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CD-Besprechung

Salomon Jadassohn

Symphonies 1‒4

cpo 777 607-2

2 CD • 2h 08min • 2013, 2010

29.04.2015

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Salomon Jadassohn (1831-1902) gehört zu jenen Meistern der deutschen Romantik im Gefolge von Schumann, Mendelssohn und Weber, an deren makellosem Können und musikantischer Verve kein Zweifel bestehen kann, denen echtes Genie zuzuschreiben jedoch eine Übertreibung wäre. Wer sich in der Breite des Überlieferten für die Sinfonik der Brahms-Zeit interessiert, sollte Jadassohn unbedingt kennen, der sich neben Felix Draeseke, Robert Volkmann, Friedrich Gernsheim, Carl Goldmark oder Max Bruch hören lassen kann, freilich gegenüber einem Hermann Goetz verblasst. Jadassohn hat vier Sinfonien geschrieben, die uns dank dieser verdienstvollen cpo-Einspielung endlich zugänglich gemacht werden: die Erste 1860, die Zweite 1863, die Dritte 1876 und die Vierte 1888. Außerdem sind auf dieser Doppel-CD als Puffer zwischen diese Hauptwerke die zwei Cavatinen von 1882 und 1894 eingefügt, erstere für Solovioline und letztere für Solocello, jeweils mit Begleitung des Orchesters.

Jadassohns Sinfonien sind allesamt viersätzig und kompakt gebaut zwischen 21 (Erste) und 30 (Vierte) Minuten. Zweimal erscheint das Scherzo vor, zweimal nach dem langsamen Satz. Überall umfängt Jadassohn uns mit der Spritzigkeit seiner Erfindung, mit kontrapunktischer Behändigkeit, mit harmonischem Farbenreichtum, mit absolut zielsicherer Formung, mit äußerst präzise durchgezeichneter Orchestration. Insbesondere der Tonfall Robert Schumanns klingt immer wieder deutlich vernehmbar an, oftmals in der Art einer offenherzigen Reminiszenz. Die ersten beiden Sinfonien sind leichtgewichtiger, die beiden späten ernster und pathetischer, gleichwohl bekennen sich auch diese weit mehr zu feierlichem Zeremoniell als zu existenzieller Entfaltung. Für mich sind die Höhepunkte die beiden wirklich langsamen Sätze: das Largo e mesto aus der Ersten Sinfonie (welches, wie der exzellente und kenntnisreiche Booklettext von Franz Groborz vermerkt, thematisch offenkundig an das Allegretto aus Beethovens Siebter Sinfonie angelehnt ist – jedoch eben gerade nicht bezüglich der Geschwindigkeit!) und das Adagio affettuoso aus der Vierten Sinfonie. Leider sind diese beiden Sätze viel zu geschwinde und damit auch oberflächlich gespielt! Als Ganzes halte ich die Dritte und Vierte Sinfonie für die stärkeren Werke, die man gerne auch eingehender studiert, wenngleich die ersten beiden auch viel Reizvolles und Kunstreiches beinhalten. Die zyklische Formung in der Vierten (Wiederkehr der langsamen Kopfsatz-Introduktion zu Beginn des Finales) unterstützt die Geschlossenheit, wogegen gerade auch in dieser Sinfonie die Schlüsse der Ecksätze etwas zu affirmativ ausufernd komponiert sind, was Howard Griffiths dazu animiert, zum Ende hin noch ganz besonders nachdrücklich spielen zu lassen. Keine Frage, dass es sich beim Brandenburgischen Staatsorchester aus Frankfurt an der Oder um einen wirklich soliden Klangkörper handelt, der auf den einzelnen Positionen im Schnitt weit besser besetzt ist als noch vor einem Jahrzehnt. Doch wünschte man sich einen Dirigenten, der das Optimum herauszuholen imstande ist, wobei wir natürlich nicht annehmen können, dass allzu viel Einstudierungszeit zur Verfügung stand. Was steht einer wirklich hochkarätigen Ausführung im Wege? In Kürze einige Aspekte: es vermittelt sich kein Gespür, wo wir uns gerade innerhalb der Spannungskurve der Form befinden, sondern nur kleinteiliges Verständnis; die vorgeschriebenen Rubati werden zwar Buchstaben-getreu ausgeführt, doch ohne Verständnis ihrer energetischen Herkunft aus dem harmonisch-melodischen Verlauf; es wird viel zu wenig Wert auf exakte Ausführung der Tondauern gelegt, und vieles wird einfach beliebig kurz ausgeführt, wo ein klares Aushalten oder wenigstens eine synchrone Abstimmung unbedingt erforderlich ist; viele Tempi sind überhetzt genommen (z. B. auch das Allegro patetico der Vierten Sinfonie); für die Phrasierung der anderen Stimmen als der jeweiligen Hauptstimme, also eine wahrhaft kontrapunktische Ausführung, scheint man keine Zeit gehabt zu haben, und es entsteht auch nicht der Eindruck, der Dirigent habe darauf geachtet, zumal angesichts der meist gesichtslosen melodischen Kontur der Bassstimmen.

Trotzdem ist es natürlich ein Festtag für alle Sammler, dass sie endlich diese wertvollen Beiträge zur Geschichte der deutschen Sinfonik in Händen halten dürfen. Und da die Aufnahmetechnik auf ausgezeichnetem Niveau und der einführende Text hervorragend ist, wird der Hörer auch mit einer Menge Erfreulichem entschädigt.

Christoph Schlüren [29.04.2015]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Salomon Jadassohn
1Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 24 00:20:51
5Cavatine op. 69 für Violine und Orchester 00:09:10
6Sinfonie Nr. 2 A-Dur op. 28 00:40:44
CD/SACD 2
1Sinfonie Nr. 3 D-Dur op. 50 00:28:16
5Cavatine op. 120 für Violoncello und Orchester 00:09:25
6Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 101 00:30:14

Interpreten der Einspielung

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