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CD-Besprechung

Adolph Bernhard Marx

Mose

cpo 555 145-2

2 CD • 2h 03min • 2019

14.12.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Wer sich im Studium mit Musikästhetiken und Kompositionslehren des 19. Jahrhunderts beschäftigte, dem ist Adolph Bernhard Marx ein wohlbekannter Name, bei dessen Erklingen man sich an den Begründer der systematischen Formenlehre (einschließlich des Modells von der dreiteiligen Sonatensatzform) erinnert, oder an den einflussreichsten vormärzlichen Musikjournalisten und -publizisten, der sich zu allen möglichen ästhetischen, historischen und sozialen Themen geäußert und namentlich über die Frage nach dem Fortschritt in der Musik ausgiebig theoretisiert hat.

Kritischer Gegenwind

Während die musikgeschichtliche Bedeutung des Schriftstellers Marx nie bestritten wurde, war der Komponist, als der Marx sich vorrangig sah, lange Zeit völlig vergessen. Allenfalls konnte man in alten Büchern lesen, dass einmal ein Oratorium namens Mose bei der Kritik auf heftigen Gegenwind gestoßen und nach wenigen Aufführungen in der Versenkung verschwunden sei. Einer der Kritiker war damals Robert Schumann, der dem Mose ein vernichtendes Zeugnis ausstellte. 1884 unternahm es schließlich Robert Eitner im Artikel der Allgemeinen Deutschen Biographie, den Komponisten Marx, den er als Mann des Wortes durchaus zu würdigen versteht, an hochoffizieller Stelle als vollkommen gescheitert abzuhaken. Ich gestehe, mir den Mose angesichts dieser Urteile ohne große Erwartungen vorgenommen zu haben. Glücklicherweise hat mich Marx angenehm enttäuscht!

Das Oratorium als Musikdrama

Der Kernsatz von Schumanns Kritik, die auszugsweise im Beiheft wiedergegeben wird, lautet: „Es findet sich im ganzen Moses nicht einmal nur ein in der Form geglücktes, wirklich abgerundetes Musikstück.“ Das ist nicht falsch beobachtet, verrät aber letztlich nur, dass sich Schumann ein Oratorium anders dachte als Marx. Offensichtlich hat Marx im Mose die in sich abgerundeten Einzelsätze ganz gezielt vermieden. Es gibt keine Chöre in Sonatenform, keine Da-capo-Arien, keine regulären Fugen, keine selbstständigen Instrumentalstücke, nichts, das man aus seinem Zusammenhang lösen und einzeln aufführen könnte. Die drei Teile des Oratoriums sind frei durchkomponiert, die musikalische Gestaltung richtet sich nach den Vorgaben der Handlung, die Marx als Abfolge dramatischer Szenen entworfen hat. Chöre und Arien sind ihm nicht mehr statisch-reflektive Nummern, sondern nehmen Anteil daran, das Geschehen voranzubringen. Marx opfert also die formale Geschlossenheit der einzelnen Teile, weil ihm das Oratorium als musikalisches Drama vorschwebt. Richard Wagner hat das durchaus verstanden und zu schätzen gewusst, ohne dass er sich für den Mose besonders eingesetzt hätte.

Gott spricht in acht Stimmen

Die anspruchsvolle Aufgabe, die sich Marx gestellt hat, löst er beachtlich gut. Seine intensiven Bach- und Beethoven-Studien haben ihn zu einem souveränen Kontrapunktiker mit Sinn für harmonische Würze werden lassen, was sich in den Chören immer wieder vorteilhaft zeigt. Seine Melodien mögen nicht die gleiche Festigkeit haben wie bei Bach oder seinem zeitweiligen engen Freund Mendelssohn, doch fallen Marx auch in den Arien genügend interessante Wendungen ein, die ihm die Aufmerksamkeit in diesen Abschnitten sichern. Eine besondere Stärke ist seine Instrumentation. Ob es sich um die Ankündigung der Anwesenheit Gottes in der Wüste durch hohe Holzbläser und Streicher, die Darstellung der über Ägypten hereinbrechenden Finsternis durch tiefe Instrumente mit einzelnen, wie verloren wirkenden Violinläufen darüber, oder das Anbranden der Wellen des Roten Meeres in Form wogender Streicherfiguren und tiefer Haltetöne im Blech handelt: Die Art, wie der Komponist das Orchester zur Charakterisierung der Situationen einsetzt, darf meisterlich genannt werden. Der zweifellos großartigste Einfall im ganzen Werk ist die Umsetzung der Stimme Gottes als achtstimmigen Chor, angesichts derer man getrost behaupten kann, dass der so Dargestellte Marx seine Gnade nicht versagt hat. Die Szene der Berufung Moses durch den Herrn genügt bereits, Eitners Verdikt, bei Marx habe scharfer Verstand fehlende Phantasie ersetzen müssen, Lügen zu strafen. Nein, dieses Oratorium ist nicht das Machwerk eines größenwahnsinnigen Musikkritikers! Es verdient Achtung, nicht nur als gattungsgeschichtliches Dokument, sondern auch als gelungenes Kunstwerk eigenen Rechts.

Kraftvolles Plädoyer

Dirigent Gregor Meyer hatte das Glück, für seine Aufführung des Mose auf durchweg hervorragend disponierte Gesangssolisten zurückgreifen zu können. Auch der GewandhausChor zeigt sich bestens einstudiert und bewältigt die mitunter vertrackte Polyphonie scheinbar mühelos. Den Text versteht man allgemein sehr gut. Die camerata lipsiensis spielt auf technisch hohem Niveau, allerdings stellt sich Meyer die Instrumentalbegleitung auch an Stellen recht leichtfüßig vor, an denen dies weniger passt. So wirken die Begleitakkorde in den durchweg ernsten Rezitativen oft zu verspielt, und die Blechbläser schmettern auch dann munter drein, wenn (etwa in Nr. 6 und Nr. 9) Feierlichkeit am Platze wäre. Dennoch: Die Aufnahme ist ein kräftiges Plädoyer für das Werk und als solches zu empfehlen!

Norbert Florian Schuck [14.12.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Adolph Bernhard Marx
1Mose (Oratorium aus der Heiligen Schrift für Soli, Chor und Orchester) 02:02:30

Interpreten der Einspielung

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