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CD-Besprechung

Ars Musici AM 1383-2

1 CD • 72min • 2003

29.11.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Bei kaum einem anderen Komponisten lässt sich die Metamorphose des musikalischen Denkens so klar nachvollziehen wie bei Johannes Brahms. Standen die frühen Werke noch in einem stark subjektiv gefärbten schwärmerischen Tonfall, so sind diese Zeugnisse romantischer Bekenntnishaftigkeit im Spätwerk gänzlich in das Korsett der satztechnischen Konstruktion eingegliedert. Exemplarisch dafür steht das Klaviertrio op. 8. Brahms hat es eigentlich zweimal geschrieben. Stand die 1854 komponierte Erstfassung noch ganz im Zeichen seiner tiefen Beziehung zu Clara Schumann, so änderte er das Werk im Jahre 1889 derart radikal, dass nicht nur die in musikalischen Zitaten ausgedrückten biographischen Bezüge verschwanden, sondern gleich ganze Satzteile geändert oder gestrichen wurden. Die Neufassung, im Grunde eine Neukomposition mit den alten Themen, ist nicht nur wesentlich straffer und konzentrierter, sondern auch deutlich kürzer als die über dreißig Jahre ältere Komposition. Sie wird heute zumeist auch im Konzert gespielt.

Dass jedoch auch die alte Fassung ihre Berechtigung besitzt und hinsichtlich des künstlerischen Gehaltes neben der Neufassung bestehen kann, zeigt die vorliegende Aufnahme mit dem 1991 gegründeten Trio Jean Paul. Der Kopfsatz beginnt in einem weichen wiegenden und vor allem im Cello singenden Ton, rafft sich dann aber schnell zu majestätischer Größe auf. Die sinfonische Tiefe, die dieser Beginn suggeriert, wandelt sich aber schnell zu einem einsam lyrischen Ton. Das Jean Paul Trio verdeutlicht sehr schön, wie sich die Musik in dieser Urfassung mehr und mehr in melancholischen Gedanken verliert und fast zu verstummen droht. Die folgende Durchführung wird zu einem Kampfplatz der Emotionen, aufbrausende und in sich gekehrte Elemente prallen unvermittelt aufeinander, wobei die in dieser Interpretation mit sehr viel Raum gespielten melancholischen Elemente die Oberhand behalten. Interessant ist auch, wie das Trio den Fugenabschnitt in der Reprise formt. Dieser wird hier zu einer Art Perpetuum mobile. Die Musik scheint sich in einen Strudel hineingespielt zu haben, die musikalischen Gedanken entwickeln eine bohrende Natur, aus der sich Brahms nur mit gewollter Fröhlichkeit befreien kann. In der Interpretation durch das Jean Paul Trio gewinnt dieser Abschnitt etwas pathologisch zwanghaftes, wird die Musik zum Träger von nicht in das Gesamte der Komposition – und der Persönlichkeit Brahms’ – integrierten Emotionen. Kein Wunder, dass er diesen Abschnitt später gestrichen hat.

Der zweite, auch in der Neufassung weitgehend unveränderte Satz, das Scherzo, besitzt durch das verhaltene Tempo hier etwas bedrohlich Lauerndes. Auch dem gesanglichen Mittelabschnitt gelingt es, bedingt durch den pointieren Klavierbass, nicht wirklich Entspannung herbeizuführen.

Der dritte Satz ist die Ruhe selbst, eine bedrohliche Ruhe allerdings, wenn man bedankt, dass Brahms’ hier Schuberts tragisches Lied Am Meer zitiert. So verliert der Satz auch seine innere Stille (6’30) und verschiebt sich hin zu Momenten, in denen sich aggressive Ausbrüche in die Idylle mischen und diese so als brüchige Chimäre erscheinen lassen.

Das Finale ist jener Satz, den Brahms später am meisten veränderte und der in der Neufassung durch die Streichung des Beethoven-Zitates aus dessen Zyklus An die ferne Geliebte auch seiner biographischen Bedeutung beraubt wurde. Hier wird er zu einer traurigen Manifestation von Brahms’ unerfüllter Liebe zu Clara Schumann, wobei das Jean Paul Trio es sich nicht nehmen lässt, die musikalischen Chiffren klar zu beleuchten und dem Hörer die Leiden des jungen Brahms vor Augen zu führen.

Diese Interpretation ist ein gelungener Balanceakt zwischen romantischer Bekenntnishaftigkeit und der Präsentation eines vollgültigen Kammermusikwerkes, das heute im Konzert leider zu oft seiner weitaus domestizierteren Zwillingsschwester weichen muss.

Ähnlich wie Brahms beleuchtet auch Schönberg in seinem Streichsextett Verklärte Nacht eine besondere Beziehung. Seine Herangehensweise ist freilich eine gänzlich andere. Wo Brahms persönliches Erleben verarbeitet, orientiert sich Schönberg am heute nur mehr schwer zugänglichen Gedicht Zwei Menschen aus dem fünfteiligen Gedichtzyklus Weib und Welt von Richard Dehmel. Genauso interessant wie dieser entfernt inhaltliche Bezug ist auch der musikalische. Schönberg hat ja bekanntlich viel aus dem Studium von Brahms’ Kompositionstechnik gelernt, und dieses Wissen wendet er in Verklärte Nacht auch an. Die 1931/33 entstandene Fassung für Klaviertrio von Eduard Steuermann verdeutlicht den musikalischen Bezug auf dieser Aufnahme umso mehr, als hier ein direkter Vergleich zwischen der Musik des frühen Brahms und des frühen Schönberg gezogen werden kann.

Erstaunlich ist, wie schnell sich das an die Sextett- bzw. Streichorchesterfassung gewohnte Ohr an die Bearbeitung für Klaviertrio gewöhnt. Bereits der Beginn, dort wo das Klavier die Musik gleich Glockenschlägen einleitet, ist weit vom Klangbild des Originals entfernt und wirkt dennoch stimmig und logisch. Wie Elmar Budde im Booklet treffend beschreibt, verdeutlicht diese Fassung aufgrund ihrer klanglichen Kontraste eingehend die strukturellen und satztechnischen Merkmale dieses Schönberg’schen Frühwerks. Oder anders ausgedrückt: Das, was Schönberg von Brahms gelernt hat.

Die drei Musiker nähern sich dieser Bearbeitung mit viel Sensibilität, spielen zum Glück aber so selbstbewusst, als wäre die Verklärte Nacht ursprünglich für Klaviertrio verfasst worden. Das Klangbild ist etwas komprimiert, insgesamt aber sauber und ausgewogen.

Robert Spoula [29.11.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johannes Brahms
1Klaviertrio Nr. 1 H-Dur op. 8
Arnold Schönberg
2Verklärte Nacht op. 4 (Bearb. für Klaviertrio)

Interpreten der Einspielung

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