1827 bei Haslinger erschienen) und in mehreren ähnlichen späteren Sammlungen nach diesem Muster. Präludieren stand zur Zeit des romantischen Virtuosentums hoch im Kurs, da die Klaviere des 19. Jhds. sich in ihren klanglichen und mechanischen Möglichkeiten erheblich unterschieden und man sich deshalb improvisierend auf die unterschiedlichen Gegebenheiten einspielen musste, bevor man ein größeres Werk vortrug. Czerny und F. Kalkbrenner schrieben hierfür ausgiebige Anleitungen. Somit verfolgen die Préludes einen doppelten Zweck: Wer sie in ihrer Gesamtheit beherrscht, vermag binnen gut 30‘ alle benötigten klanglich-technisch-musikalischen Parameter im Pianisten -TÜV für den großen Auftritt am Abend durchzuchecken und hat außerdem noch ein Musterbuch für Improvisationen zur Hand.

Gigantisches Rondo

Der Klavierzyklus als solcher geht auf Carl Maria von Weber (Aufforderung zum Tanz) und Robert Schumann (Papillons, Carnaval, Davidsbündlertänze) zurück. In diesen Werken deutet sich eine gewisse Leitmotivik bereits an. Mussorgsky greift diese mit der Promenade auf und schafft durch deren Wiederkehr ein gigantisches Rondo in der Art der französischen Clavecinisten, dessen Couplets die einzelnen Charakterstücke bilden. Möglicherweise könnte dies mit einer barockisierenden Mode der russischen Aristokratie in Verbindung gebracht werden, die ja auch im Schäferspiel von Tschaikowskys Pique Dame ihren Niederschlag fand.

Lyrikerin am Flügel

Andrea Kautens Klavierspiel klingt in jeder Phrase rund und kontrolliert. Sie vermag wunderbar auf dem Klavier zu singen, was den lyrisch-introvertierten Nummern zugutekommt. Virtuoses wird zu Ungunsten des Dramas jedoch eher bedächtig genommen. Während Sokolov, Argerich, Pollini und Abduraimov das b-Moll-Prélude um 1:00 funkeln lassen, benötigt Kauten 1:30. Auch geht sie die aufschießenden Feuergarben in der Nr. 24 recht früh an, um sich für deren Ausspielen etwas mehr Zeit zu gönnen. Die eleganteste Bewältigung der herabfahrenden chromatischen Terzen dortselbst bietet übrigens Alfred Cortot in seiner Aufnahme von 1926. Den Charakter des aufgepeitschten Accompagnato-Rezitativs der Nr. 18 treffen Stefan Askenase und Grigororij Sokolov genauer.

Entsprechendes gilt auch für die „Bilder“. Alles wird klangschön und durchaus souverän bewältigt, jedoch fehlt der zusätzliche „Kick“ durch ausgefallene Farbgebungen. So schafft es Abduraimov im Gnomus, dass sich einem in den abgefeimt-gespenstischen pp-Phrasen wirklich die Haare sträuben und dieser kann es sich leisten, die gemeinen Triller-Ketten schnell und beiläufig mitlaufen zu lassen. Die Oktaven in der Baba-Jaga-Hütte bewältigt Kauten tadellos, schafft es aber im Mittelteil nicht, den Giftbrodem der Hexenküche durch Abtönung der Tremoli geruchliche Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Technik fängt den warmen Klavierklang Kautens sehr schön ein. Der Booklet-Text bietet ordentliche Orientierung.

Fazit: Eine durchaus beachtliche Einspielung an der Grenze zum oberen Drittel. Leider liegt die im Januar erschienene Aufnahme derselben Kombination nebst Children’s Corner durch B. Abduraimov in der Referenzklasse. Bei Mussorgsky ergibt sich durch die Einspielung von Andrej Hoteev nach dem Autograph eine weitere hochrangige Alternative. Von den jüngeren Chopin-Aufnahmen empfinde ich diejenige Vikingur Òlafssons als deutlich stärker.

Thomas Baack [02.07.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Prélude C-Dur op. 28 Nr. 1 – Agitato 00:00:46
2Prélude a-Moll op. 28 Nr. 2 – Lento 00:02:33
3Prélude G-Dur op. 28 Nr. 3 – Vivace 00:01:17
4Prélude e-Moll op. 28 Nr. 4 00:02:13
5Prélude D-Dur op. 28 Nr. 5 – Allegro molto 00:00:52
6Prélude h-Moll op. 28 Nr. 6 – Lento assai 00:01:58
7Prélude A-Dur op. 28 Nr. 7 00:00:43
8Prélude fis-Moll op. 28 Nr. 8 – Molto agitato 00:02:09
9Prélude E-Dur op. 28 Nr. 9 – Largo 00:01:55
10Prélude cis-Moll op. 28 Nr. 10 – Allegro molto 00:00:41
11Prélude H-Dur op. 28 Nr. 11 – Vivace 00:00:50
12Prélude gis-Moll op. 28 Nr. 12 – Presto 00:01:21
13Prélude Fis-Dur op. 28 Nr. 13 00:03:50
14Prélude es-Moll op. 28 Nr. 14 00:00:36
15Prélude Des-Dur op. 28 Nr. 15 (Regentropfen-Prélude) 00:05:14
16Prélude b-Moll op. 28 Nr. 16 – Presto con fuoco 00:01:34
17Prélude As-Dur op. 28 Nr. 17 00:03:25
18Prélude f-Moll op. 28 Nr. 18 – Allegro molto 00:01:16
19Prélude Es-Dur op. 28 Nr. 19 – Vivace 00:01:54
20Prélude c-Moll op. 28 Nr. 20 – Largo 00:01:27
21Prélude B-Dur op. 28 Nr. 21 – Cantabile 00:02:05
22Prélude g-Moll op. 28 Nr. 22 – Molto agitato 00:00:55
23Prélude F-Dur op. 28 Nr. 23 – Moderato 00:01:06
24Prélude d-Moll op. 28 Nr. 24 – Allegro appassionato 00:02:40
Modest Mussorgsky
25Bilder einer Ausstellung 00:33:35

Interpreten der Einspielung

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