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CD-Besprechung

Wanderungen

Liszt • Mussorgsky • Schubert • Schumann

bremen radiohall records brh CD2101

2 CD • 2h 08min • 2021, 2012

17.05.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In den letzten Jahren ist die aus Korea stammende, mittlerweile schon lange in Deutschland lebende (und lehrende) Pianistin Ji-Yeoun You diskographisch besonders als Duopartnerin des Geigers und Bratschers Burkhard Maiß hervorgetreten. Mit ihrem neuen Album bei bremen radiohall records legt sie nun eine Doppel-CD vor, die unter dem Titel „Wanderungen“ Einspielungen einiger Meilensteine des romantischen Soloklavierrepertoires präsentiert. Dabei ist die erste CD (Liszt / Mussorgski) neu entstanden, während die zweite (Schubert / Schumann) bereits 2012 aufgenommen wurde (dies wohl eine Wiederveröffentlichung eines vormals privat erhältlichen Albums). So populär die vier Werke auf dem Album auch sind, ihre Kopplung ist nicht zufällig: Schuberts Wandererfantasie, Schumanns Fantasie C-Dur op. 17 und Liszts Klaviersonate h-moll stellen freie, fantasiehafte Auseinandersetzungen mit der Sonatenform dar, und wo Schumann seine Fantasie Liszt zueignete, widmete Liszt seine Sonate Schumann. Und schließlich finden sich die titelgebenden „Wanderungen“ auch in Mussorgskis Bildern einer Ausstellung wieder, hier in Form von „Promenaden“ von Bild zu Bild.

Musizieren mit lyrischem Grundton

Yous Klavierspiel geht von einem grundsätzlich lyrischen Ansatz aus, der besonders am musikalischen Fluss und an der sorgfältigen Gestaltung von Phrasen und Bögen interessiert ist. Auch im Fortissimo bleibt sie dieser Grundhaltung treu, zum Teil geht sie hier in der Lautstärke sogar etwas zurück (vgl. z.B. in Liszts Sonate ihre tendenziell zurückhaltende Lesart des hymnischen Grandioso-Themas ab Takt 105 oder das sempre fortissimo ab T. 263). Auch das Presto in der Wandererfantasie versteht You eher tänzerisch-belebt, immer wieder auch mit kleineren Verzögerungen (so auf den Akzenten ab T. 287). You verfügt über einen prinzipiell facettenreichen Anschlag, exemplarisch etwa ab T. 469 in der Wandererfantasie mit einem sehr aparten, weichen dreifachen Piano, ebenfalls in der Wandererfantasie bereits ab T. 227 mit perlenden Vierundsechzigsteln im der rechten und gleichzeitig der sehr schön herausgearbeiteten Variante des Wandererthemas in der linken Hand oder in Liszts Sonate ab T. 349 (dolcissimo). Insgesamt geht sie allerdings beim Auftragen von Klangfarben eher dezent vor; Nuancen wie die genannten spart sie sich für besondere Stellen auf, ein Dolce wie z.B. bei Liszt ab T. 165 ist bei ihr klanglich längst nicht so explizit hervorgehoben.

Zwischen schwärmerischem Aufschwung und Innehalten

Natürlich begibt sich You bei der Wahl des Repertoires auf dieser CD in eine immense diskographische Konkurrenzsituation. Mir scheinen die Aufnahmen der Fantasien von Schubert und Schumann besonders gelungen zu sein. In Schumanns Fantasie gelingt ihr z.B. im ersten Satz der Kontrast zwischen schwärmerisch-inbrünstigem Aufschwung und zögerndem Innehalten (so etwa in den Adagio-Einschüben) sehr gut, eine Darbietung mit Sinn für agogische Freiheiten. Den zweiten Satz nimmt You eher balladesk als marschartig; beim Viel schneller am Ende arbeitet sie die melodische Linie in der Oberstimme schön heraus, allerdings um den Preis einer gewissen Zurückhaltung, auch im Tempo (verglichen etwa mit Swjatoslaw Richter).

Yous Lesart der Bilder einer Ausstellung ist sehr solide, ohne jedoch die Farbenpracht und suggestive Gestaltungskraft z.B. eines Jewgeni Kissin zu erreichen (vgl. etwa die grotesken Sprünge des Gnomus, speziell das Meno mosso ab T. 60, das You eher nüchtern begreift, die Staccati in den Tuilerien oder die gespenstisch anmutenden Tremoli in der Hütte der Baba-Jaga ab T. 116); ihre Lesart ist geradliniger, vergleichbar etwa mit Alfred Brendel. Im Großen Tor von Kiew entscheidet sich You, normalerweise recht eng am Notentext orientiert, den zweiten Choraleinsatz (senza espressione) ab T. 64 nicht im Fortissimo, sondern eher in Pianoregionen anzusiedeln. Die Dynamikvorschrift an dieser Stelle mag in der Tat nicht ganz unproblematisch (überzeugend) zu realisieren sein, aber so stark abzuschwächen, bremst die Steigerung, die in diesem Stück mitkomponiert ist, doch etwas arg ein. Auch die extremen, unter den Händen von Vladimir Horowitz geradezu sinfonisch anmutenden Kulminationen der Liszt’schen Sonate (T. 263–297 oder in der Stretta) kommen bei You mit etwas gebremstem Schaum daher, andererseits vermag sie z.B. das leichte Zögern am Ende des Mittelteils (ab T. 433) sehr schön zu realisieren (was insofern wieder den Bogen zu ihren Schubert- und Schumann-Interpretationen schlägt). Der Klang der CDs ist tadellos, der Begleittext von Michael Struck-Schloen ansprechend und ausführlich genug, um alle vier Werke und ihre wechselseitigen Bezüge hinreichend zu würdigen.

Holger Sambale [17.05.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Liszt
1Klaviersonate h-Moll S 178 00:30:32
Modest Mussorgsky
4Bilder einer Ausstellung 00:32:56
CD/SACD 2
Franz Schubert
1Fantasie C-Dur op. 15 D 760 (Wandererfantasie) 00:21:25
Robert Schumann
5Fantasie C-Dur op. 17 00:33:12

Interpreten der Einspielung

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