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Besprechung CD

Heinrich Kaminski • Glenn Gould

String Quartets

cpo 555 072-2

1 CD • 63min • 2016, 2017

03.04.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Dass Glenn Gould (1932-1982) schon sehr früh keine Auftritte als Pianist vor Publikum liebte und sich alsbald nur noch ins Aufnahmestudio zurückzog, ist bekannt. Weniger dürfte sich hingegen herumgesprochen haben, dass der genialische Bach-Pianist als Jugendlicher eine Komponistenkarriere der eines reproduzierenden Künstlers generell vorgezogen hätte, obwohl ja Sony bereits 1992 auch die frühen – oft zwölftönigen – Versuche Goulds in dieser Richtung auf CD herausgebracht hat. Goulds offizielles Opus 1 (1953-55), das hier mit dem Minguet Quartett bereits zum sechsten Mal eingespielt wurde, war dann überraschend doch ein großer Sonaten-Einsätzer in f-Moll.

Komplexes Streichquartett im Stile des Fin de Siècle

Goulds gut halbstündiges Streichquartett knüpft eher an Strauss, Mahler oder Bruckner (Streichquintett) an als an Schönberg, wenn auch der recht konsequente Aufbau auf einem Viertonmotiv in seiner Materialeinheit schon auf die Zweite Wiener Schule hinweist. Gemessen an den einsätzigen Quartetten Schönbergs (Nr. 1) oder Zemlinskys (Nr. 2), ist Gould weitaus konservativer. Ausdrucksmäßig – vor allem in der gekonnten Fuge, die quasi als Durchführung dient, ebenso dem Schlussteil – kann sein Stück durchaus überzeugen und erhielt ungeachtet des retrospektiven Ansatzes positive Kritiken. Er meinte dazu: „Was zählt, ist das Opus 2!“. Dazu sollte es jedoch nie kommen. Das Minguet Quartett bringt die konstruktiven Qualitäten des Stücks durchgängig gut zum Vorschein; in Sachen Klangqualität und dynamischer Differenziertheit erscheint diese Darbietung zugleich ziemlich unausgegoren: Man höre nur, wie die gegen Ende inflationär eingesetzten Tremoli lediglich in Richtung „Unheil“ interpretiert und teils quasi mit der Brechstange angegangen werden. Da wäre erheblich mehr Spielraum – vom völlig verzärtelten Ansatz der Sony-Einspielung von 1990 bis zur präzise durchdachten Entwicklung beim Quatuor Alcan. Der große Spannungsbogen gelingt dem Minguet Quartett dennoch, obwohl der vielleicht ein wenig zu geradlinig demonstrierte Überdruck etwas gewollt wirkt.

Heinrich Kaminskis Musik als Mysterium

Tatsächlich macht es Sinn, Glenn Goulds Gattungsbeitrag mit den beiden Streichquartettwerken von Heinrich Kaminski (1886-1946) zu kombinieren. Kaminski versuchte stets, die Mysterien des Universums und des Menschen durch eine zunehmend komplizierter und eigenwilliger werdende Polyphonie darzustellen. Schon im F-Dur-Quartett von 1913 geschieht das in ziemlicher Dichte, gleichzeitig immer erstaunlich frisch, so dass die 20 Minuten der vier attacca verbundenen Sätze trotz ihrer Intensität nicht eine Sekunde ermüden. Auch hier trauen sich die Musiker des Minguet Quartetts nicht, Momente der Entspannung hereinzubringen. Das Zürcher casalQuartett erreicht dies etwa durch insgesamt flexiblere Tempi. Dasselbe gilt für die Neueinspielung von Kaminskis Präludium und Fuge über den Namen ABEGG (1931), der es an Feingefühl in der Fuge mangelt, die dadurch viel zu stur ankommen dürfte. Die Aufnahmetechnik des SWR ist in Ordnung, jedoch fast zu fokussiert, was den leicht grobkörnigen Klangeindruck des Quartetts noch verstärkt. Die Booklettexte von Michael Stegemann (Gould) und Eckhard van den Hoogen (Kaminski) sind sehr ausführlich. Kaminskis Musik gehört eindeutig mehr in den Fokus, aber auch noch besser gespielt!

Vergleichsaufnahmen: [Gould] Bruno Monsaingeon, Gilles Apap, Gérard Caussé, Alain Meunier, in: Glenn Gould – The Composer (Sony SK 47 184, 1990), Quatuor Alcan (ATMA Classique ACD2 2596, 2008) – [Kaminski, F-Dur] casalQuartett (Telos TLS 111, 2000) – [Kaminski, Präludium & Fuge] Neues Leipziger Streichquartett (Christophorus CHR 77148, 1994).

Martin Blaumeiser [03.04.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Glenn Gould
1String Quartet op. 1 00:32:58
Heinrich Kaminski
2Präludium und Fuge über den Namen ABEGG 00:09:05
3Streichquartett F-Dur 00:20:51

Interpreten der Einspielung

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