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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Matvey Demin (Flute) Gleb Koroleff (Piano)

Poulenc Dutilleux Tchaikovsky Franck Paganini

Ars Produktion 38 319

1 CD/SACD stereo/surround • 66min • 2020

26.06.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Auf der neuen SACD von Ars Produktion debütieren als Duo der aus Sibirien stammende Flötist Matvey Demin – Jahrgang 1993, mehrfacher Preisträger bei internationalen Wettbewerben und schon mit zwanzig Solo-Flötist des Tonhalle-Orchesters Zürich – und der lettische Pianist Gleb Koroleff, der in Riga und Moskau studierte, dann in Deutschland vor allem von Pavel Gililov gefördert wurde, mit einem überwiegend französischen Programm. Aber nur zwei der insgesamt fünf eingespielten Werke sind Originalkompositionen für die präsentierte Besetzung.

Technische Präzision und klanglich beeindruckendes Zusammenspiel

Beide Künstler stehen natürlich rein technisch auf dem heute allseits geforderten Niveau. Bei Demin fällt ein schöner, tragfähiger Ton auf, der lediglich in der Höhe mal etwas spitz klingt – was möglicherweise an nicht optimal platzierten Mikrofonen liegen mag. An sich ist aber gerade die Aufnahmetechnik hier ganz ausgezeichnet und eher weich als zu präsent. Demins Fähigkeiten, schnelle Verzierungen wie Doppelschläge usw. absolut klar und präzise zu spielen, sind ganz außergewöhnlich (nicht nur in La Campanella). Koroleff ist technisch in jeder Hinsicht perfekt; sein Anschlag ist modulationsfähig, sein Akkordspiel nie staksig oder hart. Insgesamt überzeugt die Darbietung vor allem durch optimales Zusammenspiel, sowohl die rhythmische Präzision als gerade auch die genauestens abgestimmte dynamische Balance betreffend. Koroleff deckt den Flötisten also nie zu und sein Pedalgebrauch und das Verständnis für harmonische Zusammenhänge sind hochkultiviert und einheitsstiftend.

Fehlendes Vertrauen in Charme und Dramatik

Poulencs späte Sonate (1957) und die alles andere als harmlose Sonatine von Dutilleux (1943) sind chefs d’œuvre selbst für diese flötenselige Zeit in Frankreich. Die oben geschilderten Vorzüge der beiden Interpreten kommen hier gut zur Geltung, jedoch fehlt über weite Strecken dann doch der typische Charme, den man von dieser immer noch tonalen Musik erwarten darf. Poulenc war ein Witzbold, der gerne mal übertrieb, und Dutilleux‘ sensible Ästhetik verzeiht unsichere oder gar fehlende Agogik rein gar nicht – warum etwa verbreitert Koroleff die wilde Steigerung (avec exaltation) vor der zweiten Flötenkadenz, anstatt noch weiter zu beschleunigen? Das ist alles zu sehr auf absolute Sicherheit bedacht, ohne Mut zum Risiko, gerät so ein wenig zur Technikdemonstration und erinnert mehr an Strawinsky als an französischen Esprit.

Franck-Sonate mit kleinen Schwächen

Francks große Violinsonate wird nach den Cellisten nun auch immer häufiger von der Flötenzunft okkupiert – nicht ganz ungefährlich, da das Klavier, besonders im dichten, quasi kanonartigen Finale, allzu leicht auch akustisch die Oberhand gewinnt. Nicht hier: Koroleff gestaltet dieses musikalisch eh‘ vom Klavier dominierte, zyklische Werk souverän – selten hat man gerade die beiden letzten Sätze derartig zielführend wie klanglich delikat gehört. Und auch die großen, melodischen Apotheosen dort erlangen das nötige Gewicht, obwohl sie ja mit Flöte dynamisch vorsichtiger gespielt werden müssen. Leider gilt das nicht für den Anfang der Sonate – der Kopfsatz wirkt etwas unentschieden, und das große Allegro ist zwar nur eine Spur zu langsam, der Alla-breve-Takt zerfällt jedoch dadurch in Viertel. Trotz wieder hervorragend erarbeiteter Details (Durchführung!) fehlt es erneut an dem hier unbedingt gebotenen dramatischen Zug. Wie man das besser machen kann, bewies das Label erst vor zwei Jahren mit der Einspielung von Sofia de Salis und Iryna Krasnovska; trotzdem ist die Neuaufnahme dank des überragenden Pianisten Koroleff die gelungenere.

Das Booklet: eine Zumutung

Die eher als Zugaben zu verstehenden Beiträge – Tschaikowskys ursprünglich für Violine & Orchester bestimmte Sérénade mélancolique sowie Paganinis La Campanella – sind hinreißend. Demin liegt beim Tschaikowsky besonders der kantable, volksliedhafte Mittelteil; Paganinis Bravourstück gerät sogar angemessen kokett. Das Booklet enthält leider nur ein paar Infos zu den Künstlern – copy & paste von deren Webseiten? Keine Silbe zur Musik; nicht einmal die Namen der Bearbeiter der Werke werden genannt – unverzeihlich, da ja etwa bei La Campanella keineswegs eine 1:1-Transkription des entsprechenden Satzes aus dem 2. Violinkonzert vorliegt. Das ist einer Hochpreis-Veröffentlichung absolut unwürdig und entspricht überhaupt nicht dem ansonsten hohen Standard bei Ars Produktion. Der Gesamteindruck bleibt also durchaus zwiespältig, trotz der vielversprechenden Ansätze bei den zweifellos begabten Musikern.

Vergleichsaufnahmen: Dutilleux – Sharon Bezaly, Ronald Brautigam (BIS-SACD-1429, 2005); Franck [mit Flöte] – Sofia de Salis, Iryna Krasnovska (Ars Produktion ARS 38 543, 2018).

Martin Blaumeiser [26.06.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Francis Poulenc
1Sonate für Flöte und Klavier 00:12:34
Henri Dutilleux
4Sonatine für Flöte und Klavier 00:09:38
Peter Tschaikowsky
5Sérénade mélancholique h-Moll op. 26 00:08:31
César Franck
6Sonate A-Dur 00:28:38
Niccolò Paganini
9La campanella 00:06:16

Interpreten der Einspielung

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