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CD-Besprechung

Äcker des Ruhrgebiets

Eine Symbiose aus Slam Poetry und klassischer Musik

Kaleidos KAL 6354-2

1 CD • 10min • 2020

20.08.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

wNoch unmittelbarer als auf der neuen CD „Äcker des Ruhrgebiets‟ können Literatur der Gegenwart und konzertante Musik wohl kaum in neue Bezüge zueinander treten: Vom Ruhrgebiet als Lebensmittelpunkt, aber auch vom Strukturwandel in dieser Region lässt sich der Poetry-Slam-Autor Jason Bartsch inspirieren. Dessen umfangreicher Text „Was bleibt, ist alles” wird durch das Ensemble Ruhr musikalisch überhöht – in treffsicher ausgewählten und durchweg hervorragend musizierten Kompositionen.

Gegründet im Jahre 2012, ist sein unkonventioneller Ansatz zum Markenzeichen des Ensemble Ruhr geworden. Die Musikerinnen und Musiker arbeiten ohne Dirigenten – stattdessen nehmen sie ausgesuchte Solisten in ihre Mitte, von deren Genius sich alle Beteiligten hörbar anstecken lassen. Das Heraustreten aus dem konventionellen Konzertbetrieb ist erklärtes Programm und wird in spartenübergreifenden Projekten wie der vorliegenden CD mit viel kreativem Geist gepflegt.

Die Äcker des Ruhrgebiets sind aufgebraucht

Bartschs sprachverliebte Wortkunst fängt viele Aspekte des Lebens im Ruhrgebiet ein, auch dessen Schattenseiten. Die „Äcker des Ruhrgebiets‟, gemeint sind die Kohlenflöße des Bergbaus, sind heute unwiderbringlich erschöpft. Die Zeit als Motor für Vergänglichkeit, wo viel Gewesenes und Verbrauchtes sichtbar wird – so etwas ist gerade an vielen Plätzen dieser Region sicht- und spürbar. Andererseits: Wer hier als Entdecker unterwegs ist, dem offenbaren sich auch neue Schönheiten.

Giacomo Puccinis Crisantemi, diese Elegie für Streichquartett, sorgt in ihrem direkten Bezug auf diese moderne, sprachverliebte Ruhrgebiets-Poesie für ein Kopfkino, welches triste Industriebrachen, verfallene Gebäude und Betonwüsten assoziieren lässt. Aber die „Äcker des Ruhrgebiets‟ lassen auch optimistisch in die Zukunft blicken, was einmal mehr eine Lanze für diese dynamische Region bricht. Dazu passt Joseph Haydns Violinkonzert Nr. 4. Mit schwungvoller Spiellust, zugleich leichtfüßig-transparent trägt das Ensemble Ruhr seine reichhaltigen Streicherfarben auf – nicht zuletzt wird durch die reduzierte Besetzung eine barock-affine Schlankheit noch stärker heraus gekehrt. Der Solist Stefan Hempel ist hier mit seiner mitreißenden Virtuosität und kraftvoller Tongebung eine Entdeckung für sich.

Appell an die Kreativität

Mit ebenso viel Schwung und nicht ohne eine gewisse revolutionäre Geste markiert das Erste Streichquartett von Darius Milhaud eine weitere Steigerung, die wiederum dem narrativen Fluss von Bartschs Text gut zu Gesicht steht. Vor allem, da die ausgiebige Tonmalerei in diesem Werk in ihrer Version für Kammerorchesterbesetzung eine weitere Verstärkung erfährt. Musik und Sprache entwickeln eine pulsierende Dynamik, wie sie auch in dieser größten Metropolregion Europas den Alltag bestimmt. So wird daraus ein Appell an die Kreativität, an das Bunte und Kraftvolle, das hier nur geweckt zu werden braucht. Das Impromptu für Streichorchester von Jean Sibelius – im Spiel des Ensemble Ruhr farbenreich und nicht ohne eine leichte Prise Schwermut aufblühend – mündet dann wieder in eine nachdenklichere Diktion. Denn Jason Bartsch enthält uns auch seine Zukunftsvison des Jahres 2030 nicht vor. Er beschreibt, was kommen wird, wenn Zivilisation, Urbanisierung, Kapitalismus und Ressourcen-Raubbau so weitergehen. Am Ende der CD erklingt das Steigerlied, das schon von zahllosen Arbeiterchören gesungen wurde. Ein so dezentes “Glück auf” wie in dieser Streichquartett-Version des Ensemble Ruhr ist wohl noch nie erklungen.

Stefan Pieper [20.08.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Giacomo Puccini
1Crisantemi cis-Moll SC 65 (Elegie) 00:09:40
Joseph Haydn
3Konzert G-Dur Hob. VIIa für Violine und Orchester 00:20:04
Darius Milhaud
10Streichquartett Nr. 1 op. 5 00:29:43
Jean Sibelius
15Impromptu für Streichorchester 00:06:53
Philipp Matthias Kaufmann
16Das Steigerlied für Kammerorchester (Trad. Bergmannslied) 00:03:20

Interpreten der Einspielung

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