Lines of Life
Schubert & Kurtág
Benjamin Appl

Alpha Classics 1145
1 CD • 68min • 2024
29.03.2025
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Klassik Heute
Empfehlung
Der ungarische Komponist György Kurtág – mittlerweile in seinem hundertsten Lebensjahr – gilt seit jeher als Meister der kleinen Formen und intimen Besetzungen. Höchst selten überschreitet ein einzelner Satz eines längeren Werkes oder eine Liedvertonung zeitlich vier Minuten. So reichen bei ihm schon kleinste musikalische Gesten oder ein dreizeiliger Gedichttext aus, um emotionale Höchstspannung zu erreichen und die Hörer tief zu berühren.
Hölderlin-Gesänge: Die hohe Kunst der Reduktion
In seinen sechs Hölderlin-Gesängen op. 35a von 1993–97 treibt Kurtág nun die Kunst der Reduktion wirklich auf die Spitze und wird damit den teils erratischen Texten des späten, bereits geistig umnachteten Friedrich Hölderlin in einer Weise gerecht, über die man einfach staunen muss. Das sechste Gedicht des insgesamt gut zwölfminütigen Zyklus (Tübingen, Jänner) stammt übrigens von Paul Celan, – beinahe ein Altersgenosse Kurtágs – reflektiert jedoch Hölderlins Werk. Die größte Schwierigkeit stellt sich dabei dem Bariton allein schon dadurch, dass er fünf der sechs „Lieder“ ohne jede Begleitung vortragen muss. Nur in Gestalt und Geist kontrastiert der Gesang hochdramatisch mit dem „Chor der Unterwelt“: Tuba und Posaune. Der ideale Interpret benötigt neben enormem Stimmumfang und einer riesigen Palette an Klangfarben und Ausdrucksnuancen zudem die Fähigkeit, vor allem die Harmonik – Kurtág denkt hier komplex, aber trotz zum Teil großer Intervalle immer noch weitgehend tonal – überzeugend klarzustellen.
Benjamin Appl als kongenialer Interpret
Benjamin Appl schafft dies alles und stellt selbst Kurt Widmer, der für seine Aufnahme von 2002 ebenfalls intensiv mit dem Komponisten zusammengearbeitet hatte und emotional durchaus überzeugte, nochmals deutlich in den Schatten. Sah unser Rezensent damals ( http://www.klassik-heute.com/4daction/www_medien_einzeln?id=14778 ) die Gefahr, „sich in einer gewissen Parlando-Beliebigkeit zu verlieren“, gibt es bei Appl nicht eine Sekunde, wo die Spannung oder die Aufrichtigkeit des Ausdrucks nachließe. Zum Vergleich höre man etwa das lange Melisma auf dem abschließenden Wort „Frieden“ in An Zimmern. Auch ist Appls Textverständlichkeit besser als die Widmers. Und bei Im Walde liefert der Bariton hier trotz raschen Tempos nicht etwa nur Sprechgesang, sondern genaue Tonhöhen und eben das nötige harmonische Verständnis – der gesamte Zyklus wird so zu einer absoluten Glanzleistung.
Mehr als nur Zugaben und ein aufschlussreiches Interview
Neben einem weiteren, ebenfalls unbegleitetem Hölderlin-Lied singt Appl von Kurtág außerdem vier kurze Vertonungen von Texten der Dichterin Ulrike Schuster sowie sechs recht bekannte Schubert-Lieder von nachdenklicher Thematik – mit bestens darauf zugeschnittenen Pianisten: Pierre-Laurent Aimard bzw. James Baillieu. Der zum Aufnahmezeitpunkt 98-jährige Kurtág beweist seine konzentriert reflektierte Musikalität dann nicht nur in einer höchst aufschlussreichen Konversation mit Benjamin Appl – auf Deutsch und mit detaillierten Erläuterungen der Hölderlin-Gesänge – sondern sogar selbst am Klavier. Er musiziert mit dem Bariton Schuberts Der Jüngling an der Quelle sowie Brahms‘ Sonntag: Zwei großartige Künstler in faszinierender Harmonie. Die Aufnahmetechnik des Albums ist exzellent, das Booklet enthält alle Gesangstexte und sehr persönliche Bemerkungen des Sängers. Nicht nur für Liedfreunde eine beglückende musikalische Begegnung, die man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.
Vergleichsaufnahme: [Hölderlin-Gesänge] Kurt Widmer, Heinrich Huber, David LeClair (ECM New Series 1730, 2002).
Martin Blaumeiser [29.03.2025]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
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CD/SACD 1 | ||
György Kurtág | ||
1 | Circumdederunt... | 00:01:41 |
Franz Schubert | ||
2 | Ganymed op. 19 Nr. 3 D 544 | 00:04:29 |
György Kurtág | ||
3 | Das Angenehme dieser Welt | 00:00:56 |
Franz Schubert | ||
4 | Totengräbers Heimwehe D 842 | 00:06:41 |
György Kurtág | ||
5 | Nun versteh' ich | 00:00:28 |
Franz Schubert | ||
6 | Im Frühling op. 101 Nr. 1 D 882 | 00:04:20 |
7 | Daß sie hier gewesen D 775 | 00:03:34 |
György Kurtág | ||
8 | An... op. 35a Nr. 1 (aus: Hölderlin-Gesänge op. 35a für Bariton) | 00:03:00 |
9 | Im Walde op. 35a Nr. 2 (aus: Hölderlin-Gesänge op. 35a für Bariton) | 00:01:23 |
10 | Gestalt und Geist op. 35a Nr. 3 (aus: Hölderlin-Gesänge op. 35a für Bariton) | 00:01:30 |
11 | An Zimmern op. 35a Nr. 4 (aus: Hölderlin-Gesänge op. 35a für Bariton) | 00:01:49 |
12 | Der Spaziergang op. 35a Nr. 5 (aus: Hölderlin-Gesänge op. 35a für Bariton) | 00:02:40 |
13 | Tübingen, Jänner | 00:01:52 |
Franz Schubert | ||
14 | Der Wanderer an den Mond op. 80 Nr. 1 D 870 | 00:02:33 |
15 | Am Tage Aller Seelen D 343 (Litaney auf das Fest aller Seelen) | 00:03:20 |
György Kurtág | ||
16 | Die Rosen | 00:00:40 |
17 | Die Zeit | 00:01:15 |
18 | Ich weiß nicht... | 00:00:17 |
19 | Physalis alkagengi | 00:02:32 |
Franz Schubert | ||
20 | Der Jüngling an der Quelle D 300 (1816) | 00:02:17 |
Johannes Brahms | ||
21 | Sonntag op. 47 Nr. 3 (Volkslied) | 00:01:59 |
Interpreten der Einspielung
- Benjamin Appl * 2000 (Bariton)
- György Kurtág * 1926 (Klavier)
- Pierre-Laurent Aimard * 1957 (Klavier)
- James Baillieu * 1982 (Klavier)
- Csaba Bencze (Posaune)
- Gergely Lukács (Tuba)