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CD-Besprechung

Wilhelm Kempff in Potsdam Bach - Schubert - Brahms

claXl HCD0808

1 CD • 51min • 1963

12.12.2008

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Welch’ ein Erlebnis! Wilhelm Kempff mit Werken von Bach, Schubert und Brahms in einer seiner Heimatstädte, denn nicht nur das brandenburgisch etwas nördlichere Jüterbog und das südliche Bayern zählten zu seinen Wohn- und Lebenszentren, sondern auch das ehedem kaiserliche, in späteren Jahren „ostdeutsche“ Potsdam. Der in größeren Auszügen vorliegende Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahr 1963 gehört für mein Empfinden zum Besten, zum Anschaulichsten, zum Berührendsten nicht nur der reichen, seit dem Jahr 1920 fruchtbar angewachsenen Kempff-Diskographie, sondern zum Schönsten des Klavierspiels aller Zeiten, soweit man das überblicken und überhören kann (und natürlich aus der subjektiven Perspektive des Erfahrens und des schmalen Wissens behaupten darf).

Kempff eröffnet mit der gleitend, frohsinnigen „Französischen“ von Bach, frisch und unkompliziert im euphorisch, also gleichsam modern „pianistischen“ Anschlag. Mithin: keine Spur von suchend sich selbst disziplinierender Aufführungspraxis, vielmehr ein Singen und Sagen in der Gewissheit des Glaubens, als ob der alte Thomaskantor mit Lust und Laune die Finger eines entfernten Sohnes leiten würde. Ich habe mir in diesem Zusammenhang die nun schon alte RCA-Aufnahme von Emil Gilels angehört – dabei zwar keine Übereinstimmung in der rein instrumentalen Haltung, aber doch überraschende Nähe weit über die musik-ethnologischen Grenzen hinaus bemerkt. Auch Gilels favorisiert eine fließende, fast schon an Schumannsche Lyrik gemahnende Bach-Philologie, doch in den folgenden „Nummern“ erweist sich Kempff als der viel erregtere, im drängenden Vorwärts freudig unbekümmerte Bach-Stratege. Er bindet die einzelnen Sätze ohne Unterbrechung wie eine großangelegte improvisatorische Gebärde aneinander an – eine historisch sicher problematische Eigenmächtigkeit, aber man kann sich schwerlich der Intensität dieser – vielleicht spontanen – Entscheidung entziehen. Denn in dieser Phase der Potsdamer Bach-Entdeckung erscheinen die sieben Sätze BWV 816 wie ein lebensfähiger Klang- und Bewegungsorganismus im Moment der Wiedererweckung und des langsamen wie raschen Verweilens – gleichsam der Zeit des Alltags entwunden, mithin der medialen Ewigkeit geschenkt.

Faszinierend sind auch die vier Schubert-Impromptus (D 899), deren Weichheiten, Träumereien und Schärfen kaum je so einfühlsam, so weit- und scharfsinnig zu erleben waren. Sehr, sehr flüchtig nimmt Kempff die Akkordzerlegungen der rechten Hand im Verlauf des As-Dur-Impromptus. Er „hantiert“ diese Figurationen als Kolorit, sozusagen als Kolibri-Vibrationen im Überflug über die melodischen Wichtigkeiten des unteren Stimmengeschehens. Ich musste hier an seinen DG-Kollegen Jörg Demus denken, der in dieser Phase der Schubertschen „Eingebungen“ der rechten Hand mehr Lebensraum zur Artikulation der kleinen Noten erlaubt hat. An Demus musste ich aber auch denken, weil der österreichische Pianist am 2. Dezember seinen 80. Geburtstag feierte. Kempffs drängende, manchmal geradezu herrische Deutung des Ges-Dur-Impromptus hörte ich am selben Tag, als im Österreichischen Rundfunk Demus’ Bearbeitung, genauer: seine Verdichtung dieses Stückes zu hören war. Der über Jahrzehnte rührige, umtriebige Musikus hat nämlich eine Reihe von Werken – darunter dieses Impromptu und Mendelssohns „Lied ohne Worte“ op. 85,4 - mit eigenen Texten versehen, also posthume Lieder den instrumentalen Vorlagen zugedichtet!

Zurück nach Potsdam und zur Rundfunk-Aufnahme der DDR vom 7. Oktober 1963. Der in diesem Mitschnitt leider gekürzt überlieferte Abend im Nicolaisaal endet mit zwei Brahms-Stücken. Im Tänzerischen, in der Zeichnung der springlebendig-anmutigen, der rhapsodisch-elegischen, der rhapsodisch-schweifenden Charakteristika sind meiner Meinung nach diese beiden Interpretationen vom Feinsten, vom Allerfeinsten. Das heißt: man mag über Kempff in Hinsicht seiner Mitläuferschaft bis in die späten 40er Jahre denken wie man will, hier – und auch in den zuvor geschilderten Kompositionen – bietet er Kunst und menschlichen Klavierton mit allem Anspruch, von jenen Schuldigkeiten freigesprochen zu sein, die von den Nachgeborenen allzu prompt in die politisch-geschichtlich Waagschale geworfen werden. Auch ich weiß nicht, wäre ich vor 1948 geboren, wie ich mich – wäre ich Pianist oder Kempff gewesen – in dieser furchtbaren Zeiten verhalten hätte. So wie dieser Brandenburger allein die g-Moll-Rhapsodie in lebendige Vorder- und Hintergründigkeit verwandelt, ihre thematische Triebhaftigkeit fördert und zugleich adelt, das zählt zu den Einmaligkeiten des musischen Weltgeschehens.

Peter Cossé † [12.12.2008]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816 00:13:57
Franz Schubert
8Impromptu c-Moll op. 90 Nr. 1 D 899 Nr. 1 00:10:26
9Impromptu E flat major op. 90 No. 2 D 899 Nr. 2 – Allegro 00:04:23
10Impromptu Ges-Dur op. 90 Nr. 3 D 899 Nr. 3 00:06:45
11Impromptu A flat major op. 90 No. 4 D 899 Nr. 4 – Allegretto 00:06:14
Johannes Brahms
12Capriccio b minor op. 76 No. 2 – Allegretto non troppo 00:03:24
13Rhapsodie g-Moll op. 79 Nr. 2 00:05:45

Interpreten der Einspielung

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