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CD-Besprechung

Tālivaldis Keniņš

Symphony No. 1 • Two Concertos

Ondine ODE 1350-2

1 CD • 58min • 2020

11.12.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit diesem geschichtsträchtigen Album entdeckt das Philharmonische Orchester Riga seinen bedeutenden lettischen Landsmann Talivaldis Kenins (1919-2008) mit einer Verspätung von fast siebzig Jahren. Kenins wurde in Lettland geboren und als Jugendlicher auf das Lycée Champollion in Grenoble geschickt, um zum Diplomaten ausgebildet zu werden. Nach Kriegsbeginn kehrte er in seine Heimat zurück, wo man 1940 seinen Vater verhaftete und in den Gulag deportierte. Talivaldis studierte in Riga Komposition bei Jazeps Vitols (damals bekannt als Joseph Wihtol aus der Petersburger Komponistenschule), dem Vater der modernen lettischen Musik. 1944 floh er vor sowjetischen Armee nach Frankreich und studierte in Paris Komposition bei Tony Aubin und Analyse bei Olivier Messiaen. 1951 ging er nach Kanada, wo er als Organist und bald als Kompositionsprofessor in Toronto wirkte, die kanadische Staatsbürgerschaft annahm und seine neue Heimat fand, während die alte Heimat unter dem Sowjet-Joch ächzte. Kenins war in Europa immer nur ein Geheimtipp. Ende der 1990er Jahre war es der legendäre Musikforscher Paul Rapoport, der mich auf seine Musik aufmerksam machte. Kenins war ein bedeutender Symphoniker und schrieb insbesondere sehr fesselnde konzertante Werke und Kammermusik. Nun also liegt endlich auch eine CD mit seinem Orchesterschaffen vor, die in Europa entstanden ist.

Eminente Meisterschaft eines echten Kosmopoliten

Talivaldi Kenins war ein eminenter Meister, was sich natürlich auch auf rein handwerklichem Gebiet niederschlägt. In den vorliegenden Werken kann man nicht nur hören, wie vollendet flüssig er den Kontrapunkt und wie feinsinnig er die Harmonik zu gestalten wusste, sondern auch, was für ein exzellenter Orchestrator er war. Gerade auch in den kleinen Besetzungen mit Streichorchester ist es faszinierend, welchen Ausdrucksreichtum er den Kombinationen mit Klavier, Flöte, Klarinette und Schlagwerk zu entlocken versteht. Es ist nicht nur äußerst farbenreich, sondern auch voller Überraschungen und höchst delikater Raffinesse. Doch ist diese Orchestration eben nie Selbstzweck, sondern entspricht dem, was der Tonsatz an sich ausdrückt, und versteht es, ganz im Dienste dessen die jeweiligen Aspekte zu vertiefen und zuzuspitzen. Kenins war ein Schöpfer voller Phantasie, der nie die formale Stringenz aus dem Auge verlor. Vom Naturell her war er wohl ein eher introvertierter, melancholischer Lyriker, der sich aufs Intimste in langsamen Sätzen und in der unendlichen Weite mäandernder Übergangswelten zu bewegen versteht. Den Gegenpol bildet dann aber auch eine umso energischere, rhythmisch so spielerische wie dramatisch spanungsgeladene Musik in schnellen Sätzen und Abschnitten, und überall finden wir auch – gewissermaßen Elemente von Strawinsky, Jolivet und Schostakowitsch vereinend – eine sehr wohltuende Abwesenheit von Larmoyanz und aufgeblähtem Pathos vor, die objektivierenderen Eigenschaft wie Lakonismus und verkapptem Humor den Vortritt gewährt. Und natürlich kann man die französische Schulung heraushören, wie dies ja auch zum Beispiel bei dem großen Schweden Gösta Nystroem oder anderen auswärtigen Meistern wie Martinu, Mihalovici, Tansman, Saygun, Riisager, Klami, Laks, Lazar oder Harsányi zu bemerken ist. Diese zeigt sich stets im guten Geschmack, im Esprit, der hier wunderbar mit echter Substanz verschmilzt. Kenins war als Künstler unverkennbar ein Kosmopolit, der unterschiedlichste Einflüsse amalgamierte, und zugleich ist seine lettische Herkunft für jene offenkundig, die die nationale Sprache kennen und spüren.

Zeitlose Modernität

Die schöpferische Entwicklung des Komponisten ist hier in drei klar unterscheidbaren Etappen nachgezeichneten: die 1. Symphonie entstand 1959 (sie steht hier an letzter Stelle), gefolgt 1981 vom ersten Concerto di camera für Klavier, Flöte, Klarinette und Streicher und 1990 vom Konzert für Klavier, Streicher und Schlagzeug. Alle drei Werke haben drei Sätze und dauern zwischen 18 und 21 Minuten.

In der Symphonie hat Kenins, bei aller Knappheit der Form, viel Zeit und lässt die Sache sich quasi von selbst entwickeln. Das Lyrische, organische Verwobene steht im Vordergrund, und Melancholie herrscht als Grundstimmung vor. Das kleine Tripelkonzert bezaubert mit seiner aus klassizistischen Wurzeln gespeisten orchestralen Phantasie und ist für alle drei Solisten sehr dankbar (Flötist Tommaso Pratola und Klarinettist Martins Circenis sind Solisten der Rigaer Philharmoniker). Als bedeutendstes Werk, welches auch in der Dramaturgie am fesselndsten und schlüssigsten gelungen ist, erweist sich das Klavierkonzert, wo wirklich von großer Reife die Rede sein kann, vor allem in der zentralen Passacaglia mit doppelt halbtönigem Zangengriff um den Grundton. Hier tun sich wirklich neue, große Räume auf. Das ist natürlich keine ‚Avantgarde‘, jedoch eine wunderbar eigene Sprache von zeitloser Modernität, die gerne und von Natur aus auch eklektisch ist, was ihre Unverwechselbarkeit nicht verringert. Pianistin Agnese Eglina überzeugt in beiden Konzerten auf voller Linie, und dem Schlagzeuger Edgars Saksons sind sehr dankbare Aufgaben übertragen, zumal Kenins es blendend versteht, Woodblocks ebenso wie jazzige Melodieperkussion zwingend in den Gesamtklang zu integrieren. Auch der Dirigent der beiden Konzerte, Guntis Kuzma, hat die Sache gut im Griff, zumindest folgt hm das Orchester offenkundig willig. In der ersten von Kenins’ 8 Symphonien hat Andris Poga die Leitung, und es ist sehr erfreulich, wie durchsichtig es fast überall klingt, was wohl auch Verdienst der sehr guten, wohlgerundeten Aufnahmetechnik von Normunds Šne (selbst Dirigent) ist. Insgesamt ein gelungenes und für seinen weiteren postumen Durchbruch zuversichtlich stimmendes Plädoyer für einen Großen, der dem Vergessen entrissen werden soll.

Christoph Schlüren [11.12.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Tālivaldis Keniņš
1Concerto di camera Nr. 1 00:20:28
4Concerto for Piano 00:19:22
7Sinfonie Nr. 1 00:17:59

Interpreten der Einspielung

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