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CD-Besprechung

Erato 3984-23139-2

2 CD • 1h 40min • 1997

01.12.1998

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Noch immer werden endlose Debatten über Monteverdis Marienvesper geführt. Ist sie ein in sich geschlossenes Werk oder nur eine lose Sammlung von Einzelstücken, aus denen man sich eine Vesper je nach Bedarf zusammenstellen soll? Für welchen liturgischen Rahmen ist sie gedacht? Für welche Besetzung(en) ist sie komponiert? Dürfen oder müssen sogar zwei Stücke transponiert werden? Unter Musikwissenschaftlern, Interpreten und Rezensenten herrscht hierüber noch immer keine Einigkeit.

William Christie beantwortet einige dieser Fragen ganz pragmatisch, andere wiederum streng wissenschaftlich. Den fünf Psalmen und dem Magnificat stellt er jeweils einen Cantus planus voran, um den musikalischen Kontrast zu verstärken; auf eine vollständige liturgische Rekonstruktion einer Vesper verzichtet er aber. Ebenso berücksichtigt er, daß das Konzert Duo Seraphim, weil es sich auf die Trinität bezieht, nicht als Antiphonersatz nach einem Psalm gesungen werden sollte; gleichwohl läßt er seine Aufnahme nicht mit der Sonata sopra Sancta Maria, sondern mit dem Magnificat schließen, was liturgisch kaum zu legitimieren ist, musikalisch-dramaturgisch aber zweifellos die Klimax der Vesper bedeutet. Das Magnificat und der Psalm Lauda Jerusalem werden hier eine Quarte tiefer als notiert gesungen, wofür es gute historische Gründe gibt und was durch die instrumentale Verdopplung der Stimmen sehr plausibel klingt.

Wie schon Andrew Parrott wählt auch Christie zwei zeitgleich mit der Marienvesper erschienene und von François Fernandez fabelhaft gestaltete Sonaten als Antiphonersatz; anders als sein britischer Kollege hat er sich aber für einen relativ großen Chor entschieden.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser Interpretation scheint in der Aufnahmetechnik zu liegen. Sie wirkt zunächst sehr distanziert, bildet aber das musikalische Geschehen völlig ausgewogen und homogen ab. Christie erzeugt nicht die Illusion eines Gottesdienstes, betont aber die religiöse Wirkung dieser Musik. Daß seine Solisten allesamt handverlesen und minutiös auf die Bedürfnisse der einzelnen Stücke abgestimmt sind, bedarf bei Christies bekanntermaßen hohen Ansprüchen wohl keiner Erwähnung mehr. Zu betonen ist hingegen, daß es ihm wie kaum einem anderen gelingt, über die durchdachte und hochdifferenzierte Detailformung hinaus das einheitlich Beseelte der Marienvesper herauszuarbeiten.

Wer vor allem an der intellektuellen Seite dieses Werkes interessiert ist, der wird in Andrew Parrotts nach wie vor exzellenter Einspielung Monteverdi als einen genialen Komponisten auf der Schwelle von der Renaissance zum Barock erleben. Christie hingegen stellt ihn so eindringlich wie kaum ein anderer als musikalischen Verfechter der Gegenreformation dar.

Dr. Matthias Hengelbrock [01.12.1998]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Claudio Monteverdi
1Vespro della Beata Vergine (Marienvesper, 1610)

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